Künstliche Intelligenz

Europäische Start-ups im globalen Konkurrenzkampf unter Druck

Im Bereich Künstliche Intelligenz (KI) sind Start-ups die bestimmenden Innovationstreiber: Auf ihr Konto gehen Technologien wie Bilderkennung, Sprachverarbeitung oder automatisiertes Fahren. Stand heute liegt die USA im globalen Konkurrenzkampf der Jungunternehmer an vorderster Stelle.

München – „Der zweite Platz hinter den USA zeigt, wie dynamisch Europa in diesem Bereich ist", sagt Charles-Edouard Bouée, CEO von Roland Berger. „Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Initiativen national vorangetrieben werden und keine klare, von der EU-getragene Strategie für ein europaweites KI-Ökosystem verfolgt wird. Europa muss beim Thema KI mit einer Stimme sprechen." Die Unternehmensberater Roland Berger und Asgard haben für die Studie rund 3.500 Unternehmen und Start-ups im KI-Bereich analysiert.

Kein europäisches Land erreicht bislang im globalen Vergleich eine kritische Masse an KI-Start-ups: Großbritannien liegt auf Platz vier (245 Start-ups), Frankreich auf Platz sieben (109 Start-ups) und Deutschland auf Platz acht (106 Start-ups). „Die Resultate zeigen klar auf, dass Maßnahmen auf europäischer und nicht auf nationaler Ebene notwendig sind. Angesichts der amerikanischen und chinesischen Konkurrenz braucht Europa ein attraktives Ökosystem", sagt Axelle Lemaire, Global Head Terra Numerata, dem digitalen Partnernetzwerk von Roland Berger. Terra Numerata bringt Inkubatoren, Investoren, Technologieanbieter sowie Akteure aus der Digitalwirtschaft ganz unterschiedlicher Branchen und Größen zusammen.

„Europa sieht sich zwei Herausforderungen gegenüber: „KI-Champions" aufzubauen und entsprechende Technologien schnell zu implementieren, um Wettbewerbsvorteile zu realisieren und nicht weiter Boden an die Konkurrenz aus den reiferen Märkten in Amerika und Asien zu verlieren", erklärt Fabian Westerheide, Gründer und CEO von Asgard. Mit Blick auf den Branchenfokus der KI-Start-ups sind einige wichtige Wirtschaftssektoren Europas unterrepräsentiert. Zu ihnen zählen Energie (2 %), Automobil (1 %), Immobilien (1 %), Landwirtschaft (1 %) und öffentliche Verwaltung (weniger als 1 %). „Wir haben erwartet, dass Technologien wie Robotik, das Internet der Dinge und selbstfahrende Autos, in denen Europa führend ist, überproportional vertreten sind", ergänzt Westerheide. „Unsere Ergebnisse sprechen aber eine andere Sprache. Sie rufen die Frage auf, ob etablierte europäische Industrien fähig sind, sich auf wichtige Technologietrends einzustellen und so ihre Führungsposition zu behaupten."

Einheitlicher Plan für Europa gefordert

Die Experten von Roland Berger empfehlen ein Bündel an Maßnahmen auf europäischer Ebene, um die Entwicklung von KI-Start-ups auf dem gesamten Kontinent voranzutreiben.

1. Ein europaweiter Unternehmensstatus für Start-ups

Der sogenannte Young European Start-up-Status (Yes!) soll Firmen Zugang zu staatlichen Programmen und zum gesamten europäischen Markt ermöglichen. Er zielt darauf ab, grenzüberschreitende Geschäfte, die Rekrutierung von hochqualifiziertem Personal innerhalb ganz Europas und internationale Investitionen anzukurbeln. Yes! sollte rechtlich auf europäischer Ebene verankert werden und nicht nur an bereits existierende nationale Initiativen anknüpfen.

2. Höhere Investitionen in junge Unternehmen

Verhältnismäßig fließt nur wenig Kapital in europäische KI-Start-ups: 2017 sammelten KI-Start-ups in einer durchschnittlichen Finanzierungsrunde in Frankreich 3 Millionen Dollar und in Deutschland 2 Millionen Dollar ein. Zum Vergleich: In den USA waren es 10 und in China sogar 36 Millionen Dollar. Um diese Situation zu verbessern, sollte Europa Investitionen von Großunternehmen fördern und gleichzeitig die Finanzierung von Innovationen insgesamt diversifizieren. Öffentliche Investitionen über den Europäischen Investitionsfonds oder höhere Mittel aus dem EU-Haushalt sollten ebenfalls eine zentrale Rolle einnehmen. Zudem könnte die Einrichtung einer europäischen Innovationsagentur das KI-Ökosystem unterstützen.

3. KI-Fachkräfte fördern und Austausch zwischen Wirtschaft und Wissenschaft stärken

Europa sollte ein attraktives Ziel für ausländische Unternehmer und Forscher sein: Ein spezielles Start-up-Visum kann die Anziehungskraft der EU für Talente erhöhen. Zudem können europäische Initiativen Kooperationen von Forschungsinstituten und Start-ups fördern. Der personelle Austausch und schnelle Technologietransfer haben für den Erfolg von Start-ups große Bedeutung.

„Neben dem „KI-Wettrüsten" zwischen den USA und China gibt es Raum für einen dritten, einen europäischen Weg", fasst Axelle Lemaire zusammen. „Damit dieser zum Erfolg führt, braucht der Kontinent einen einheitlichen Plan, der alle verfügbaren Ressourcen zusammenführt und so ihre Wirkung verstärkt."

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