Prognose der wirtschaftlichen Entwicklung 2018/2019

Starkes Wachstum bei hohem Risiko - 2,4 Prozent BIP-Zunahme 2018 und 2,2 Prozent 2019

"Gute Ausgangsposition, doch Trump bedroht globalen Aufschwung"

Hans-Böckler-Stiftung, Pressemitteilung vom 21.03.2018

Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung hebt die Wachstumsprognose für die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr noch einmal geringfügig an, sieht aber erhebliche Risiken durch die Politik von US-Präsident Donald Trump. „Wenn Trumps protektionistische Provokation eskaliert und zu einer Spirale gegenseitiger Abschottungsmaßnahmen führt, hat das das Potenzial, den globalen Aufschwung schwer zu schädigen", sagt Prof. Dr. Gustav A. Horn, der wissenschaftliche Direktor des IMK. „Allerdings halten wir einen Handelskrieg derzeit nicht für das wahrscheinlichste Szenario." Deshalb prognostiziert das Institut für 2018 eine Zunahme des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 2,4 Prozent im Jahresdurchschnitt. Auch für 2019 erwarten die Konjunkturforscher ein kräftiges Wachstum um 2,2 Prozent. Stärkste Säule des Aufschwungs bleibt der private Konsum, doch auch Investitionen und Außenhandel entwickeln sich kräftig. Der Trend auf dem Arbeitsmarkt ist weiter positiv: Obwohl das Arbeitskräfteangebot durch Zuwanderung gewachsen ist, geht die Arbeitslosigkeit kontinuierlich zurück: auf 5,3 Prozent 2018 und 5,0 Prozent 2019. Die Zahl der Erwerbstätigen steigt laut IMK im Jahresdurchschnitt 2019 auf den Rekordwert von 45,5 Millionen Personen. Da auch die öffentliche Hand vom Aufschwung profitiert, dürfte die gesamtstaatliche Verschuldung 2019 zum ersten Mal seit 2002 wieder unter der Maastricht-Grenze von 60 Prozent des BIP liegen.

Gegenüber seiner Vorhersage vom Dezember hebt das IMK die Wachstumsprognose für 2018 um 0,1 Prozentpunkte an. Für 2019 geben die Düsseldorfer Forscher erstmals eine Voraussage ab. Die Prognose wurde am 21.03.2018 auf einer Pressekonferenz in Berlin vorgestellt.

„Die konjunkturellen Aussichten sind in vielen Ländern gut, insbesondere in Deutschland", erklärt Horn. „Wir erleben einen robusten, von der Binnennachfrage getragenen Aufschwung. Dabei leisten sowohl die private Konsumnachfrage als auch die Investitionen einen kräftigen Beitrag. Weil die Weltwirtschaft kräftig um knapp vier Prozent wachsen, entwickeln sich die deutschen Exporte dynamisch, die Importe noch ein wenig stärker. Die Triebkräfte des Wachstums sind heute deutlich besser ausbalanciert als vor der Finanzkrise. Dieser Trend muss unbedingt noch gestärkt werden." Das lasse sich allerdings gerade nicht durch Handelsschranken erreichen, sondern durch eine Kombination aus soliden Lohnerhöhungen und stärkeren öffentlichen Investitionen in Deutschland, erklärt der IMK-Direktor mit Blick auf die US-Politik. „Es wäre widersinnig, wenn diese Entwicklung durch einen Handelskonflikt gestoppt würde, der auf allen Seiten Wohlstand kostet."

Die protektionistischen Vorstöße des US-Präsidenten sorgen bereits für einige Unruhe, zeigt der neue Wert des IMK-Konjunkturindikators: Danach ist die Wahrscheinlichkeit, dass die deutsche Wirtschaft in den kommenden drei Monaten in schweres Fahrwasser gerät, im März auf knapp sieben Prozent gestiegen. Im Februar waren es lediglich 1,3 Prozent. Entscheidend für die Verschlechterung ist höhere Unruhe an den Finanzmärkten und bei Stimmungsindikatoren wie dem ifo-Index. Allerdings steht der nach dem Ampelsystem arbeitende Indikator trotz der Eintrübung erst einmal fest im „grünen Bereich". Bleibe es bei den bislang beschlossenen US-Zöllen auf Stahl- und Aluminiumimporte, könnte das einzelne deutsche Hersteller zwar empfindlich treffen, gesamtwirtschaftlich wäre die Wirkung aber überschaubar, zeigt auch eine Analyse im Rahmen der Prognose: Lediglich rund 4 Prozent der deutschen Aluminium- bzw. Stahl-Ausfuhren gehen in die USA, ihr Anteil an den gesamten deutschen Warenexporten in die Vereinigten Staaten beträgt weniger als 1,5 Prozent.

Deutlich größer könnten die Schäden in den USA selber ausfallen, wenn stahl- und aluminiumverarbeitende Unternehmen und die Baubranche durch die Zölle höhere Preise für Vorprodukte zahlen müssen - sei es, weil Auslastung und Preise heimischer Hersteller steigen oder die Verarbeiter auf verteuerte Importe zurückgreifen müssten. Davon betroffen wären Branchen mit 12,3 Millionen Beschäftigten inklusive der Bauwirtschaft, während in der amerikanischen Stahl- und Aluminiumherstellung lediglich 200.000 Menschen arbeiten. Die betroffenen Unternehmen würden die höheren Preise für Vorprodukte entweder beim eigenen Personal einsparen oder auf die Endkunden abwälzen, schätzen die Forscher.

Sollte es in der Folge zu einem nennenswerten Preisauftrieb und Zweitrundeneffekten bei der Lohnentwicklung kommen, könnte die US-Notenbank mit stärkeren Zinserhöhungen reagieren, die die Konjunktur bremsen würden. Zudem könnte in diesem Fall der US-Dollar aufwerten, wodurch wiederum US-Exporte teurer, Importe aber billiger würden. Die Zölle wären daher für das erklärte Ziel des US-Präsidenten, das amerikanische Handelsbilanzdefizit zu senken, „vollkommen kontraproduktiv", schreiben die Forscher. Gefährlich für die deutsche Wirtschaft werde es „wenn eine Spirale von Gegenmaßnahmen in Gang käme, in deren Verlauf die USA Importzölle auf die Einfuhr deutscher Kraftfahrzeuge oder Maschinen erheben würden."

Kerndaten der Prognose für 2018 und 2019

Arbeitsmarkt

Die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland nimmt weiter kräftig zu - um fast 600.000 Personen oder 1,4 Prozent im Jahresdurchschnitt 2018 und weitere 1,3 Prozent im Jahresmittel 2019 auf dann 45,5 Millionen. Schon 2018 dürfte das gesamte Arbeitsvolumen in Deutschland erstmals über dem bisherigen Spitzenwert aus dem Jahr 1991 liegen. Die Arbeitslosigkeit sinkt weiter: Für 2018 prognostizieren die Forscher einen Rückgang um etwa 180.000 Personen, sodass im Jahresdurchschnitt rund 2,35 Millionen Menschen ohne Job sein werden. Für 2019 erwartet das IMK, dass die Arbeitslosenzahl um jahresdurchschnittlich rund 120.000 auf etwa 2,23 Millionen Personen sinkt.

Außenhandel

Auch der Euroraum befindet sich im Aufschwung: 2018 und 2019 wächst das BIP in der Währungsunion um 2,4 und 2,2 Prozent. In den USA und vielen Schwellenländern zieht die konjunkturelle Dynamik ebenfalls an. Die deutschen Ausfuhren profitieren von der stärkeren Weltkonjunktur. Sie nehmen im Jahresdurchschnitt 2018 um 5,7 Prozent und im Jahresmittel 2019 um 4,5 Prozent zu. Die Importe wachsen in beiden Jahren etwas kräftiger als die Ausfuhren: jahresdurchschnittlich um 6,1 und 5,2 Prozent. Der hohe deutsche Leistungsbilanzüberschuss wird in diesem Jahr noch einmal etwas steigen und 2019 nahezu unverändert sein.

Investitionen

Im günstigen konjunkturellen Umfeld investieren die Unternehmen wieder kräftig: 2018 steigen die Ausrüstungsinvestitionen um durchschnittlich 7,2 Prozent, 2019 sind es 6,7 Prozent im Jahresdurchschnitt. Bei den Bauinvestitionen geht die Dynamik in diesem Jahr zurück, sie steigen um 1,7 Prozent. 2019 beschleunigt sich das Wachstum wieder auf 2,8 Prozent. Dabei kommt es zu einer Verlagerung: Die Investitionen in den Wohnbau schwächen sich angesichts hoher und weiter steigender Immobilienpreise sowie etwas ungünstigerer Finanzierungsbedingungen ab, während der Wirtschaftsbau einhergehend mit der dynamischen Ausweitung der Ausrüstungen stärker zulegt.

Einkommen und Konsum

Die verfügbaren Einkommen wachsen 2018 und 2019 real um jeweils durchschnittlich 1,9 Prozent. Bei konstanter Sparquote nehmen die realen privaten Konsumausgaben ebenfalls um jeweils 1,9 Prozent zu. Damit trägt der private Konsum in diesem Jahr 1,0 Prozent zum BIP-Wachstum von 2,4 Prozent bei. Im kommenden Jahr sind es 1,1 von 2,2 Prozent.

Inflation und öffentliche Finanzen

Die allgemeine Preisentwicklung in Deutschland bleibt weiterhin hinter dem EZB-Inflationsziel von knapp unter zwei Prozent zurück. In beiden Jahren steigen die Verbraucherpreise um jeweils 1,6 Prozent.

Der von der Binnennachfrage getragene Aufschwung sorgt weiterhin für starke Steuereinnahmen und Einnahmeüberschüsse bei Gebietskörperschaften und Sozialkassen: 2018 beträgt der gesamtstaatliche Finanzierungssaldo rund 47 Milliarden Euro oder 1,4 Prozent des BIP, 2019 steigt er auf 55 Milliarden Euro oder 1,6 Prozent des BIP.

Quelle: Hans-Böckler-Stiftung