IMK: Wie im Vorjahr auf Position sechs

Arbeitskosten: Deutschland weiter im westeuropäischen Mittelfeld, Anstieg zuletzt unter dem EU-Durchschnitt

Hans-Böckler-Stiftung, Pressemitteilung vom 03.07.2019

Trotz des langjährigen wirtschaftlichen Booms rangiert Deutschland bei den Arbeitskosten für die private Wirtschaft weiterhin lediglich im oberen Mittelfeld Westeuropas. 2018 sind die deutschen Arbeitskosten nominal um 2,3 Prozent gestiegen. Das entspricht dem Durchschnitt des Euroraums und liegt einen halben Prozentpunkt niedriger als im Mittel der EU. Zudem sind die Effekte einer langen Schwächephase in den 2000er-Jahren längst noch nicht ausgeglichen: Schaut man auf den gesamten Zeitraum von 2001 bis Ende 2018, verzeichnete die Bundesrepublik den drittgeringsten Anstieg bei den Arbeitskosten in der EU. Mit Arbeitskosten von 35 Euro pro Stunde lag die Bundesrepublik 2018 wie im Jahr zuvor an sechster Stelle unter den EU-Ländern hinter Dänemark, Luxemburg, Belgien, Schweden und Frankreich. Die Niederlande, Finnland und Österreich haben mit 34,70 bis 34,30 Euro pro Stunde fast die gleichen Arbeitskosten wie Deutschland. Zu diesen Ergebnissen kommt der neue Arbeits- und Lohnstückkostenreport, den das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung am 03.07.2019 auf einer Pressekonferenz in Berlin vorstellt. Die Studie zeigt auch, dass Staat und Unternehmen künftig deutlich mehr investieren müssen, um längerfristig ein befriedigendes Wachstum der Produktivität sicherzustellen.

Da die Löhne in den vergangenen Jahren wieder etwas stärker gestiegen sind, habe sich die Entwicklung der Arbeitskosten „normalisiert", konstatiert das IMK. Trotzdem weist Deutschland im Gesamtzeitraum seit 2001 mit 2,1 Prozent im Jahresmittel zusammen mit Italien den drittniedrigsten Anstieg nach den Euro-Krisenländern Griechenland und Portugal auf. Es bestehe deshalb „weiterhin noch Spielraum nach oben", schreiben die Studienautoren Prof. Dr. Alexander Herzog-Stein, Dr. Ulrike Stein und Dr. Rudolf Zwiener. Ähnlich sehe es bei der für die internationale Wettbewerbsfähigkeit wichtigeren Entwicklung der Lohnstückkosten aus. Auch die seit der Jahrtausendwende aufgelaufenen Ungleichgewichte bei der Entwicklung von Binnennachfrage und Exporten sind laut der IMK-Analyse längst noch nicht ausgeglichen: Während die Inlandsnachfrage in Deutschland seit der Jahrtausendwende real um 18 Prozent zugelegt hat, expandierten die Ausfuhren um mehr als 120 Prozent. Deutschland wird in diesem Jahr zum neunten Mal in Folge die von der EU gezogene Stabilitäts-Obergrenze für Überschüsse in der Leistungsbilanz deutlich überschreiten, so die Ökonomen.

Steigende Reallöhne stützen deutsche Wirtschaft in konjunkturell schwieriger Situation

„Die Rückkehr zu normalen Lohnerhöhungen in den vergangenen Jahren erweist sich derzeit als wichtiger Stabilitätsanker für die deutsche Wirtschaft", sagt Prof. Dr. Sebastian Dullien, der wissenschaftliche Direktor des IMK. „Derzeit stützt vor allem die Konsumnachfrage der privaten Haushalte die deutsche Konjunktur. Aufgrund des schwierigen außenwirtschaftlichen Umfelds hat die deutsche Industrie zuletzt massiv an Dynamik verloren. Hätten wir nun ein Konsumwachstum so schwach wie Mitte der 2000er-Jahre, wäre die deutsche Wirtschaft schon längst wieder in der Rezession. Und diese starke Konsumnachfrage wäre ohne die robusten Lohnerhöhungen der vergangenen Jahre nicht denkbar." Grund ist laut Dullien eine Trendwende in den Lohnerhöhungen etwa seit kurz nach der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise. „Von 2001 bis 2010 stiegen die deutschen Arbeitskosten im Schnitt um 1,7 Prozent pro Jahr. Weil die Inflation damals fast ebenso hoch war, stagnierten die realen Einkommen. Der Konsum konnte die Konjunktur nicht stützen. Seit 2010 sind die Arbeitskosten im Schnitt um 2,5 Prozent gestiegen, während die Inflation unter 1,5 Prozent lag. Dieser reale Lohnanstieg finanziert nun den Konsum."

Sorgen um die preisliche internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen müsse man sich trotzdem derzeit nicht machen, so Dullien. „Die deutschen Unternehmen sind von ihren Arbeitskosten her weiter sehr wettbewerbsfähig. Allerdings kämpfen die Betriebe mit anderen Problemen - wie der zunehmend maroden öffentlichen Infrastruktur. Inzwischen geben in Umfragen rund zwei Drittel der deutschen Unternehmen an, durch Infrastrukturmängel regelmäßig in ihrer Geschäftstätigkeit behindert zu werden." Dies erkläre auch, warum sich die deutschen Unternehmen trotz anhaltend hoher Gewinne, niedriger Schuldenstände und günstigen Finanzierungsbedingungen in den vergangenen Jahren mit Investitionen zurückgehalten hätten. „Wenn der Service-Mitarbeiter wegen gesperrter Brücken auf der Autobahn im Stau steht, ist er nicht produktiv, verursacht aber trotzdem Kosten. Um die Unternehmen wieder zu mehr Investitionen zu bringen, muss die öffentliche Hand sich auch endlich wieder um die öffentliche Infrastruktur kümmern - und das heißt: Wir brauchen mehr staatliche Investitionen", so Dullien.

Lohnstückkostenentwicklung: Fast 7 Prozentpunkte unter dem Mittel des Euroraums

Auch bei den Lohnstückkosten, die die Arbeitskosten ins Verhältnis zum Produktivitätsfortschritt setzen, weist Deutschland für den Zeitraum von 2000 bis Ende 2018 weiterhin eine moderate Tendenz auf. Trotz einer ebenfalls stärkeren Steigerung in den vergangenen Jahren sind sie seit Beginn der Währungsunion deutlich schwächer gestiegen als in fast allen anderen Mitgliedstaaten des Euroraums - und schwächer, als mit dem Inflationsziel der EZB vereinbar ist. Die deutsche Lohnstückkostenentwicklung lag zuletzt laut IMK immer noch um kumuliert knapp 7 Prozentpunkte unter dem Durchschnitt des Euroraums und gut 10 Prozentpunkte unter dem Durchschnitt des Euroraums ohne Deutschland. Das langjährige extrem schwache Wachstum der deutschen Lohnstückkosten trug zu den ausgeprägten wirtschaftlichen Ungleichgewichten im Euroraum bei.

Eine langfristig „stabilitätskonforme" Wachstumsrate der Lohnstückkosten liegt nach Analyse des IMK bei knapp zwei Prozent pro Jahr - der EZB-Zielinflationsrate. Dieser Wert ist im Jahr 2018 im Euroraum mit 1,9 Prozent erreicht worden. In Deutschland lag die Rate 2018 bei 2,8 Prozent, da der Produktivitätsfortschritt aufgrund der konjunkturellen Abschwächung des Wirtschaftswachstums im Jahresverlauf faktisch zum Stillstand kam. Im längerfristigen Durchschnitt seit 2000 nahmen die deutschen Lohnstückkosten aber nur um 1,1 Prozent im Jahr zu.

Mangelnde Investitionen drücken auf die Produktivität

Um Deutschland und den EU-Staaten ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu ermöglichen, empfehlen die Ökonomen eine makroökonomisch ausgerichtete Lohnpolitik, die sich an der Summe aus EZB-Zielinflation und dem längerfristigen Trend des Produktivitätszuwachses orientiert. Diese Marke sei in den 2000er-Jahren deutlich unterschritten worden, wobei insbesondere die mittleren und niedrigeren Löhne deutlich hinter der durchschnittlichen Produktivität zurückgeblieben sind, zeigen die Forscher. Die stärkeren Zuwächse seit Ende der Finanz- und Wirtschaftskrise hätten den Rückstand lediglich „zum Teil etwas korrigiert".

Ein wichtiger Faktor für eine wachstumsorientierte Lohnentwicklung in der Zukunft sind deutlich stärkere Investitionen als in den vergangenen Jahren, zeigen die Experten. Denn wie in anderen Industrieländern auch hat sich der Produktivitätsfortschritt in Deutschland im Vergleich zu den 1990er-Jahren spürbar verlangsamt. Eine gängige Erklärung für dieses Phänomen ist, dass der technische Fortschritt trotz zunehmender Digitalisierung die messbare Produktivität zuletzt weniger stark angetrieben hat. In der Folge lahme die so genannte „Totale Faktorproduktivität" (TFP).

Allerdings erklärt dieses Phänomen nach Analyse des IMK die geringere Produktivität nur zum Teil, zumal die TFP seit 2010 auch wieder stärker steige. Entscheidend sei daher etwas anderes, betonen die Forscher: „Vielmehr hat sich, beginnend seit Mitte der 1990er-Jahre, der Prozess der Kapitalvertiefung - der Zuwachsrate der Kapitalintensität je geleisteter Arbeitsstunde, die getrieben wird von den Investitionen - im Trend merklich verlangsamt. Die Investitionszurückhaltung, die deutsche Unternehmen trotz guter Gewinnsituation in den vergangenen Jahren praktizierten, erkläre rund die Hälfte der Verlangsamung bei der Produktivität.

„Die Zahlen aus dem IMK-Report belegen, dass die Investitionsschwäche zunehmend den deutschen Wohlstand gefährdet. In den 1990er-Jahren hat noch die Anschaffung neuer Kapitalgüter in den Betrieben spürbar zur Produktivitätssteigerung beigetragen. Inzwischen ist davon in den Zahlen nichts mehr zu sehen. Zuletzt ist sogar der Kapitalstock pro geleisteter Arbeitsstunde leicht zurückgegangen und hat so die Produktivität gebremst", sagt Sebastian Dullien. „Das ist auch problematisch, weil langfristig das Produktivitätswachstum den Verteilungsspielraum bestimmt. Weniger Produktivität bedeutet dann am Ende: Niedrigeres Lohnwachstum, weniger Gewinne und für alle weniger Einkommen."

Arbeitskosten 2018: 35,00 Euro pro Stunde

Zu den Arbeitskosten zählen neben dem Brutto-Lohn die Arbeitgeberanteile an den Sozialbeiträgen, Aufwendungen für Aus- und Weiterbildung sowie als Arbeitskosten geltende Steuern. Das IMK nutzt für seine Studie die neuesten verfügbaren Zahlen der europäischen Statistikbehörde Eurostat.

2018 mussten deutsche Arbeitgeber in der Privatwirtschaft (Industrie und privater Dienstleistungsbereich) 35,00 Euro pro geleistete Arbeitsstunde aufwenden. Höher liegen die Arbeitskosten in fünf Ländern: In Dänemark, Luxemburg, Belgien, Schweden und Frankreich müssen zwischen 44,70 und 36,50 Euro pro Stunde ausgegeben werden. Fast gleichauf mit den Deutschen sind die Arbeitskosten in den Niederlanden, Finnland und Österreich. Der Durchschnitt des Euroraums liegt bei 30,60 Euro. Nur geringfügig niedriger sind die Arbeitskosten in Irland (30,50 Euro). Die Arbeitskosten in Großbritannien (26,30 Euro) sind in Euro gerechnet um 2,3 Prozent gestiegen, auf Pfundbasis um 3,3 Prozent.

Italien weist mit 27,20 Euro die höchsten Arbeitskosten in Südeuropa auf und liegt knapp über dem EU-Mittel von 27,00 Euro. In den übrigen südlichen EU-Staaten betragen die Arbeitskosten zwischen 21,10 Euro (Spanien) und 13,30 Euro (Portugal). Die „alten" EU-Länder Griechenland und Portugal liegen mittlerweile deutlich hinter dem EU-Beitrittsland Slowenien mit 18,30 Euro. In der Tschechischen Republik, Estland, der Slowakei, Kroatien, Ungarn, Polen, Lettland und Litauen betragen die Stundenwerte zwischen 12,70 und 9,20 Euro. In diesen Ländern waren die Steigerungsraten mit knapp sechs bis gut 12 Prozent im vergangenen Jahr erneut überdurchschnittlich. Schlusslichter sind Rumänien und Bulgarien mit Arbeitskosten von 6,50 bzw. 5,30 Euro pro Stunde, allerdings bei Zuwächsen von 8,5 und 6,5 Prozent.

Arbeitskosten in der Industrie und im Dienstleistungsbereich

Im Verarbeitenden Gewerbe betrugen 2018 die Arbeitskosten in Deutschland 40,00 Euro pro Arbeitsstunde. Im EU-Vergleich steht die Bundesrepublik damit wie in den Vorjahren an vierter Stelle als Teil einer größeren Gruppe von Industrieländern, die deutlich über dem Euroraum-Durchschnitt von 32,90 Euro liegen. Dazu zählen auch Dänemark mit industriellen Arbeitskosten von 45,30 Euro, Belgien (42,60 Euro), Schweden (40,70 Euro) sowie Frankreich (37,60 Euro), Österreich (37,20 Euro) und Finnland (36,80 Euro). Dabei ist nicht berücksichtigt, dass das Verarbeitende Gewerbe in der Bundesrepublik stärker als in jedem anderen EU-Land von günstigeren Vorleistungen aus dem Dienstleistungsbereich profitiert (siehe folgenden Abschnitt). 2018 stiegen die industriellen Arbeitskosten in Deutschland um 1,9 Prozent und damit schwächer als im Durchschnitt von EU (2,6 Prozent) und Euroraum (2,1 Prozent).

Im privaten Dienstleistungssektor lagen die deutschen Arbeitskosten 2018 mit 32,50 Euro weiterhin an neunter Stelle nach den nordischen EU-Staaten, den Benelux-Ländern, Frankreich und Österreich. Den höchsten Wert wies Dänemark mit 44,90 Euro aus, der Durchschnitt im Euroraum beträgt 29,60 Euro, in der gesamten EU 27,00 Euro. 2018 stiegen die Arbeitskosten im deutschen Dienstleistungssektor um 2,6 Prozent. Damit lag der Zuwachs geringfügig unter dem Durchschnitt in der EU (2,7 Prozent) und geringfügig über dem im Euroraum (2,5 Prozent).

Industrie kann Vorleistungen günstiger einkaufen

In Deutschland ist der Abstand der Arbeitskosten zwischen Verarbeitendem Gewerbe und Dienstleistungssektor weiterhin größer als in jedem anderen EU-Land, so das IMK. Er betrug Ende 2018 knapp 19 Prozent. Vom vergleichsweise niedrigen Arbeitskostenniveau in den deutschen Dienstleistungsbranchen profitiert auch die Industrie, die dort Vorleistungen nachfragt. Dadurch entsteht nach Berechnungen des IMK eine Kosteneinsparung für die Industrie von rund 4 Euro pro Stunde. Während der Dienstleistungssektor die Industrie hierzulande deutlich entlaste, sei es insbesondere in den mittel- und osteuropäischen EU-Ländern umgekehrt, so die Forscher.

Quelle: Hans-Böckler-Stiftung