Konjunkturprognose

Deutsche Wirtschaft mit überhöhter Drehzahl

IfW Kiel, Pressemitteilung vom 15.06.2017

Die deutsche Wirtschaft driftet in die Hochkonjunktur. Der BIP-Zuwachs dürfte im Jahr 2017 1,7 Prozent und im Jahr 2018 2,0 Prozent betragen. Die gesamtwirtschaftliche Überauslastung steigt weiter und ist nach einer sechsjährigen Aufschwungphase dann so groß wie seit dem Boom-Jahr 2007 nicht mehr. Die öffentlichen Haushalte verzeichnen weiter Rekordüberschüsse.

Der deutschen Wirtschaft droht eine konjunkturelle Überhitzung. Das Institut für Weltwirtschaft in Kiel (IfW) erwartet in seiner am 15.06.2017 veröffentlichten Konjunkturprognose einen Anstieg des Bruttoinlandsproduktes (BIP) um 1,7 Prozent in diesem und um 2 Prozent im nächsten Jahr. Damit hält es an seiner bisherigen Schätzung fest. Der geringere Anstieg im laufenden Jahr ist auf die relativ hohe Anzahl an Feiertagen, die auf einen Werktag fallen, zurückzuführen. Arbeitstäglich bereinigt liegt die Prognose für 2017 bei einem BIP-Zuwachs von 2 Prozent. Die gesamtwirtschaftliche Produktion in Deutschland legt laut Prognose bis 2018 mit höherem Tempo zu, als das nachhaltig mögliche Wirtschaftswachstum, wodurch sich die Abwärtsrisiken erhöhen. Die Überauslastung beträgt zum Ende des Prognosezeitraumes etwa 2 Prozent, so viel wie seit dem Boom-Jahr 2007 nicht mehr.

„Bei bereits merklich über normal ausgelasteten Kapazitäten steht Deutschland damit an der Schwelle zur Hochkonjunktur. Vor diesem Hintergrund nehmen auch die Risiken für die Wirtschaft zu“, sagte Stefan Kooths, Leiter des Prognosezentrums am IfW, zu der heute veröffentlichten Konjunkturprognose bis 2018. „Die deutsche Wirtschaft driftet in die Hochkonjunktur, auch wenn die zyklischen Ausschläge aufgrund des gestreckten Aufschwungs weniger deutlich ausgeprägt sind.“

Unternehmensinvestitionen legen deutlich zu, Exporte stützen Aufschwung

Insgesamt gewinnt der Aufschwung in Deutschland zunehmend an Breite. Zwar dürfte der private Konsum in deutlich verlangsamtem Tempo expandieren, da die Kaufkraft der verfügbaren Einkommen durch den ölpreisbedingten Anstieg der Inflation auf knapp 2 Prozent spürbar geschmälert wird. Auch wird der öffentliche Konsum nicht mehr ganz so rasch ausgeweitet werden, da es hier voraussichtlich zu keinen zusätzlichen Ausgaben im Zuge der Flüchtlingsmigration kommen wird. Insgesamt dürften die Konsumausgaben nur noch mit Raten von 1,4 Prozent (2017) und 1,6 Prozent (2018) zulegen, nach 2,6 Prozent im Jahr 2016. Dafür nimmt der Investitionsaufschwung jedoch Fahrt auf.

Die Anlageinvestitionen steigen laut Prognose arbeitstäglich bereinigt um 2,6 Prozent (2017) und 4,2 Prozent (2018), nach nur gut 2 Prozent im Jahr 2016. Die Ausrüstungsinvestitionen legen nächstes Jahr um 5,1 Prozent zu, nachdem sie in den vergangenen Quartalen aufgrund des unsicheren internationalen Umfelds zur Schwäche tendierten. Die Bauinvestitionen werden, abgesehen von witterungsbedingten Schwankungen, im gesamten Prognosezeitraum nicht zuletzt aufgrund der niedrigen Zinsen weiter lebhaft mit Raten von 3,4 (2017) und 4,0 (2018) Prozent expandieren. Zudem dürften die Exporte mit der allmählichen Belebung der Weltkonjunktur wieder zunehmend den Aufschwung stützen und im laufenden Jahr um 4 Prozent und im kommenden Jahr um 4,8 Prozent zunehmen.

Rekordüberschüsse der öffentlichen Haushalte

Der gesamtstaatliche Budgetüberschuss wird den Rekordwert vom Vorjahr in Höhe von über 25 Mrd. Euro im laufenden Jahr wohl sogar übertreffen und auch nächstes Jahr hoch bleiben. „Der hohe Überschuss ist vor allem der kräftigen konjunkturellen Dynamik sowie den niedrigen Zinsen geschuldet und somit ein temporäres Phänomen. Für eine vorausschauende Finanzpolitik sind die Spielräume für Maßnahmen, die mit dauerhaften Ausgabensteigerungen oder Einnahmesenkungen einhergehen, eng begrenzt“, so Kooths.

Hinzu kommt, dass die Einnahmen aus den Unternehmensteuern im vergangenen Jahr merklich stärker stiegen, als es die gesamtwirtschaftliche Entwicklung nahelegt. Es ist somit möglich, dass hier in den kommenden Jahren eine Korrektur um rund 10 Mrd. Euro nach unten erfolgen wird.

Abwärtsrisiken nehmen zu

Die zyklischen Abwärtsrisiken nehmen in Folge der Überauslastung der deutschen Wirtschaft zu. „Der Aufschwung geht nunmehr in sein fünftes Jahr, und die Kapazitäten werden zunehmend stärker ausgelastet als im längerfristigen Mittel. Zwar ist im Prognosezeitraum mit keiner nennenswerten geldpolitischen Reaktion in Form steigender Zinsen auf die sich herausbildende Hochkonjunktur in Deutschland zu rechnen. Gleichwohl wird auch die ungewöhnlich lange Aufschwungphase nicht ewig währen. Eine nach oben vom Potenzial abweichende Produktionstätigkeit muss früher oder später korrigiert werden“, sagte Kooths.

„Die Wirtschaftspolitik ist gehalten, die Übertreibungen im Boom möglichst einzudämmen und ihn nicht noch weiter zu befeuern, etwa durch nicht-nachhaltig finanzierte Versprechungen im Wahljahr. Die deutsche Wirtschaft ist mit überhöhter Drehzahl unterwegs - und das bereits im höchsten Gang. Einfach höher schalten geht also nicht. Im Gegenteil: Aus demografischen Gründen wird schon in wenigen Jahren ein Gang wegfallen. Es drohen dann zusätzliche Ansprüche an den Wohlfahrtsstaat bei gleichzeitig geringerer Wirtschaftskraft“, warnte Kooths.

Weltkonjunktur trotzt Unsicherheiten

Vor allem in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften ist die wirtschaftliche Stimmung gut, auch in den Schwellenländern hat sich die konjunkturelle Lage spürbar verbessert. Der Anstieg der Weltproduktion, gerechnet auf Basis von Kaufkraftparitäten, dürfte sich von 3,1 Prozent im vergangenen Jahr auf 3,6 Prozent bzw. 3,7 Prozent in den Jahren 2017 und 2018 erhöhen. Damit korrigieren die Konjunkturforscher des IfW ihre Prognose vom März für beide Jahre leicht um 0,1 Prozentpunkte nach oben. „Die Unsicherheit über die künftige Wirtschaftspolitik ist zwar groß, sie dämpft die wirtschaftliche Aktivität derzeit aber offenbar nicht erheblich“, so Kooths.

Erholung in USA und Euroraum setzt sich fort, Chinas Wachstumsraten gehen zurück

In den Vereinigten Staaten dürfte sich der Produktionsanstieg auch dank spürbarer fiskalischer Impulse auf 2,2 Prozent in diesem und 2,5 Prozent im nächsten Jahr beschleunigen. Die konjunkturelle Erholung im Euroraum setzt sich mit Zuwachsraten von etwa 2 Prozent in diesem und im nächsten Jahr fort. Während sich der Produktionsanstieg in den meisten Schwellenländern ver­stärken dürfte, ist für China eine allmähliche Verlangsamung der wirtschaftlichen Expansion zu erwarten. „Risiken für die Prognose resultieren vor allem aus den politischen Unwägbarkeiten und möglichen Problemen im Zusammenhang mit der anstehenden Normalisierung der Geldpolitik“, so Kooths.

Quelle: IfW Kiel