Interview Online Missbrauch

Keine Macht den Produktfälschern!

Plagiate richten großen Schaden für die Wirtschaft an. Der Handel mit gefälschten oder kopierten Waren betrifft heute fast alle Branchen. Unternehmen erleiden dadurch nicht nur signifikante Umsatzverluste, auch Reputation, Handelsbeziehungen und Marketing-ROI stehen auf dem Spiel.

Wie genau gehen Markenpiraten vor? Was können Unternehmen dagegen tun? Welchen Gefahren sehen sich Verbraucher gegenüber, wenn sie ein gefälschtes Produkt kaufen? Und sind Original-Hersteller überhaupt für die Missetaten von Fälschern verantwortlich, die ihre Marken kapern? Darüber haben wir mit Stefan Moritz, Regional Director DACH bei dem Online-Markenschutz-Experten MarkMonitor und Dr. Benjamin Koch, Fachanwalt für Gewerblichen Rechtsschutz bei Lubberger Lehment gesprochen.

marconomy: Herr Moritz, in Sachen Markenpiraten sind Sie ein echter Experte. Wo sind Ihrer Erfahrung nach die meisten Fälscher aktiv?

Stefan Moritz: Die Kreativität von Markenpiraten ist nahezu grenzenlos. Bei Produktfälschungen stammen mit Abstand die meisten Plagiate aus China. Mittlerweile kommen mehr als zwei Drittel aller weltweit vertriebenen Produktfälschungen von dort. Am Ende spielt es aber keine Rolle, wo sie produziert werden. Denn vertrieben werden die Billig-Kopien meist online und sind damit global verfügbar. Das Internet ist schließlich unabhängig von Zeit und Ort.

marconomy: In der Strategie der Cyber-Kriminellen hat sich einiges getan. Mit welchen Methoden gehen Markenpiraten heute vor?

Stefan Moritz: In der Tat. Man kann sagen, die Fälscher gehen mit der Zeit. Sie nutzen heutzutage die weiten Sphären des Internets für ihre betrügerischen Machenschaften. So ziehen sie täuschend echte Webshops für ihre Fake-Produkte auf oder bringen die Plagiate über E-Commerce-Plattformen und Online-Marktplätze global in Umlauf. Eine beliebte Technik stellt auch das Cybersquatting dar. Durch dieses „Besetzen“ von Domains, die bekannten Markennamen sehr stark ähneln, landen Nutzer schnell auf einer täuschend echt aussehenden Piratenseite. Zu den gängigen Verbrechermethoden zählen ebenso Links auf Facebook, Twitter und Co., die zu Webshops von Produktpiraten führen („Social Counterfeiting“). Daneben ist noch ein Klickbetrug verbreitet, bei dem nachgemachte Firmen- und Produktlogos sowie Markennamen die unbedarften Nutzer auf Fälscherseiten locken. Zudem kopieren Betrüger Adwords-Anzeigen („Ad Hijacking“), die Markenanbieter bei Google für bestimmte Keywords schalten. Die gesamte Palette des Online-Marketing also.

marconomy: Laut Ihrer aktuellen Studie erkennen Verbraucher die gefälschten Produkte im Netz oft nicht. Welche Auswirkungen hat das und wie können sich Verbraucher schützen?

Stefan Moritz: Aus unseren Untersuchungen wissen wir, dass jeder vierte Online-Käufer schon einmal unwissentlich gefälschte Produkte im Netz gekauft hat. Das liegt daran, dass Markenpiraten immer professioneller vorgehen: Nicht nur, dass ihre Fake-Shops und Waren kaum mehr von denen der Original-Hersteller zu unterscheiden sind – mittlerweile passen sie sogar die Preise an, sodass diese leicht mit Sonderangeboten verwechselt werden und selbst versierte Online-Shopper nicht mehr die Spreu vom Weizen trennen können. Die Studie ist gleichzeitig ein Warnsignal für Markeninhaber. Denn sie zeigt, dass Verbraucher Brands nicht mehr vertrauen, wenn sie mal einen gefälschten Artikel der Marke gekauft haben. Vielmehr noch sehen sie Unternehmen in der Pflicht, ihre Kunden vor Produktfälschern zu schützen.

marconomy: Sicherlich können sich auch Unternehmen vor Markenfälschern schützen. Welche konkreten Maßnahmen können dazu beitragen?

Stefan Moritz: Der erste Schritt im Kampf gegen Online-Kriminelle ist die Entwicklung einer umfassenden Online-Markenschutz-Strategie. Dazu gehören ein kontinuierliches Monitoring der wichtigsten digitalen Kanäle, Online Marktplätze, Webshops und Apps, professionelles Domain-Management sowie Analysen. Allein in Sachen Domain-Management wird das aber schnell zur Herkules-Aufgabe. Hier können Online-Markenschutz-Anbieter helfen, denn diese bieten Lösungen, die alle relevanten Domains, Webshops, Plattformen und sozialen Netzwerke automatisiert scannen und so Online-Markenmissbrauch schnell ans Licht bringen. Werden Rechtsverletzungen erst einmal sichtbar, sollten entsprechende Maßnahmen durch erfahrene Spezialisten eingeleitet und zum Angriff, online und gegebenenfalls juristisch, übergegangen werden.

marconomy: Gutes Stichwort: Herr Dr. Koch, wie können sich Unternehmen juristisch gegen die Betrüger zur Wehr setzen?

Dr. Benjamin Koch: In Deutschland stehen Markenhersteller wirksame Instrumente zur Verfügung, ihr Recht gegen Markenpiraterie durchzusetzen. Sie können hierzulande relativ schnell eine einstweilige Verfügung gegen einen Verkäufer von Plagiaten erreichen. Hinzu kommt der Kostenerstattungsanspruch. Das bedeutet konkret: Wer begründete Abmahnungen an Produktpiraten beziehungsweise gewerbliche Wiederverkäufer solcher Waren versendet, kann sich seine Anwaltskosten erstatten lassen. Der Anspruch auf Kostenerstattung gilt auch für einen gewonnenen Prozess. Das funktioniert in Deutschland, andere EU-Länder haben da noch Nachholbedarf.

marconomy: Und mit welchem Szenario müssen Unternehmen rechnen, falls sie den Online-Markenschutz vernachlässigen? Können sie überhaupt haftbar gemacht werden, wenn Produktfälschungen ihrer Marke im Internet auftauchen?

Dr. Benjamin Koch: Zwar sind Originalhersteller nach deutschem Recht nicht in der Beweispflicht, wenn ein Plagiat Personen- oder Sachschäden verursacht. Dennoch empfiehlt es sich, die Markenüberwachung auf mögliche Haftungsrisiken bestimmter Produkte auszurichten, denn selbst ein gewonnener Prozess geht oft mit einem Imageschaden einher. Noch kritischer ist die Situation, wenn es um Produkthaftungsansprüche im Hinblick auf Parallelimporte geht. Schädigt eine solche, unbefugterweise eingeführte, Graumarktware den Verbraucher, muss der Originalhersteller selbst beweisen, dass er die Ware nicht in den betreffenden Markt in Verkehr gebracht hat.

marconomy: Das sind zunächst gute Nachrichten für Markenunternehmen. Wie sieht die Lage aus, wenn ein Verbraucher auf Schadensersatz klagt?

Dr. Benjamin Koch: Auch wenn beispielsweise die Billigkopie einer Leuchtstoffröhre explodiert, kann es passieren, dass sich der Originalhersteller gegen Klagen verteidigen muss. Zwar sind die Erfolgsaussichten der Rechtsverteidigung gut, da der Geschädigte erst einmal darlegen und beweisen muss, dass es sich bei dem schadensverursachenden Produkt um ein Originalprodukt des Markeninhabers handelte. Doch das beklagte Unternehmen muss trotzdem den Haftungsprozess führen, der dauern kann und dabei wertvolle personelle wie finanzielle Ressourcen kostet. Gleichzeitig leidet oft das Image des beklagten Originalherstellers während eines solchen Prozesses. Und selbst wenn am Ende der Markeninhaber vor Gericht siegt, bleibt bei Verbrauchern dennoch immer wieder ein negativer Beigeschmack hängen.

Stefan Moritz: Für Unternehmen ist es generell wichtig, konsequent gegen die Täuschungsmanöver der Cyber-Kriminellen vorzugehen. Es kommt vor allem darauf an, die Machenschaften der wichtigsten Fälscher zu stören und damit ein schwerer angreifbares Ziel zu werden. Nach unserer langjährigen Erfahrung ist der Kampf gegen den Online-Markenmissbrauch keineswegs aussichtslos. Aber nur wer kämpft, kann gewinnen. Am besten holen sich Unternehmen dafür Verstärkung von erfahrenen Experten.

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