KI im Beschaffungsmanagement

Künstliche Intelligenz - Mehr Chance als Gefahr für die Zukunft

Das Thema Künstliche Intelligenz (KI) erlebt in den letzten Jahren neuen Aufschwung. Ich möchte es aus der Sicht eines deutschen KI-Startups im Bereich Einkauf beziehungsweise Sourcing beleuchten und dabei auf die Chancen und Gefahren in der Zukunft eingehen.

Worte wie „Standardabweichung” oder „Lineare Regression” werden bei dem einen oder anderen Leser vielleicht eher unangenehme Erinnerungen an längst vergangene Statistik-Vorlesungen wecken. Und tatsächlich ist der Schritt von der klassischen Statistik hin zum Maschinellen Lernen ein nicht allzu großer. Der Wesentlichste liegt in meinen Augen in der Herangehensweise und Zielsetzung. Erstere konzentriert sich vornehmlich darauf, einen zugrundeliegenden Prozess vollständig zu analysieren, zu verstehen und (theoretisch) zu modellieren, bevor die Frage gestellt wird, wie man diese Erkenntnisse umsetzen kann. Im Bereich des Maschinellen Lernens dagegen erinnert vieles eher an den wilden Westen der Statistik. Beinahe täglich werden neue Erkenntnisse in irgendeinem Unterbereich veröffentlicht, entstehen neue Modelle und Bibliotheken. In den meisten Fällen wird versucht, real existierende Probleme zu lösen – natürlich leicht abstrahiert, um wissenschaftlichen Standards zu genügen und eine Vergleichbarkeit mit anderen Arbeiten zu gewährleisten. Es werden verschiedenste Modelle, Optimierungsalgorithmen und Parameterkombinationen getestet, um schließlich die beste Konstellation zu finden. Anschließend wird die Frage gestellt, warum manche Ansätze besser funktionieren als andere.

Das mag für einige Menschen – insbesondere im akademischen Bereich – unbefriedigend sein, für uns als KI-Startup ist das jedoch eine der wichtigsten Voraussetzungen. Anders als noch vor einigen Jahren wird ein Großteil der Forschungsartikel frei veröffentlicht, sodass keine teuren Zeitschriften-Abos nötig sind, um sich dieses Wissen anzueignen. Forschungsergebnisse werden zudem auch deutlich niedrigschwelliger in Form von Blogposts oder auch nur Forenbeiträgen publiziert. Diese Öffnung für die breite Masse hat die aktuelle Entwicklung überhaupt erst möglich gemacht, denn auch wenn einige Beiträge und Autoren mit Bedacht konsumiert werden sollten: Ohne die unzähligen Softwareentwickler, Hobbyprogrammierer und anderweitig Interessierten wäre der Wissensschatz, von dem jeder profitiert, der im Feld der künstlichen Intelligenz tätig ist, nicht ansatzweise so groß.

Künstliche Intelligenz und PCs – der gleiche Angstfaktor

Noch in den 1960er Jahren war die Nutzung von Computern eine überaus schwierige, kostenintensive Angelegenheit und die klügsten Köpfe der Welt waren nötig, um überhaupt einen zu betreiben. Erst der technische Fortschritt und die einsetzenden Kostenvorteile machten den PC massentauglich und lösten damit eine Revolution aus. Auch damals hatten viele Menschen Berührungsängste. Neben einer mentalen Umstellung erforderte der Umgang mit den neuen Geräten auch eine gewisse Lernbereitschaft, da deren „Denkweise” erst einmal verstanden und angenommen werden musste. Heute machen sich die meisten Menschen bei der Nutzung – zumindest solange alles fehlerfrei funktioniert – keine großartigen Gedanken mehr. Mit einem Klick werden E-Mails und Chat-Nachrichten verschickt, Daten in das ERP-System eingepflegt oder Excel-Tabellen befüllt. Die wenigsten verbinden mit dem Computer oder dem Smartphone eine bedrohliche Technologie.

Ähnlich wird es sich mit der Künstlichen Intelligenz – beziehungsweise dem, was im Allgemeinen darunter subsumiert wird – verhalten. Die meisten Menschen werden niemals ein entsprechendes Programm schreiben, genauso wenig, wie sie bisher Grafik-, Textverarbeitungs- oder Buchhaltungsprogramme geschrieben haben. Es wird weiterhin eine Spezialisierung stattfinden und für die meisten Probleme wird es maßgeschneiderte Produkte und Dienstleistungen geben. Die Frage, die sich hinsichtlich des Einsatzes künstlicher Intelligenz stellen wird, ist daher nicht „Ja-oder-Nein”, sondern lediglich „Make-or-Buy”. Sofern künstliche Intelligenz nicht die Kernkompetenz eines Unternehmens ist, wird die Entscheidung bei den meisten Problemen auf „Buy” fallen, da die Entwicklung einer marktreifen, funktionierenden und Nutzen-generierenden Lösung – trotz aller Euphorie angesichts der jüngsten Entwicklung – alles andere als einfach ist.

Künstliche Intelligenz als nützliches Werkzeug

Aufgrund der Skaleneffekte, die insbesondere im IT-Sektor mit der Spezialisierung einhergehen, wird sich die eigenständige Entwicklung einer künstlichen Intelligenz für die meisten Unternehmen nicht lohnen. Stattdessen sollten sie – und natürlich auch ihre Mitarbeiter – derartige Technologien als Werkzeuge betrachten. Ja, in manchen Fällen mag es sinnvoll sein, seinen eigenen druckluftbetriebenen Schraubendreher zu entwickeln. Für den Großteil der Fälle ist das Produkt eines darauf spezialisierten Unternehmens jedoch besser und billiger als die Eigenentwicklung. Für den Anwender ist es nur wichtig, zu wissen, wie er mit dem Werkzeug richtig umgehen muss. Maßgeschneiderte KI-Lösungen sind ein wertvolles Hilfsmittel, das in wenigen Jahren so alltäglich sein wird, wie heute Excel zu öffnen und eine Tabelle zu erstellen – und in vielen Fällen noch einfacher.

Führt Künstliche Intelligenz zu weniger Arbeitsplätzen?

Auch wenn die Tragweite all dieser Entwicklungen für die meisten Menschen heute noch nicht vollständig absehbar ist, fürchten viele um ihren Arbeitsplatz. Und ja, vermutlich werden viele Aufgaben, die heute noch von Menschen erledigt werden, von einer künstlichen Intelligenz übernommen. Doch wird das in Zukunft das Ende menschlicher Arbeit bedeuten? Lassen Sie mich diese Frage mit einer Gegenfrage beantworten: Hat die Einführung des Computers menschliche Arbeit überflüssig gemacht? Oder die Einführung der Dampfmaschine?

Die Antwort ist ein eindeutiges „Nein, aber…”. Die Menschheit muss sich weiterentwickeln und den Veränderungen anpassen. Genauso, wie in heutigen Wissensgesellschaften jeder Mensch lesen lernt, wird künftig jeder in der Lage sein müssen, moderne Technologien wie spezialisierte Suchmaschinen effektiv zu nutzen oder die von ihm produzierten Daten so zu gestalten, dass diese möglichst problemlos weiterverarbeitet werden können. In einem Punkt sind wir uns jedoch sicher: Künstliche Intelligenzen werden auf absehbare Zeit nicht kreativ arbeiten und denken können. Dies bleibt (zunächst) dem Menschen vorbehalten, weshalb sich Arbeitnehmer künftig mehr auf „kreative Aufgaben", wie beispielsweise die finale Auswahl eines Lieferanten fokussieren können. Eher repetitive und oftmals extrem zeitaufwändige Aufgaben, wie das Durchleuchten globaler Märkte nach potentiellen Lieferanten, werden dagegen von der Maschine übernommen. Die Frage ist dabei nicht, ob dies stattfindet, sondern vielmehr, ob schon dieses oder erst nächstes Jahr.

Künstliche Intelligenz als Chance begreifen

Eine Verweigerung mag kurzfristig der bequemere Weg sein, weil man sich nicht mit einer komplizierten Materie auseinandersetzen muss, oder weil man eine Technologie abwehrt, die sonst die Frage aufwerfen würde, warum man überhaupt bezahlt wird. Mittelfristig wird diese Einstellung jedoch zu unangenehmen Konsequenzen führen. Persönliche, weil man irgendwann möglicherweise nicht mehr Schritt halten kann mit Mitbewerbern. Unternehmerische, weil die Produktivität der Konkurrenz steigt, während man selbst es „macht wie man es schon immer gemacht hat”. Gesellschaftliche, weil andere Länder auf der Welt sich einen kaum einholbaren Vorsprung erarbeitet haben und sich so die wirtschaftlichen Kräfteverhältnisse verschieben.

Wenn Sie sich nun in Ihre Statistik-Vorlesung zurückversetzen, so erinnern Sie sich sicherlich an einen Satz, der mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,99 % in jedem Semester mindestens einmal gefallen ist: „Wofür brauchen wir das überhaupt?”. Heute ist die Antwort klarer als je zuvor: Um die Welt zu verändern!

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