Neue Prognose des IMK

Wirtschaft wächst etwas stärker, aber keine Gefahr konjunktureller Überhitzung

Hans-Böckler-Stiftung, Pressemitteilung vom 03.07.2017

Die deutsche Wirtschaft wächst 2017 und 2018 robust und in diesem Jahr auch etwas stärker als bisher erwartet. Von einer Hochkonjunktur oder gar konjunkturellen Überhitzung ist Deutschland aber weit entfernt. Das wird beispielsweise an der nach wie vor niedrigen Inflationsrate und an geringeren Lohnzuwächsen deutlich. Im Jahresdurchschnitt 2017 wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 1,5 Prozent zunehmen, 2018 um durchschnittlich 1,8 Prozent. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt entwickelt sich weiter positiv: Obwohl das Arbeitskräfteangebot durch Zuwanderung spürbar gewachsen ist, geht die Arbeitslosigkeit kontinuierlich zurück: auf 5,7 Prozent 2017 und 5,5 Prozent 2018 (alle Daten siehe unten). Wermutstropfen sind die mäßige Investitionsdynamik und eine Verschiebung der Wachstumskräfte: Die Konsumentwicklung im Inland büßt etwas an Schwung ein, während der Export wieder deutlich wichtiger wird. Damit wird die deutsche Wirtschaft erneut abhängiger von der zuletzt volatilen weltwirtschaftlichen Nachfrage. Zu diesem Ergebnis kommt die neue Konjunkturprognose, die das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung am 03.07.2017 vorstellte.

Gegenüber seiner Vorhersage vom März hebt das IMK die Wachstumsprognose für 2017 geringfügig um 0,2 Prozentpunkte an. Die Prognose für 2018 bleibt unverändert. Dabei weisen beide Jahre die gleiche Wachstumsdynamik auf - der niedrigere Durchschnittswert in diesem Jahr beruht darauf, dass mehr Feiertage auf einen Arbeitstag fallen.

„Der Konjunkturmotor läuft recht rund, aber keinesfalls übertourig. Es gibt keine Hinweise darauf, dass der Aufschwung durch Überhitzung gefährdet wäre. Weder auf dem Arbeitsmarkt noch bei der Preisentwicklung, die trotz anziehender Energiepreise bis Ende 2018 deutlich unter dem Inflationsziel der Europäischen Zentralbank bleibt.“, sagt Prof. Dr. Gustav A. Horn, der wissenschaftliche Direktor des IMK.

Dreifache Rendite für öffentliche Investitionen

Die Düsseldorfer Konjunkturforscher sehen daher Chancen, dass sich der moderate Aufschwung auch über 2018 hinaus fortsetzt. „Allerdings bräuchte es dazu Hilfestellung von Seiten der Wirtschaftspolitik, weil das Verhältnis von Binnennachfrage und Außenhandel wieder stärker aus der Balance gerät“, sagt Horn. Hintergrund: Da die nominalen Effektivlöhne bei stabiler Tariflohnentwicklung langsamer zunehmen als 2015 und 2016 und gleichzeitig die Phase extrem niedriger Inflation zunächst vorbei ist, legen die privaten Konsumausgaben nicht mehr um gut zwei, sondern um 1,2 beziehungsweise 1,6 Prozent zu. Auch der Staatskonsum wächst langsamer, weil die Ausgaben für Flüchtlinge weniger stark zunehmen.

Der geringere Wachstumsbeitrag des Konsums wird zwar durch stärker steigende Ausfuhren kompensiert. Die deutsche Exportwirtschaft ist preislich hoch wettbewerbsfähig und sie profitiert von einer etwas anziehenden Weltkonjunktur. „Doch damit bewegen wir uns wieder auf das alte Muster zu: Die deutsche Wirtschaft hängt wesentlich am Welthandel, mit all seinen Unwägbarkeiten in Zeiten von Trump und Brexit“, erklärt IMK-Direktor Horn. In dieser Situation könnten verstärkte öffentliche Investitionen, vor allem in Bildung und Energie-Infrastruktur eine Dreifach-Rendite bringen, betont das IMK: Sie würden den Aufschwung nachhaltiger machen, das langfristige Wachstumspotenzial erhöhen und die scharf kritisierten großen Überschüsse in der deutschen Leistungsbilanz etwas reduzieren.

Kerndaten der Prognose:

Arbeitsmarkt

Die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland nimmt weiter kräftig zu - um 590.000 Personen auf 44,2 Mio. im Jahresdurchschnitt 2017 und weitere rund 500.000 Personen im Jahresmittel 2018. Das entspricht einem Zuwachs um 1,4 Prozent und 1,1 Prozent. Obwohl mehr anerkannte Asylbewerber und andere Zuwanderer auf den Arbeitsmarkt kommen, sinkt die Arbeitslosigkeit weiter spürbar: Für 2017 erwarten die Forscher einen Rückgang um gut 150.000 Personen, sodass im Jahresdurchschnitt rund 2,53 Millionen Menschen ohne Job sein werden. Für 2018 erwartet das IMK, dass die Arbeitslosenzahl um jahresdurchschnittlich rund 100.000 auf etwa 2,43 Millionen Personen sinkt. Das entspricht Arbeitslosenquoten von 5,7 und 5,5 Prozent.

Außenhandel

Auch der Euroraum befindet sich im Aufschwung: 2017 und 2018 wächst das BIP in der Währungsunion um jeweils 1,9 Prozent. In den USA und vielen Schwellenländern zieht die konjunkturelle Dynamik ebenfalls etwas an. Lediglich in Großbritannien schwächt sich das Wachstum ab. Die deutschen Ausfuhren profitieren von der stärkeren Weltkonjunktur. Sie nehmen im Jahresdurchschnitt 2017 um 3,7 Prozent und im Jahresmittel 2018 um 5,8 Prozent zu. Die Importe wachsen in beiden Jahren etwas kräftiger als die Ausfuhren: jahresdurchschnittlich um 4,1 und 6,7 Prozent. Der deutsche Leistungsbilanzüberschuss wird also leicht sinken, bleibt aber weiterhin sehr hoch.

Investitionen

Trotz historisch niedriger Zinsen und einer hohen Kapazitätsauslastung vieler Unternehmen entwickeln sich die Investitionen im Jahresdurchschnitt 2017 noch schwach: Die Unternehmen dürften ihre Ausrüstungsinvestitionen um gerade einmal 0,9 Prozent ausweiten. Allerdings ist dieser niedrige Wert auch durch statistische Effekte aus dem Vorjahr geprägt, die Verlaufsrate liegt deutlich höher. 2018 zieht auch der Jahresdurchschnitt auf immerhin 3,6 Prozent an. Steigende Tendenz zeigen auch die Bauinvestitionen: 2017 legen sie im Jahresmittel um 2,6 Prozent zu, 2018 um 3,1 Prozent.

Einkommen und Konsum

Der private Konsum verliert „seine herausragende Stellung als wachstumstreibende Kraft“, schreiben die Experten des IMK. Wesentlicher Grund dafür ist die geringere Zunahme der Reallöhne. Die verfügbaren Einkommen wachsen 2017 real um durchschnittlich 1,2 Prozent, 2018 um 1,6 Prozent. Bei konstanter Sparquote steigen die realen privaten Konsumausgaben 2016 ebenfalls um 1,2 Prozent und 2018 um 1,6 Prozent.

Inflation und öffentliche Finanzen

Die allgemeine Preisentwicklung in Deutschland ist vor allem durch den höheren Ölpreis stärker als in den Vorjahren. Sie bleibt 2017 und 2018 mit 1,6 und 1,5 Prozent aber weiterhin spürbar hinter dem EZB-Inflationsziel von knapp unter zwei Prozent zurück.

Der moderate Aufschwung sorgt weiterhin für Einnahmeüberschüsse bei Gebietskörperschaften und Sozialkassen: 2017 beträgt der Budgetsaldo 0,6 Prozent des BIP, 2018 sind es 0,8 Prozent.

O-Ton zur Prognose

Prof. Dr. Gustav A. Horn, wissenschaftlicher Direktor des IMK: „Der Aufschwung in Deutschland geht ins vierte und fünfte Jahr - moderat, aber stetig. Wir brauchen derzeit keine Angst zu haben, dass die Wirtschaft heiß läuft und die Aufwärtsentwicklung dann abbricht. Sorgen macht uns aber, dass die Binnennachfrage langsam wieder gegenüber dem Außenhandel zurückfällt. Die wirtschaftliche Balance der letzten Jahre schwindet. Dagegen würden verstärkte öffentliche Investitionen helfen, vor allem in Bildung und Infrastruktur. Der Bedarf ist da - und das Geld auch.“

Quelle: Hans-Böckler-Stiftung