Prognose der wirtschaftlichen Entwicklung

Wachstum zieht an, weil Investitionen anspringen

Der Dauerläufer: Starke Binnennachfrage macht diesen Aufschwung robuster als seine Vorgänger - dabei ist er kürzer als gedacht

Hans-Böckler-Stiftung, Pressemitteilung vom 17.10.2017

Bislang kürzer als meist angenommen und vergleichsweise gemächlich, aber dafür außerordentlich robust, weil weniger abhängig von der volatilen Weltkonjunktur - so analysiert eine neue Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung den aktuellen Aufschwung der deutschen Wirtschaft. Und die weiteren Aussichten sind gut: Das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) beschleunigt sich auf jahresdurchschnittlich 2,0 Prozent in diesem und 2,1 Prozent im kommenden Jahr. Damit erhöhen die Konjunkturforscher ihre Prognose gegenüber Juli um gleich 0,5 Prozentpunkte für 2017 und 0,3 Prozentpunkte für 2018 (weitere Kernergebnisse der neuen Prognose unten). Das Risiko einer Überhitzung ist trotzdem weiterhin sehr gering, betonen die Wissenschaftler in ihrer Untersuchung, die sie am 17.10.2017 auf einer Pressekonferenz in Berlin vorstellen.

„Etwas altertümlich formuliert könnte man sagen: Dieser etwas andere Aufschwung hat Maß und Mitte, und das gibt ihm Ausdauer“, sagt Prof. Dr. Gustav A. Horn, der wissenschaftliche Direktor des IMK. „Anders als noch vor einem Jahrzehnt stammt das Wachstum nicht überwiegend aus dem Außenhandel, sondern wir haben eine Mischung. Die Beschäftigten profitieren jetzt mit - sowohl von einer positiven Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt als auch von stärker steigenden Löhnen. Die Einkommen steigen merklich an, ohne dass die preisliche Wettbewerbsfähigkeit darunter leiden würde. Die Folge ist ein solider Konsum, der die Konjunktur stützt - auch in Phasen, in denen die Weltkonjunktur verhaltener läuft. So zeigt sich, dass ein von der Binnennachfrage getragener Aufschwung erfolgreich sein kann.“

Diese Stärke wird nach der IMK-Analyse beispielsweise an einem Aspekt deutlich, der die Ausnahmeposition auf den ersten Blick zu relativieren scheint: Der aktuelle Aufschwung zählt bei genauer Betrachtung bislang nicht zu den „längsten der Nachkriegszeit“, wie oft vermeldet wird. Er reicht in seiner Dauer auch noch nicht an die Aufschwungphasen der 1990er und 2000er Jahre heran, die die Forscher für einen Vergleich herangezogen haben. Denn die wirtschaftliche Aufwärtsbewegung, die Mitte 2009 nach der Finanz- und Wirtschaftskrise einsetzte, erhielt Ende 2012 durch die immer wieder aufflackernde Krise im Euroraum einen Dämpfer: Zwei Quartale lang schrumpfte das BIP. Bemerkenswert sei aber nicht diese „Mini-Rezession“, sondern dass es in einem weltwirtschaftlich schwierigen Umfeld bei diesem Intermezzo blieb, schreiben die Ökonomen des IMK. „Eine exportabhängige Konjunktur früherer Prägung hätte niemals so schnell wieder Tritt gefasst“, sagt Gustav Horn. Vor diesem Hintergrund könne man mit einigem Recht „von einem Aufschwung in zwei Stufen sprechen“, der dann tatsächlich schon über rund acht Jahre liefe. Zusammengerechnet ist das BIP in beiden Phasen bis heute um 18 Prozent gestiegen - in den vorherigen Aufschwüngen war nach 12 Prozent Schluss.

Dass die deutsche Wirtschaft nicht im Sprint, aber im Ausdauermodus vorankommt, zeigen weitere Parameter, die das IMK im Vergleich der letzten Aufschwünge genauer durchleuchtet (siehe auch die Grafiken auf den Seiten 5 bis 8 in der Studie). So wächst der private Verbrauch zwar deutlich kräftiger als in den in dieser Hinsicht sehr schwachen Nullerjahren, doch nicht stärker als in der zweiten Hälfte der 1990er. Exporte und Importe nehmen parallel zum wenig dynamischen Welthandel relativ langsam, aber kontinuierlich zu. Auch der Konsumdeflator, der die Dynamik der Preisentwicklung abbildet, entwickelt sich moderat. Und selbst die Beschäftigung erreicht zwar in absoluten Kopfzahlen immer neue Rekordwerte. Der Anstieg im gesamten laufenden Aufschwung „war jedoch alles andere als ungewöhnlich“, konstatieren die Forscher - vor allem, wenn man die Entwicklung der Arbeitszeit mit einbezieht. Indizien für eine ernsthafte „Anspannung“ oder gar „Überhitzung“ der Konjunktur seien in dieser Konstellation nicht zu beobachten.

Was tatsächlich deutlich stärker als in den vorigen Aufschwüngen zugenommen hat, ist der Staatskonsum - ein Effekt der Flüchtlingszuwanderung und des Ausbaus frühkindlicher Bildung bei relativ guter finanzieller Situation des Staates. Kräftig haben sich auch die Reallöhne entwickelt. Allerdings sind an diesem Punkt die Rahmenbedingungen des Vergleichs besonders wichtig, betonen die Forscher: Einerseits standen die Löhne in den 2000er Jahren „massiv unter dem Druck der Deregulierung des Arbeitsmarktes und der hohen Arbeitslosigkeit“. Andererseits blieb in den vergangenen Jahren durch die extrem niedrige Inflation von Lohnerhöhungen real besonders viel übrig. Und schließlich falle auf, dass zeitgleich auch die Unternehmensgewinne solide zugelegt haben.

Weder mangelnde Konsumnachfrage aus dem Inland noch die Ertragslage der Unternehmen können daher erklären, was die Wirtschaftsforscher als größte Schwachstelle im insgesamt positiven Konjunkturbild identifizieren: Die Ausrüstungsinvestitionen ziehen zwar neuerdings an. Über den gesamten Zyklus betrachtet, haben die Unternehmen bislang aber deutlich weniger für neue Maschinen und Fahrzeuge ausgegeben als in den vorigen Aufschwüngen. Kleiner fällt der Rückstand aus, wenn man auch die Investitionen in Wirtschaftsbauten sowie Forschung und Patente einbezieht. Letzteres ist möglicherweise ein Indiz dafür, dass Unternehmen verstärkt und langfristig in die Digitalisierung investieren wollen, ohne dass sich das kurzfristig auf die Produktivitätsentwicklung auswirkt.

Doch das reicht aus Sicht des IMK keineswegs für eine Entwarnung: Die tiefe Verunsicherung durch die Krisen des vergangenen Jahrzehnts sei offenbar noch nicht überwunden, sodass viele Unternehmen weniger investieren, als sie bei der meist hohen Auslastung müssten. Helfen könne eine Investitionsoffensive der öffentlichen Hand, die für zusätzliche Nachfrage und Sicherheit sorge, so das IMK. Das nötige Geld habe sie zur Verfügung: Die Forscher rechnen damit, dass der gesamtstaatliche Budgetüberschuss im kommenden Jahr auf knapp 36 Milliarden Euro steigt - auch das ein Effekt des binnenwirtschaftlich fundierten Aufschwungs, der dem Staat höhere Steuereinnahmen beschert als ein vom Export getriebener.

Kernergebnisse der Prognose für 2017 und 2018

Das Wachstum der deutschen Wirtschaft zieht an. Die private Nachfrage bleibt kräftig, ihr Zuwachs macht in beiden Jahren gut die Hälfte der BIP-Zunahme aus. Darüber hinaus leisten auch die Investitionen wieder einen stärkeren Beitrag. Hier wirkt sich die etwas dynamischere Weltkonjunktur, insbesondere der sich festigende Aufschwung in den übrigen Staaten des Euroraums, positiv aus. Die deutsche Wirtschaft profitiert weiterhin von der expansiven Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB), die unter anderem die negativen Effekte aus der Euro-Aufwertung gegenüber dem Dollar dämpft.

Arbeitsmarkt

Die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland nimmt weiter kräftig zu - um 650.000 Personen auf knapp 44,3 Millionen im Jahresdurchschnitt 2017 und weitere rund 560.000 Personen im Jahresmittel 2018. Das entspricht einem Zuwachs um 1,5 Prozent und 1,3 Prozent. Obwohl mehr anerkannte Asylbewerber und andere Zuwanderer auf den Arbeitsmarkt kommen, sinkt die Arbeitslosigkeit weiter: Für 2017 erwarten die Forscher einen Rückgang um etwa 150.000 Personen, sodass im Jahresdurchschnitt rund 2,54 Millionen Menschen ohne Job sein werden. Für 2018 erwartet das IMK, dass die Arbeitslosenzahl um jahresdurchschnittlich rund 60.000 auf etwa 2,49 Millionen Personen sinkt. Das entspricht Arbeitslosenquoten von 5,7 und 5,5 Prozent.

Außenhandel

Auch der Euroraum befindet sich im Aufschwung: 2017 und 2018 wächst das BIP in der Währungsunion um jeweils 2,4 und 2,1 Prozent. In den USA und vielen Schwellenländern zieht die konjunkturelle Dynamik ebenfalls etwas an. Lediglich in Großbritannien schwächt sich das Wachstum ab. Die deutschen Ausfuhren profitieren von der stärkeren Weltkonjunktur moderat, weil der stärkere Euro leicht bremst. Sie nehmen im Jahresdurchschnitt 2017 um 3,2 Prozent und im Jahresmittel 2018 um 4,2 Prozent zu. Die Importe wachsen in beiden Jahren etwas kräftiger als die Ausfuhren: jahresdurchschnittlich um 3,8 und 5,5 Prozent. Der deutsche Leistungsbilanzüberschuss wird also leicht sinken, bleibt aber weiterhin sehr hoch. 2017 wird er laut IMK zum dritten Mal in Folge mehr als 8 Prozent des BIP betragen.

Investitionen

Die Unternehmen fahren ihre Ausrüstungsinvestitionen hoch: 2017 steigen sie um durchschnittlich 2,2 Prozent, 2018 zieht der Jahresdurchschnitt auf 5,1 Prozent an. Die Bauinvestitionen wachsen weiter kräftig: 2017 im Jahresmittel um 4,5 Prozent, 2018 um 4 Prozent.

Einkommen und Konsum

Die verfügbaren Einkommen wachsen 2017 real um durchschnittlich 1,9 Prozent, 2018 um 2 Prozent. Bei leicht sinkender Sparquote steigen die realen privaten Konsumausgaben in beiden Jahren jeweils um ebenfalls 2 Prozent.

Inflation und öffentliche Finanzen

Die allgemeine Preisentwicklung in Deutschland ist vor allem durch den höheren Ölpreis stärker als in den Vorjahren. Sie bleibt 2017 und 2018 mit 1,7 und 1,5 Prozent aber weiterhin hinter dem EZB-Inflationsziel von knapp unter zwei Prozent zurück.

Der Aufschwung sorgt weiterhin für Einnahmeüberschüsse bei Gebietskörperschaften und Sozialkassen: 2017 beträgt der gesamtstaatliche Finanzierungssaldo 0,9 Prozent des BIP, 2018 steigt er auf 1,1 Prozent.

Quelle: Hans-Böckler-Stiftung