Konjunkturprognose Frühjahr 2020

BIP dürfte 2020 schrumpfen

IfW Kiel, Pressemitteilung vom 12.03.2020

Als Folge des Corona-Virus rechnet das IfW Kiel mit einem harten Konjunktureinbruch, gefolgt von einer starken Gegenbewegung. Das BIP in Deutschland dürfte 2020 um 0,1 Prozent schrumpfen, 2021 dann um 2,3 Prozent zulegen. Ein solcher konjunktureller V-Effekt ist auch für den Euroraum und die Weltkonjunktur zu erwarten. Der staatliche Haushaltssaldo dürfte dieses Jahr nur noch leicht positiv und 2021 leicht negativ sein.

Die Folgen der Corona-Pandemie unterbrechen die sich abzeichnende zaghafte Belebung der deutschen Konjunktur jäh und kosten über einen Prozentpunkt an Wirtschaftsleistung in diesem Jahr. Die Industrie rutscht wieder tiefer in die Rezession. Die Binnenwirtschaft, bislang Stütze der konjunkturellen Entwicklung, gerät ebenfalls unter Stress. Weltweit ist mit drastischen Rückgängen der Wertschöpfung zu rechnen. Dies geht aus den heute veröffentlichten Konjunkturprognosen für Deutschland, den Euroraum und die Weltwirtschaft des Instituts für Weltwirtschaft Kiel (IfW Kiel) hervor.

„Die konkreten wirtschaftlichen Folgen durch das Corona-Virus sind derzeit kaum zu beziffern. Die Prognose unterliegt einer erheblichen Unsicherheit und beruht auf der für uns zum Zeitpunkt der Erstellung wahrscheinlichsten Annahme, dass die Pandemie zur Mitte des Jahres abflaut und es danach zu spürbaren wirtschaftlichen Aufholeffekten kommt. Das wäre dann eine Rezession im Zeitraffer", sagte IfW-Konjunkturchef Stefan Kooths.

Erst Einbruch, dann Gegenbewegung

In diesem Szenario schrumpft das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im ersten Quartal um 0,4 Prozent und im zweiten Quartal um 1 Prozent. Ab dem dritten Quartal dürfte eine starke Gegenbewegung einsetzen und das BIP im Winter zum Vorjahresniveau aufgeschlossen haben. „Mehr Arbeitstage im Schlussquartal erleichtern das Aufholen der Produktionsausfälle, das ist aber nur ein Zwischenspurt", so Kooths. Während das BIP in diesem Jahr um 0,1 Prozent schrumpft, dürfte es im nächsten Jahr um 2,3 Prozent zulegen.

Damit korrigiert das IfW seine bisherige Prognose für das laufende Jahr aufgrund der Corona-Pandemie um 1,2 Prozentpunkte nach unten, für das kommende Jahr um 0,8 Prozentpunkte nach oben. Durch eine hohe Anzahl an Werktagen ist die Zuwachsrate 2020 überzeichnet, ohne diesen Kalendereffekt würde das BIP sogar um 0,4 Prozent schrumpfen. Die hohen Zuwachsraten in der zweiten Jahreshälfte führen zu einem statistischen Überhang, der 2021 einen ganzen Prozentpunkt der Jahreszuwachsrate ausmacht.

„Maßgeblich für die wirtschaftlichen Einbußen sind Vorsichtsmaßnahmen, die Teile des Wirtschaftslebens ebenso hemmen wie die hohe Unsicherheit über Dauer und Schwere der Pandemie und ihrer Folgen. Hinzu kommen Produktionsrückgänge, weil Vorprodukte aus Asien nicht oder zu spät geliefert werden", sagte IfW-Präsident Gabriel Felbermayr.

Rezession im Euroraum

Auch im Euroraum dürfte eine Rezession - insbesondere in Italien, aber auch im Durchschnitt der Währungsunion - unvermeidbar sein. Das BIP im Euroraum schrumpft demnach im laufenden Jahr um 1 Prozent und legt im kommenden Jahr wieder um etwas über 2 Prozent zu. Die Arbeitslosenquote im Euroraum wird wohl vorerst wieder steigen, und der zuletzt moderate Verbraucherpreisanstieg wird sich merklich verlangsamen.

Global sind die negativen Effekte durch das Virus neben Europa vor allem in Asien besonders stark. Erhebliche wirtschaftliche Einbußen sind angesichts stark gesunkener Rohstoffpreise auch für die Schwellenländer zu erwarten. Selbst unter optimistischen Annahmen über den weiteren Verlauf der Pandemie dürfte die Zuwachsrate der Weltproduktion im Jahr 2020 insgesamt von 3 Prozent auf 2 Prozent zurückgehen - die geringste Zunahme seit der Großen Rezession 2008/2009. Kommt es zu einer zügigen Normalisierung der Lage, ist 2021 ein Produktionsanstieg von 4 Prozent zu erwarten.

Kooths: „In China dürfte die Wertschöpfung im ersten Quartal 2020 erstmals seit Mao Zedong deutlich schrumpfen, allerdings ist aufgrund des drastischen Durchgreifens des Staates mit einer raschen Erholung zu rechnen. Wie stark die Krise Italien wirklich erwischt, welche Schwierigkeiten das für die Eurozone bringt und was Corona für die Wirtschaft in den USA bedeutet, ist momentan kaum abzusehen. Für die deutsche Konjunktur bestehen daher erhebliche Abwärtsrisiken über das hier skizzierte Szenario hinaus. Aber es gibt auch Aufwärtschancen, etwa einer rascher als erwarteten medizinischen Lösung zur Eindämmung der Pandemie oder ihrer gesundheitlichen Folgen."

Bauwirtschaft und Arbeitsmarkt kaum negativ betroffen

Die deutschen Exporte dürften erstmals seit der Großen Rezession auch auf Jahresbasis schrumpfen und im Vergleich zum Vorjahr um 1 Prozent zurückgehen. „Der Corona-Effekt schickt die Industrierezession in die Verlängerung, damit werden sich auch die Ausrüstungsinvestitionen erst später stabilisieren", so Kooths. Die Unternehmensinvestitionen insgesamt dürften im laufenden Jahr um etwa 1 Prozent zurückgehen. Die Zuwachsrate der privaten Konsumausgaben dürfte sich gegenüber dem Vorjahr und dem Referenzszenario ohne Corona-Effekt auf 0,4 Prozent vierteln, wobei hier vor allem Vorsichtsmaßnahmen der Verbraucher durchschlagen, weniger Einkommenseffekte - ablesbar an der von 10,9 Prozent (2019) auf 11,6 Prozent (2020) steigenden privaten Sparquote.

Die Bauwirtschaft dürfte hingegen kaum betroffen sein, weil diese weiterhin von einer regen Wohnungsnachfrage profitiert und auch produktionsseitig keine größeren Einschränkungen etwa durch fehlendes Material oder Arbeitskräfte zu erwarten sind. Die Bauinvestitionen dürften dieses und nächstes Jahr um 3,4 Prozent bzw. 2,8 Prozent zulegen. Für den Arbeitsmarkt erwarten die IfW-Forscher kaum negative Beschäftigungseffekte durch den Konjunktureinbruch. Bei einem V-förmigen Konjunkturverlauf, auch wenn dieser heftig ausfallen sollte, werden die allermeisten Unternehmen darauf bedacht sein, ihr Personal zu halten. Die Arbeitslosigkeit dürfte daher im gesamten Prognosezeitraum mit einer Quote von 5 Prozent nahezu unverändert bleiben.

Der Konjunktureinbruch lässt auch den staatlichen Budgetsaldo auf etwa 14 Mrd. Euro in diesem Jahr abschmelzen. 2021 dürfte der Saldo mit knapp 5 Mrd. Euro ins Defizit drehen. Deutschland erfüllt aber weiterhin das Maastricht-Kriterium.

Felbermayr: „Die Bundesregierung setzt mit dem Kurzarbeitergeld und den Liquiditätshilfen für Unternehmen auf die richtigen Instrumente, weil sie zielgenau, selbstdosierend und reaktionsschnell wirken. Deutschland ist insgesamt gut aufgestellt, um die schlimmsten Folgen zu vermeiden, auch weil die Unternehmen in den vergangenen Jahren ihre Eigenkapitalausstattung deutlich gestärkt haben. Für den Fall, dass die Corona-Krise deutlich länger andauert, sollte man aber schon jetzt weitere Maßnahmen vorbereiten. Hierzu zählen die Stundung von Steuerzahlungen und verbesserte Bilanzregeln, ebenso die vollständige Abschaffung des Solidaritätszuschlages."

Quelle: IfW Kiel