Konjunkturprognose im Mai 2018

Deutscher Aufschwung erreicht Spätphase

HWWI, Pressemitteilung vom 31.05.2018

  • HWWI erwartet weiterhin für 2018 ein Wachstum von 2,1 Prozent
  • Weiter abflauende Konjunktur in 2019 auf 1,6 Prozent
  • Politische Risiken für die deutsche Wirtschaft mehren sich

Das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) hat seine Prognose der Wirtschaftsentwicklung für 2018/2019 in Deutschland nach Vorlage der gesamtwirtschaftlichen Ergebnisse für das erste Quartal 2018 überarbeitet. Das HWWI hatte mit einer zyklischen Abschwächung der Konjunktur gerechnet und erwartet insofern unverändert für das Gesamtjahr 2018 ein Wirtschaftswachstum von 2,1 Prozent und für 2019 von 1,6 Prozent. Die Lage am Arbeitsmarkt wird sich dabei weiter verbessern; die Arbeitslosenquote dürfte unter die Vollbeschäftigungsmarke von 5 % sinken. Die Inflationsrate für die Verbraucherpreise bewegt sich bereits seit 2017 nahe der 2-Prozent-Marke und hat diese nach der deutlichen Ölverteuerung zuletzt sogar überschritten.

Im Detail

Die deutsche Wirtschaft ist nach wie vor auf Wachstumspfad. Doch die Anzeichen, dass der seit 2014 in Gang befindliche Aufschwung in Deutschland seinen Höhepunkt überschritten hat und nunmehr eine zyklische Abschwächung eingeleitet ist, nehmen zu. Im ersten Quartal wurde diese auch durch einige Sonderfaktoren (Streiks, Grippewelle) verstärkt, als das reale Bruttoinlandsprodukt preis- und saisonbereinigt nur noch etwa halb so stark zunahm wie in den Vorquartalen. Wichtige Wirtschaftsbereiche stoßen zunehmend an Kapazitätsgrenzen, seien es in der Industrie und nicht zuletzt in der Bauwirtschaft. Insofern ist eine gewisse Verlangsamung der Wirtschaftsdynamik „normal" und teils auch wünschenswert; nicht nur die Immobilienpreise, inzwischen auch die Baupreise steigen überdurchschnittlich stark. Der hohe Auslastungsgrad der Wirtschaft stützt aktuell die Investitionstätigkeit der Unternehmen, die politischen Unsicherheiten dürften jedoch teilweise zu Investitionszurückhaltung führen. Insofern belasten die zunehmenden politischen Risiken die Wirtschaftsentwicklung, momentan insbesondere die von den USA ausgehenden Handelsstreitigkeiten und Sanktionen sowie die gestiegenen Ölpreise, ausgelöst durch verschiedene Konfliktherde in Nahost.

Deutlichere Bremsspuren zeigten sich in den ersten Monaten dieses Jahres allerdings bei den übrigen Nachfrageaggregaten. Die privaten Konsumausgaben nahmen nur mehr leicht zu, die Konsumausgaben des Staates, die in den Vorjahren deutlich gestiegen waren, gingen sogar zurück, und auch die außenwirtschaftliche Entwicklung dämpfte insgesamt die Konjunktur; die absoluten Exporte gingen, wohl auch wegen der starken Aufwertung des Euro im vergangenen Jahr, noch etwas stärker zurück als die Importe. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt hat sich gleichwohl weiter verbessert; die Beschäftigung erreichte neue Höchststände, die Arbeitslosenrate betrug zuletzt nur noch 5,1 Prozent. Der Preisauftrieb hat sich verstärkt, insbesondere für Lebensmittel sowie zuletzt für Energie.

Der Aufschwung hat noch immer eine breite Basis, doch die Dynamik lässt bei nahezu allen Aggregaten nach. Die hohe Kapazitätsauslastung und günstige Finanzierungsbedingungen stimulieren zwar einerseits die Investitions- und die Einstellungsbereitschaft der Unternehmen, doch die geopolitischen und weltwirtschaftlichen Unsicherheiten verstärken gleichzeitig deren Vorsicht. Bei nachlassender Expansion der Investitionen werden auch die Beschäftigung und damit die verfügbaren Einkommen und der private Verbrauch langsamer zunehmen. Die Bautätigkeit bleibt hoch, Kapazitätsgrenzen und kräftig steigende Baupreise dämpfen aber den weiteren Anstieg. Der Welthandel wird durch zunehmende Handelskonflikte und Sanktionen gebremst, was auch die Expansion der deutschen Exporte eindämmt. Da die recht gute Binnenkonjunktur auch die Importe erhöht, werden netto vom Außenbeitrag kaum Wachstumsimpulse ausgehen. So dürfte alles in allem die deutsche Wirtschaft im Jahresdurchschnitt 2018 erneut um gut 2 Prozent wachsen. Die Arbeitsmarktsituation wird sich dabei weiter verbessern. Die Inflationsrate der Verbraucherpreise, die zumindest im Mai die 2-Prozent- Marke überschritten hat, könnte, falls die Ölverteuerung sich als dauerhaft erweist, auch im Jahresdurchschnitt diese Marke erreichen.

Auch für das Jahr 2019 sind die Konjunkturaussichten noch gut, doch die für die Spätphase eines Aufschwungs typischen Abschwächungstendenzen dürften noch deutlicher sichtbar werden. Die Expansion der Unternehmensinvestitionen wird mit zunehmender Anpassung der Kapazitäten, aber auch wegen vermehrter weltpolitischer Risiken nachlassen. In der Folge werden auch Beschäftigung, Einkommen und privater Konsum langsamer steigen. Der Staat dürfte, zumal dank seiner guten Finanzlage, seine Investitionen in die Infrastruktur stärker ausweiten, doch haben diese insgesamt gesehen nur geringes Gewicht. Die Exporte dürften infolge der genannten weltwirtschaftlichen Einschränkungen nur moderat zunehmen. Die 2019 sich weiter abflauende Konjunktur wird dann auch in einer auf 1,6 Prozent verringerten jahresdurchschnittlichen Wachstumsrate sichtbarer werden. Die - insgesamt gute - Lage am Arbeitsmarkt wird sich nur noch leicht verbessern. Die Inflationsrate wird sich bei dieser Konjunkturentwicklung bei gut 2 Prozent halten.

Risiken für die wie beschrieben weiterhin positive Entwicklung der deutschen Wirtschaft liegen vornehmlich in den geopolitischen und weltwirtschaftlichen Konfliktpotenzialen. Hier sind einmal mögliche Handelskonflikte zu nennen, auch wenn die Hoffnung besteht, dass diese durch Verhandlungen entspannt werden können. Kaum vorhersehbar wären überdies die Auswirkungen eines allumfassenden Außerkraftsetzens des Iran-Atom-Abkommens. Für die Finanzstabilität der Eurozone könnte es auch problematisch werden, je nachdem was für eine neue Regierung in Italien zustande kommt; die jüngst fehlgeschlagene Regierungsbildung war kein guter Vorbote. Vor diesem Hintergrund sind die von den USA ausgehenden Zinssteigerungstendenzen fast schon weniger beängstlich, zumal insbesondere in Europa die Zinsen historisch betrachtet vorläufig niedrig bleiben dürften.

Quelle: HWWI