Obsoleszenz

Kommt das Mindesthaltbarkeitsdatum für Elektro- und Elektronikgeräte?

Elektrogeräte werden laut einer Studie des Umweltbundesamtes immer kürzer genutzt. Die Gründe für den frühzeitigen Austausch sind vielfältig. Kann ein Mindesthaltbarkeitsdatum für Elektrogeräte Abhilfe schaffen? Der ZVEI ist skeptisch.

Die jüngst veröffentlichte Studie des Umweltbundesamts (UBA) zur Entwicklung von Strategien gegen Obsoleszenz untersuchte erstmals detailliert das Konsumverhalten, die Austauschgewohnheiten sowie die Ursachen für Defekte bei Elektro- und Elektronikgeräten. Das Ergebnis: Die Gründe für den frühzeitigen Austausch sind vielfältig. Eine wie auch immer geartete „geplante Obsoleszenz“ von Seiten der Hersteller konnte nicht nachgewiesen werden.

Der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) begrüßt die Studie und sieht seine Auffassung bestätigt, wonach es keine absichtlich eingebauten Sollbruchstellen in Hausgeräten gibt, die die Lebensdauer begrenzen.

Trotzdem ist UBA-Präsidentin Maria Krautzberger der Meinung, dass viele Geräte eine zu kurze Lebensdauer besitzen: „Aus ökologischer Sicht ist das nicht akzeptabel. Die Herstellung der Produkte verbraucht wertvolle Ressourcen. Schadstoffe und Treibhausgase belasten Umwelt und Klima. Wir müssen über Mindestanforderungen an Produktlebensdauer und Qualität nachdenken – eine Art Mindesthaltbarkeit für Elektro- und Elektronikgeräte.“

Auch am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) beschäftigt man sich seit Längerem mit dem Thema: Die die Entwicklung von zuverlässigen, komfortablen, wirtschaftlichen, sicheren und umweltverträglichen Produkten ist hier ein aktuelles Lehr- und Forschungsfeld. Albert Albers, Leiter des IPEK – Institut für Produktentwicklung am KIT erklärt: „Richtig ist, dass Ingenieure Produkte auf eine geplante Gebrauchsdauer hin auslegen. Das ist sinnvoll und hat nichts mit dem unnötigen Ausfall eines Produkts vor Ablauf seiner Gesamtlebensdauer zu tun.“

Als Entwickler einer Bohrmaschine für den professionellen Handwerker beachte man andere Nutzungsprofile und Verkaufspreise als für den Hobby-Handwerker: „Dann werden alle Komponenten so dimensioniert, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit die vom Markt verlangte Gebrauchsdauer erreicht wird. Letztlich hat der Kunde eine unendlich große Macht. Geplante Obsoleszenz fällt in unser Informationsgesellschaft sofort auf und das kann sich ein Hersteller gar nicht leisten.“

„Umgekehrt: Wenn die Nutzer am Markt bewusst Handys kaufen würde, die 10 Jahre halten, oder Bohrmaschinen, die man noch den Enkel vererben möchte, dann würden die Hersteller sich darauf einstellen,“ erklärt Albers weiter. Die Lebensdauer von Produkten wird demnach anhand des Konsumentenverhaltens geplant. Geräte sollen so entwickelt werden, dass sie so lange halten wie nötig, nicht so lange wie möglich.

Auch an das Konsumverhalten angepasste Innovationszyklen können zu Lasten der Qualität gehen – so werden manche Geräte nur noch auf bekannte Schwachstellen geprüft und nicht mehr umfassend getestet. Auf diese Weise lasse sich die Testzeit von mehreren Monaten auf wenige Wochen reduzieren.

Der Verbraucher spielt eine Schlüsselrolle

In vielen Fällen wird die Haltbarkeit der Geräte nicht ausgenutzt. In etwa einem Drittel aller Ersatzkäufe, so das Ergebnis der Untersuchung, war das ersetzte Gerät noch voll funktionsfähig. Es sei daher genauso wichtig, dass Verbraucherinnen und Verbraucher ihre Produkte länger nutzen.

„Problematisch ist die mangelnde Transparenz für die Verbraucherinnen und Verbraucher. Man sieht dem Produkt nicht an, für welche Lebensdauer es konzipiert wurde. Auch der Preis ist da nicht immer ein zuverlässiger Indikator. Im Sinne der Verbraucher und der Umwelt wäre eine Kennzeichnung, die beispielsweise die voraussichtliche Lebensdauer eines Geräts in Nutzungsstunden angibt“, sagt UBA-Präsidentin Krautzberger.

Dieser vorgeschlagenen Kennzeichnung der Haltbarkeit steht der ZVEI jedoch kritisch gegenüber. Eine verlässliche Kennzeichnung setze voraus, dass die Haltbarkeit hinreichend genau messbar ist. Dies sei derzeit jedoch nicht gegeben. Europäisch harmonisierte Messverfahren für die Haltbarkeit von elektrischen Geräten gäbe es nicht. Zudem muss befürchtet werden, dass aufgrund der großen Produktvielfalt eine ausreichende Marktüberwachung nicht möglich wäre. Grundsätzlich lehnt der ZVEI jede Gesetzgebung ohne effektive Kontrolle durch Marktüberwachung ab.

Auch die Reparierbarkeit sei ein wichtiges Stichwort. Geräte müssen repariert werden können, um die Lebenszeit zu verlängern. Hierzu gehören zum Beispiel ein reparaturfreundliches Design und die Verfügbarkeit von Ersatzteilen, welche auch für nicht-herstellergebundene Werkstätten zugänglich sein sollten. Diesen übergeordneten Zielen - Abfallvermeidung und Ressourcenschutz - werden auch vom ZVEI nachdrücklich unterstützt. Auf europäischer Ebene muss nun über effektive und praktisch umsetzbare Maßnahmen gesprochen werden.

Nicht zuletzt stehen auch wir, die Verbraucher, in der Verantwortung: Wir entscheiden, wann wir unser noch funktionierendes/n Smartphone, Notebook oder Flachbildfernseher durch ein neues Gerät ersetzen oder ob wir ein defektes Gerät reparieren lassen - und vielleicht versuchen wir das nächste Defekte Gerät selbst zu reparieren oder geben ein aus der Mode gekommenes Smartphone weiter. Initiativen und Plattformen zum Verschenken, Teilen und Tauschen sowie so genannte Repair Cafés gibt es bereits in vielen Städten.

Autor: Dr. Anna-Lena Idzko

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