Mobilfunkstandard

Digitalstandort Deutschland: Flächendeckendes LTE wichtiger als 5G

Im Frühjahr 2019 steht die Versteigerung der Mobilfunkfrequenzen für 5G an. Die Vergabe sollte an Versorgungszusagen gekoppelt werden, empfiehlt Sopra Steria Consulting. Viele IoT-Dienste würden sich zudem mit bestehender Mobilfunktechnik realisieren lassen.

Damit neue digitale Dienste, die auf der Vernetzung vieler elektronischer Endpunkte basieren, erfolgreich sind und getätigte Investitionen schnell wieder einspielen können, müssen sie überall zur Verfügung stehen. Der zukünftige Mobilfunkstandard 5G wird zwar auch mit Blick auf die spezifischen Anforderungen von Anwendungen wie industrielle Automatisierung, vorausschauende Wartung, V2X-Kommunikation, Telemedizin und vieles mehr entwickelt. Doch bis er tatsächlich flächendeckend verfügbar ist und allein das Internet of Things (IoT) befeuern kann, wird es noch einige Jahre dauern. Ob es überhaupt so weit kommt, bleibt abzuwarten.

Nach Ansicht des Beratungsunternehmens Sopra Steria Consulting sollten Firmen, die IoT-Lösungen entwickeln, daher nicht unbedacht nur auf die neuste Technologie setzen. Schließlich sei flächendeckendes 4G/LTE besser als lückenhaftes 5G. „Für viele Industrieanwendungen im Internet der Dinge reicht eine LTE-Verbindung mit der NarrowBand-IoT-Technik vollkommen aus“, Christoph Henkels, Senior Manager Telecommunications, Media & Entertainment bei Sopra Steria Consulting.

NarrowBand-IoT, kurz NB-IoT, ist darauf ausgelegt, nur wenig Bandbreite zu beanspruchen und mit sehr wenig Energie auszukommen. Die Funktechnik nutzt die vorhandenen 4G-Netze, erreicht eine gute Gebäudedurchdringung und wird stand heute auch in den 5G-Standard einfließen. Viele IoT-Szenarien mit Sensoren und Aktoren lassen sich laut Henkel über das LTE-basierte NB-IoT realisieren.

Lieber 100 Prozent LTE als 70 Prozent 5G

Der Netzstandard 5G bietet im Vergleich zu heutigen LTE-Netzen eine bis zu 100 Mal schnellere Datenübertragung, eine um den Faktor 1.000 höhere Kapazität sowie die Möglichkeit, weltweit bis zu 100 Milliarden Mobilfunkgeräte gleichzeitig zu vernetzen. Dazu kommen sehr kurze Verzögerungen (Latenzen) bei der Datenübertragung, die schnelle Reaktionszeiten ermöglichen. Ausgeklügelte Mechanismen drücken zudem den Energieverbrauch.

„Solche Turbo-Datenzugriffe sind derzeit allerdings nicht das wichtigste, um den Digitalstandort Deutschland zu stärken“, findet Henkels. Für konkrete Industrie-4.0-Anwendungen im Internet of Things (IoT), also für die Vernetzung von Maschinen, Produktionsanlagen, Fahrzeugen und Alltagsgegenständen, sei die flächendeckende Vernetzung wichtiger als die neuste Technik.

Eine rasche hundertprozentige Abdeckung mit mobilem Internet – egal ob 5G oder LTE –, würde beispielsweise das Angebot vieler Cloud-Dienste in ländlichen Gebieten verbessern. „Flächendeckendes LTE würde vielen aktuellen Innovationen mehr nützen als 70 Prozent oder 90 Prozent 5G-Abdeckung“, sagt Henkels. Damit lassen sich zum Beispiel erste Tele-Medizin-Anwendungen realisieren, mit denen sich die medizinische Versorgung im ländlichen Raum deutlich verbessern würde. Mobiles Arbeiten und damit eine Reduzierung von Verkehr und CO2-Emissionen wäre auch außerhalb von Großstädten möglich. Einige Logistikdienstleister arbeiten zudem bereits daran, Pakete per Drohne zuzustellen, um auf ein flächendeckendes Liefernetz verzichten zu können.

Internet der Dinge funktioniert auch ohne 5G

Stand heute ist jedoch auch 4G noch nicht überall verfügbar. Die Vergabe der 5G-Frequenzen sollte nach Empfehlung von Sopra Steria Consulting deshalb an eine 100-Prozent-Versorgungszusage mit LTE oder dem 5G-Standard gekoppelt werden. Um den Ausbau zu finanzieren und den Prozess zu vereinfachen, böte sich für bislang nicht versorgte Gebiete ein nationales Roaming an. Dabei müsste nur ein Netzbetreiber in einer Region Infrastruktur aufbauen, die von den anderen Telekommunikationsanbietern gegen Gebühr genutzt werden kann. Dieses National Roaming zwischen bestehenden Netzbetreibern kann unabhängig von der Freigabe für neue Netzbetreiber festgeschrieben werden.

Ende September hatte der Beirat der für die Versteigerung der 5G-Frequenzen zuständigen Bundesnetzagentur die Eckpunkte für die Auktion diskutiert. Die Versteigerung soll demnach im ersten Quartal 2019 stattfinden. Kritiker bemängeln, dass sich Vorgaben wieder auf die Anzahl der Haushalte bezögen und nicht auf die Fläche. Das Ziel, 98 Prozent der Haushalte abzudecken würde nur einer Abdeckung von 70 Prozent der Fläche der Bundesrepublik entsprechen, heißt es. Die Folge seien erneut weiße Flecken auf der Internetlandkarte Deutschlands. Das Nachrichtenmagazin der Spiegel warnt bereits: „Bei der Vergabe der neuen Handynetze wiederholt Minister Scheuer die Fehler der Vergangenheit.“ Mit der möglichen Folge, dass Deutschland im digitalen Wettbewerb weiter zurückfällt.

Die Branche reagiert mittlerweile mit eigenen Ankündigungen, bis 2025 99 Prozent der Bevölkerung und 90 Prozent der Fläche mit schnellem 5G-Internet zu versorgen. Auch dies würde allerdings nicht reichen, damit digitale Zukunftsanwendungen wie das autonome Fahren bundesweit möglich sind.

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