Distributed Ledger Technologie

Blockchain: Weit mehr als "nur" Bitcoin

Der Bitcoin-Hype wird Kapitalanleger auch durch das Jahr 2018 begleiten. Dr. Nils Middelberg, Leiter der Abteilung Strategie & Marketing der top itservices AG, erläutert Technologie und Anwendungsbereiche jenseits von Bitcoin.

Herr Dr. Middelberg, warum boomt der gegenwärtige Bitcoin-Markt so stark und was hat die brandneue Blockchain-Technologie damit zu tun?

Middelberg: Bitcoin ist eine Kryptowährung, deren Wert vor kurzem zum ersten Mal über 5.000 Dollar lag. Der Wert hat sich seit Jahresbeginn verfünffacht. Investoren mit dem richtigen Riecher dürften somit hohe Gewinne eingefahren haben. Das bringt mediale Präsenz mit sich und führt zu erhöhtem Interesse, auch in der breiten Masse. Die technische Infrastruktur, sozusagen das Grundgerüst, einer solchen digitalen Währung stellt die Blockchain dar. Durch die clevere Kombination bekannter Konzepte wie asymmetrische Verschlüsselung, Peer-to-Peer-(P2P-)Netzwerk und Proof of Work wurde eine innovative Form der Transaktionsdurchführung und -dokumentation mit enormem Potential geschaffen. Meines Erachtens ist dies die sehr viel interessantere Neuheit.

Was ist eine Blockchain und wie funktioniert diese?

Middelberg: Vereinfacht gesagt, ist die Blockchain eine Datenbank und funktioniert quasi wie ein digitales Kassenbuch. In Analogie zu einer Seite im Kassenbuch, die Informationen über eine bestimmte Transaktion beinhaltet, ist es in der Blockchain ein digitaler Block, der diese Informationen enthält. Ist ein Block voll, wird der nächste Block angehängt. Es bildet sich eine Kette aus Blöcken, daher „Block-Chain“.

Es gibt hierbei keine Vermittlungsinstanz mehr, die zwischen die Vertragspartner geschaltet ist. Vielmehr wird bei jedem vollwertigen Nutzer-PC ein Abbild der gesamten Transaktionshistorie abgelegt, welche für jeden jederzeit einsehbar ist. Es herrscht also vollkommene Transparenz. Ohne Blockchain als realisierende Technologie, würde das System der digitalen Währung also nicht in der Form funktionieren. Im Ergebnis ist es somit die Technologie Blockchain, die die Kryptowährung Bitcoin zum Funktionieren bringt.

Welche Vorteile bringt die Blockchain-Technologie im Gegensatz zu anderen Datenbanken?

Middelberg: Die Infrastruktur einer Blockchain bietet eine sehr hohe Sicherheit, sodass verschiedene Informationen ohne Bedenken und ohne Zwischeninstanz versendet werden können. Jede Transaktion wird hierbei durch einen privaten und einen zweiten öffentlichen Schlüssel gesichert. Jede neue Transaktion, d. h. jeder neue Block, bekommt einen Schlüssel unter Berücksichtigung der vorherigen Einträge und ihrer Schlüssel. Je mehr Blöcke aneinander gekettet wurden, desto sicherer ist die Blockchain.

Mit Hilfe der Blockchain lassen sich aber auch komplexe Vertragsmodalitäten in Form sogenannter „kluger“ Verträge – Smart Contracts – abbilden. Smart Contracts bieten hohe Rechtssicherheit und erlauben es gleichzeitig, Verträge unabhängig von Dritten zu schließen. Somit wird erreicht, dass die von den Vertragspartnern definierten Klauseln auf Dauer fälschungssicher abgelegt sind und dass die Vertragsklauseln bei Eintreten der vertraglich vereinbarten Voraussetzungen unmittelbar und automatisch ausgeführt werden. Als digitales Pendant zu herkömmlichen Verträgen bieten Smart Contracts somit insbesondere dort Vorteile, wo mit digitalen Gütern jeglicher Art gehandelt wird.

In welchen Bereichen, neben der Finanzbranche, ist die Blockchain-Technologie anwendbar?

Middelberg: Bei Betrachtung aktueller Pressemitteilungen wird schnell deutlich, dass die Blockchain-Technologie in vielen Bereichen für frischen Wind sorgen wird. Besonders im Bereich Automotive haben Großkonzerne wie BMW, Daimler oder Toyota kürzlich Ideen vorgestellt, die enormes Optimierungspotential zum Beispiel für ihre Supply-Chains bieten. Durch die Automatisierung lassen sich u. a. Verwaltungskosten reduzieren, Probleme effektiver und effizienter klären oder innovative Peer-to-Peer-Produkte entwickeln.

Im Bereich Insurance haben Zurich, Allianz, Aegon und Munich Re zusammen mit der Swiss Re im letzten Jahr mit der Insurance Industry Initiative B3i ein Projekt auf Blockchain-Basis gegründet. Ziel ist es, Arbeitsprozesse weiter zu optimieren, um den Customer Support zu verbessern und somit für Kunden schnellere, nützlichere und sichere Services zu entwickeln.

Dem Anwendungsfeld Produktions- und Logistikprozesse widmet sich derzeit zusammen mit seinen Kunden die SAP SE. Hier wird an Lösungen gearbeitet, die den Lebenszyklus von Produkten und ganzen Anlagen steuern können. Mit der Blockchain-Technologie soll dokumentiert werden, wann welche Änderungen vorgenommen, Ersatzteile ausgewechselt oder der letzte Service durchgeführt wurde.

Im Bereich Finance sind es aber nicht nur digitale Währungen, die einen Wandel bedeuten. Auch immer mehr Banken und Finanzinstitute forschen und entwickeln zum Potential der Blockchains über Währungen hinaus. In einem Pilotprojekt hat die Commerzbank zusammen mit der KfW Bankengruppe und der MEAG beispielsweise jüngst gezeigt, dass sich von der Emission bis hin zum Handel Wertpapiertransaktionen über die Blockchain-Technologie in Echtzeit ausführen lassen. Einen ähnlichen Kapitalmarktprozess haben auch die Landesbank Baden-Württemberg und Daimler bereits erfolgreich umgesetzt.

Gibt es am Arbeitsmarkt überhaupt genügend Blockchain-Experten? Und welche Kenntnisse benötigen diese?

Middelberg: „Den“ reinen Blockchain-Spezialisten gibt es noch äußerst selten. Daher kümmern sich vor allem Experten mit tiefen Kenntnissen im Bereich IT Security, Know-how im Bereich Netzwerkarchitektur und Erfahrungen im Umgang mit Datenbanken um Blockchain-Projekte. Neben diesem Hintergrund ist in einem so innovativen und dynamischen Bereich parallel eine hohe Flexibilität und Bereitschaft für Neues basisrelevant.

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