Europa-Vergleich des IMK

Arbeitskosten: In der EU sehr verhaltene Entwicklung, Deutschland rückt auf Position sieben, langjähriger Rückstand nicht aufgeholt

Hans-Böckler-Stiftung, Pressemitteilung vom 10.07.2017

Die sehr großen Überschüsse in der deutschen Leistungsbilanz sorgen für scharfe Kritik unter Ökonomen, internationalen Organisationen und ausländischen Politikern. Die Arbeits- und Lohnstückkosten sind wesentliche, wenn auch längst nicht die einzigen Faktoren, die das Verhältnis von Aus- und Einfuhren und das Wachstum von Exporten und Binnennachfrage beeinflussen. Durch eine stärkere Lohnentwicklung hat die Entwicklung der Arbeitskosten in Deutschland in den letzten fünf Jahren angezogen. Allerdings sind damit die Effekte einer sehr langen Schwächephase in den 2000er Jahren nur zum kleineren Teil ausgeglichen. Zu diesen Ergebnissen kommt der neue Arbeits- und Lohnstückkostenreport, den das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung am 10.07.2017 auf einer Pressekonferenz in Berlin vorstellte.

Deutschland rangiert bei den Arbeitskosten für die private Wirtschaft weiterhin im oberen Mittelfeld Westeuropas: Ende 2016 lag die Bundesrepublik mit Arbeitskosten von 33,60 Euro pro Stunde an siebter Stelle unter den EU-Ländern und hat mit den Niederlanden (33,40 Euro) knapp den Platz getauscht. Mit nominal 2,5 Prozent lag der Zuwachs der deutschen Arbeitskosten 2016 zwar klar oberhalb des sehr niedrigen Durchschnitts von EU (1,6 Prozent) und Euroraum (1,3 Prozent). „Aber dieser Wert stellt noch längst keine Gefahr für die Wettbewerbsfähigkeit oder die Preisstabilität dar. Im Gegenteil, diese Steigerungen reichen noch nicht aus, um das Inflationsziel der Europäischen Zentralbank (EZB) von knapp 2 Prozent zu erreichen“, betonen die Forscher. Schaut man auf den längeren Zeitraum von 2000 bis 2016, bleibt die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate der deutschen Arbeitskosten mit 2,0 Prozent weiter deutlich hinter den Durchschnitten von Euroraum (2,4 Prozent) und EU (2,7 Prozent) zurück. Deutschland weist damit seit der Jahrtausendwende den drittniedrigsten Zuwachs aus - nach den Krisenländern Griechenland und Portugal. Ähnlich sieht es bei der für die internationale Wettbewerbsfähigkeit wichtigeren Lohnstückkostenentwicklung aus. Dementsprechend sind die Ungleichgewichte bei der Entwicklung von Binnennachfrage und Exporten längst noch nicht ausgeglichen: Während die Inlandsnachfrage in Deutschland seit der Jahrtausendwende real um 13 Prozent zugelegt hat, expandierten die Ausfuhren um mehr als 120 Prozent.

„Die deutsche Wirtschaft ist international enorm wettbewerbsfähig, die Unternehmen verdienen sehr gut. Das zeigen alle aktuellen Parameter und Prognosen“, sagt Prof. Dr. Gustav A. Horn, der wissenschaftliche Direktor des IMK. „Die deutsche Wirtschaft wächst solide, und das nicht trotz, sondern wegen der etwas stärkeren Zunahme bei den Löhnen. Denn in einem schwierigen weltwirtschaftlichen Umfeld, in Zeiten von Trump und Brexit, brauchen wir privaten und öffentlichen Konsum in Deutschland und Investitionen als Säulen der Wirtschaftsentwicklung. Da sehen wir auch noch einige Luft nach oben. Man muss sich neben der längerfristigen Entwicklung von Arbeits- und Lohnstückkosten nur vor Augen führen, dass die gesamten Nettoinvestitionen der deutschen Unternehmen Anfang der 1990er Jahre noch rund 50 Prozent ihrer Gewinne entsprachen. Seitdem sind die Erträge stark gewachsen, die Investitionen absolut und relativ extrem gesunken - auf nur noch vier Prozent, gemessen an den Gewinnen.“

Lohnstückkostenentwicklung: Gut 8 Prozentpunkte unter dem Mittel des Euroraums

Auch bei den für die internationale Wettbewerbsfähigkeit wichtigeren Lohnstückkosten weist Deutschland für den Zeitraum von 2000 bis Ende 2016 weiterhin eine moderate Tendenz auf. Trotz einer ebenfalls etwas stärkeren Steigerung in den vergangenen Jahren, die die Experten des IMK als „Schritt zur Normalisierung“ bezeichnen, sind die deutschen Lohnstückkosten seit Beginn der Währungsunion deutlich schwächer gestiegen als in allen anderen Mitgliedstaaten des Euroraums mit Ausnahme von Irland - und schwächer, als mit dem Inflationsziel der EZB vereinbar ist. Die deutsche Lohnstückkostenentwicklung lag zuletzt laut IMK immer noch um kumuliert gut 8 Prozentpunkte unter dem Durchschnitt des Euroraums. Das langjährige extrem schwache Wachstum der deutschen Lohnstückkosten trug zu den ausgeprägten wirtschaftlichen Ungleichgewichten im Euroraum bei, schreiben die Studienautoren Dr. Alexander Herzog-Stein, Dr. Ulrike Stein, Dr. Rudolf Zwiener und Nora Albu.

Die Wissenschaftler heben in diesem Zusammenhang auch hervor, wie wichtig der richtige Untersuchungszeitraum für ein aussagefähiges Ergebnis ist. Sie wählen als Ausgangspunkt die Jahrtausendwende, weil zu diesem Zeitpunkt die Leistungsbilanz der Euro-Länder am ausgeglichensten war. Der Saldo in der deutschen Leistungsbilanz lag sogar nahe Null. Ein derart „wettbewerbsneutraler“ Startpunkt fehle bei anderen Untersuchungen, die teilweise in die 1990er Jahre zurückgehen.

Eine langfristig „stabilitätskonforme“ Wachstumsrate der Lohnstückkosten liegt nach Analyse des IMK bei knapp zwei Prozent pro Jahr - der EZB-Zielinflationsrate. Dieser Wert sei im Jahr 2016 in Deutschland mit 1,8 Prozent zwar fast erreicht worden, während die Rate im Euroraum bei extrem niedrigen 0,9 Prozent lag. Im längerfristigen Durchschnitt seit 2000 nahmen die deutschen Lohnstückkosten aber nur um 1,0 Prozent im Jahr zu.

Um Deutschland und den EU-Staaten ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu ermöglichen, empfehlen die Ökonomen eine makroökonomisch ausgerichtete Lohnpolitik, die sich an der Summe aus EZB-Zielinflation und dem längerfristigen Trend des Produktivitätszuwachses orientiert. Der sehr hohe deutsche Leistungsbilanzüberschuss lasse sich aber nur nennenswert reduzieren, wenn im Rahmen einer Wachstumsstrategie zu einer soliden Lohnentwicklung vor allem auch eine deutlich expansivere Finanzpolitik tritt, durch die auch mehr aus dem Ausland importiert werde. Ausreichender fiskalischer Spielraum dafür sei vorhanden - auch weil höhere Löhne und mehr Konsum über Steuern die Staatskassen zusätzlich füllen. „In solch einer Kombination von höheren Lohnsteigerungen und einer deutlich expansiveren Finanzpolitik liegt der Schlüssel für einen Abbau der Leistungsbilanzüberschüsse“, schreiben die Forscher. Das IMK hat diesen Zusammenhang kürzlich in einer eigenen Studie untersucht.

Arbeitskosten 2016: 33,60 Euro pro Stunde

Zu den Arbeitskosten zählen neben dem Bruttolohn die Arbeitgeberanteile an den Sozialbeiträgen, Aufwendungen für Aus- und Weiterbildung sowie als Arbeitskosten geltende Steuern. Das IMK nutzt für seine Studie die neuesten verfügbaren Zahlen der europäischen Statistikbehörde Eurostat.

2016 mussten deutsche Arbeitgeber in der Privatwirtschaft (Industrie und privater Dienstleistungsbereich) 33,60 Euro pro geleistete Arbeitsstunde aufwenden. Höher liegen die Arbeitskosten in sechs Ländern: In Dänemark, Belgien, Schweden, Luxemburg, Frankreich und Finnland müssen zwischen 43,80 und 33,70 Euro pro Stunde ausgegeben werden. Fast gleichauf mit den deutschen sind die Arbeitskosten in den Niederlanden (33,40 Euro), Österreich (32,80 Euro) folgt mit geringem Abstand. Der Durchschnitt des Euroraums liegt bei 29,80 Euro. Etwas darunter folgen Irland, das 2016 Arbeitskosten von 29,20 Euro auswies, und Italien (27,00 Euro). Die Arbeitskosten in Großbritannien (26,10 Euro) sind in Euro gerechnet kräftig zurückgegangen. Das beruht aber auf dem Wertverfall des Pfunds. In einheimischer Währung stiegen sie um 1,5 Prozent.

In den meisten südeuropäischen EU-Staaten betragen die Arbeitskosten zwischen 21,10 Euro (Spanien) und 12,50 Euro (Malta). Die „alten“ EU-Länder Griechenland und Portugal liegen mittlerweile hinter dem EU-Beitrittsland Slowenien, wo 16,00 Euro aufgewendet werden müssen. In Estland, der Slowakei, der Tschechischen Republik, Kroatien, Polen, Ungarn, Lettland und Litauen betragen die Stundenwerte zwischen 11,30 und 7,50 Euro. In den meisten dieser Länder waren die Steigerungsraten mit bis zu 8,4 Prozent im vergangenen Jahr überdurchschnittlich, während die Entwicklung in den meisten (ehemaligen) Krisenländern teils leicht negativ war (Italien, Portugal), teils nahezu stagnierte, was auch in Belgien, Finnland und Österreich der Fall war. Schlusslichter sind Rumänien und Bulgarien mit Arbeitskosten von 5,40 bzw. 4,40 Euro pro Stunde, allerdings bei Zuwächsen von 8 bis rund 10 Prozent.

Arbeitskosten in Industrie und Dienstleistungsbereich

Im Verarbeitenden Gewerbe betrugen 2016 die Arbeitskosten in Deutschland 39,00 Euro pro Arbeitsstunde. Im EU-Vergleich steht die Bundesrepublik damit wie im Vorjahr an vierter Stelle als Teil einer größeren Gruppe von Industrieländern, die deutlich über dem Euroraum-Durchschnitt von 32,40 Euro liegen. Dazu zählen auch Dänemark mit industriellen Arbeitskosten von 43,50 Euro, Belgien (43,30 Euro), Schweden (42 Euro) sowie Frankreich (37,60 Euro), Finnland (37,00 Euro), Österreich (35,60 Euro) und die Niederlande (35,40 Euro). Dabei ist nicht berücksichtigt, dass das Verarbeitende Gewerbe in der Bundesrepublik stärker als in jedem anderen EU-Land von günstigeren Vorleistungen aus dem Dienstleistungsbereich profitiert (siehe folgenden Abschnitt). 2016 stiegen die industriellen Arbeitskosten in Deutschland um 2,5 Prozent (2015: 2,6 Prozent). Im Durchschnitt der EU waren es 1,7 und im Euroraum 1,5 Prozent.

Im privaten Dienstleistungssektor lagen die deutschen Arbeitskosten 2016 mit 30,60 Euro weiterhin an neunter Stelle nach den nordischen EU-Staaten, den Benelux-Ländern, Frankreich und Österreich. Den höchsten Wert wies Dänemark mit 44,20 Euro aus, der Durchschnitt im Euroraum beträgt 28,80 Euro, in der gesamten EU 25,90 Euro. 2016 stiegen die Arbeitskosten im deutschen Dienstleistungssektor um 2,4 Prozent. Damit lag der Zuwachs über dem Durchschnitt in EU (1,5 Prozent) und Euroraum (1,2 Prozent), war aber niedriger als 2015 (2,7 Prozent).

Industrie kann Vorleistungen günstiger einkaufen

In Deutschland ist der Abstand der Arbeitskosten zwischen Verarbeitendem Gewerbe und Dienstleistungssektor weiterhin größer als in jedem anderen EU-Land, so das IMK. Er betrug Ende 2016 mehr als 21 Prozent. Vom vergleichsweise niedrigen Arbeitskostenniveau in den deutschen Dienstleistungsbranchen profitiert auch die Industrie, die dort Vorleistungen nachfragt. Dadurch entsteht nach neuen Berechnungen des IMK derzeit eine Kosteneinsparung für die Industrie von rund 11 Prozent oder mehr als 4 Euro pro Stunde. Während der Dienstleistungssektor die Industrie hierzulande deutlich entlaste, sei es insbesondere in den mittel- und osteuropäischen EU-Ländern umgekehrt, so die Forscher.

Quelle: Hans-Böckler-Stiftung