Künstliche Intelligenz

Künstliche Intelligenz: Mehr oder weniger Jobs?

Dass aufgrund der Digitalisierung bestehende Jobs wegfallen (aber auch neue entstehen) werden, ist eine Binsenweisheit. Doch dürften manche Berufe viel schneller von der Bildfläche verschwinden, als manchem lieb ist. Wird sich die Zahl neuer Jobs mit denen, die wegfallen werden, die Waage halten?

KI (Künstliche Intelligenz) ist keine Zukunftsvision mehr, sondern in unserem Alltag längst angekommen und sie wird vor allem für Unternehmen und die Wirtschaft weiter an Bedeutung gewinnen. Wenn von intelligenter Software gesprochen wird, dann sind selbstlernende Computerprogramme gemeint, die eigenständig Daten erfassen, Zusammenhänge verstehen, Prognosen erstellen und Lösungen entwickeln. Sie erstellen mit Hilfe von Algorithmen treffsichere Unternehmensanalysen, stecken hinter personalisierter Social-Media-Werbung und selbstfahrenden Autos, verfassen Twitter Posts und Meldungen für Nachrichtenportale und vieles mehr.

Laut dem Marktforschungsinstitut Tractica könnte der weltweite Umsatz mit KI bis zum Jahr 2025 auf 38,8 Milliarden US-Dollar anwachsen. Besonders die Autoindustrie und Finanzfirmen können profitieren. Doch auch kleine und mittelständische Unternehmen sollten die Chance nutzen, den Umsatzzuwachs rechtzeitig erkennen und in KI-Management, Technologien, Know-how und Infrastruktur wie Cloud Services investieren, so werden auch sie steigende Gewinne verbuchen können.

Wie steht es um die Arbeitsplätze?

Auch wenn uns Sprachassistenten und Chatbots in Zukunft jede Frage beantworten, uns autonome Autos sicher nach Hause bringen, Drohnen den Einkauf liefern und uns Roboter die Hausarbeit abnehmen, werden nicht alle Menschen von diesem Trend profitieren können. Während die Unternehmen aufgrund von Umsatzsteigerungen und Kosteneinsparungen optimistisch sind, fragen sich Angestellte, was passiert, wenn leistungsstarke Computer in betrieblichen Prozessen immer die Nase vorn haben, während das Personal an seine Grenzen kommt.

Die Existenzängste sind nicht unbegründet. Nach Einschätzung von Wissenschaftlern könnten bis 2050, sobald KI flächendeckend eingesetzt wird, allein in Deutschland 48 Prozent aller Arbeitsplätze aufgrund von KI und den damit verbundenen Automatisierungsprozessen wegfallen und somit die Volkswirtschaft und das Sozialsystem auf den Kopf stellen. Betroffen sind alle Branchen und Berufsgruppen, darunter die Industrie, der Einzelhandel, der Bildungssektor, das Gesundheits- und Sozialwesen sowie das Finanzwesen und viele weitere.

Die Digitalisierung führt demnach zu massiven Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt. Auch der Experte Thomas R. Köhler – früher IT-Unternehmer, heute Unternehmensberater und erfolgreicher Publizist rund um das Thema Digitalisierung («Die Internetfalle») – warnt: «Folgende sieben Jobs sind bereits 2019/20 in Gefahr.»

  • Personalverantwortlicher: Bereits heute nutzen Personalabteilungen Software zur Kandidatensuche und Vorauswahl. Überlässt man auch Bewerbungsgespräch, die finale Auswahl und den ganzen Einstellungsprozess digitalen Recruitment-Assistenten (sprich der Künstlichen Intelligenz), so wird "der Personaler" im Prinzip nicht mehr gebraucht. Faktisch gibt die Technik das bereits heute her. Auch die Entscheidung über «Beförderungen» dürfte künftig automatisch fallen. Software, die laufend die Mitarbeiter bewertet, gibt es längst und die ist – allen Datenschutzbedenken zum Trotz – weit verbreitet.
  • Lagerarbeiter: Automatische Wareneingangskontrolle per Kamera und Rechner werden den Lageristen überflüssig machen. Den "Rest" – also den Transport, die Kommissionierung und die Verpackung der Waren – übernehmen Logistik-Roboter. Solche Systeme werden heute überall erprobt oder sind bereits im Einsatz. Auch mit autonomen Drohnen für den innerbetrieblichen Gütertransport machen einige Unternehmen Experimente.
  • Mitarbeiter im Fast-Food-Restaurant: Ob Bestellung oder Küche – die Gastronomiebranche arbeitet bereits massiv an der Automatisierung. Bei grossen Betrieben gibt es längst die Bestellung per Bildschirm. Nun hält die Digitalisierung auch am Herd Einzug. Ob Burger-Braten oder Leckeres aus dem Wok– gekocht werden kann inzwischen vollautomatisch – zum Beispiel in der Roboterküche des britischen Herstellers MoleyRobotics. Das Schöne daran: Der Kochautomat braucht weder Pausen noch Urlaub.
  • Jurist: Längst arbeiten Softwareprogramme in den Hinterzimmern grosser Anwaltskanzleien und durchforsten automatisch Texte und identifizieren wichtige Fragestellungen und juristische Stolpersteine. Der Leistungsvergleich zwischen 20 erfahrenen Vertragsanwälten mit einer Vertragsanalysesoftware in den Vereinigten Staaten ergab kürzlich ein erschütterndes Bild – und zwar für den Menschen. Einfache juristische Sachverhalte wie die Anfechtung von Bussen kann der vom Stanford-Studenten Joshua Browder entwickelte KI-basierte "RobotLawyer" DoNotPay bereits komplett lösen. In Gerichtsverhandlungen hingegen ist der Jurist, ob als Richter oder Anwalt, noch unentbehrlich – nur wie lange noch?
  • Bankmitarbeiter: Wer braucht noch Banker, wenn zunehmend "RobotAdvisor" über Geldanlagen bestimmen. Die schwedische Nordea Bank hat das als erstes Institut erkannt und konnte durch die Automatisierung von Beratungsprozessen binnen Jahresfrist 2500 Mitarbeiter einsparen. Mittelfristig sollen die Hälfte der Beschäftigten der Bank den "blauen Brief" bekommen, da sie durch die Digitalisierung überflüssig werden.
  • Bauarbeiter: Die Japaner machen es vor. Roboter werkeln dort bereits an zahlreichen Gebäuden und ersetzen ihre ehemaligen Kollegen aus Fleisch und Blut. Der 3D-Druck ermöglicht es inzwischen sogar, ganze Rohbauten direkt auf der Baustelle zu drucken.
  • Seemann: Seeleute wird es immer geben? Falsch gedacht! Vielleicht noch als Käpt’n fürs Captain’s Dinner auf Luxuskreuzfahrten. Zahlreiche Reedereien arbeiten an selbstfahrenden Schiffen. Insbesondere die Besatzung von Handelsschiffen muss sich Sorgen machen. Diese könnten in Zukunft vollautomatisch um die ganze Welt fahren. Am 28. Juni 2018 wurden in Rostock ausserdem die Forschungsergebnisse des BMWi-Förderprojekts Galileonautic zur automatisierten Schifffahrt präsentiert. Das Forschungsprojekt konnte zeigen, wie durch eine zunehmende Automatisierung der Schifffahrt bei stetig wachsendem maritimem Verkehrsaufkommen in Häfen ein sicherer Verkehrsfluss garantiert werden kann. Hierfür wurden in dem mit rund 2 Mio. CHF auf zwei Jahre vom BMWi geförderten Projekt Galileonautic Technologien zum autonomen Navigieren und optimierten Manövrieren von kooperierenden Schiffen in Häfen (Satellitennavigationssystem Galileo, Manöverassistenzsysteme, Schiffsregelungssysteme, Nahfelderkennung mittels Sensorik, Vernetzung der Schiffe) entwickelt.

Künstliche Intelligenz schafft mehr Jobs, als sie zerstört

Auf der Gegenseite sollen durch die Künstliche Intelligenz bis zum Jahr 2020 weltweit 2,3 Millionen neue Arbeitsplätze entstehen. Dies ergab eine Studie des Marktforschungsinstituts Gartner. Die Arbeitsplätze, die von Künstlicher Intelligenz direkt beeinflusst werden, variieren dabei von Branche zu Branche: Bis zum Jahr 2019 werden die Gesundheitsbranche, der öffentliche Sektor und der Bildungssektor die Nachfrage nach Arbeitskräften kontinuierlich steigern, während die Produktions- und Fertigungsindustrie am stärksten negativ betroffen sein wird. Gartner geht davon aus, dass durch das maschinelle Lernen "nur" 1,8 Millionen Jobs wegfallen werden. Ab 2020 erreicht die Schaffung von Arbeitsplätzen im Bereich Künstlicher Intelligenz jedoch ein positives Niveau: Bis zum Jahr 2025 sollen 2 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Die KI werde die Produktivität vieler Arbeitsplätze verbessern. Es würden zwar Millionen von mittleren und niedrigen Positionen effektiv eliminiert, aber im Gegenzug auch Millionen von neuen, hoch qualifizierten Positionen geschaffen – nicht nur verwaltender Natur, sondern auch auf Einstiegs- und Niedrigqualifizierungsniveau.

Wie die Geschichte ausgehen wird, werden wir wohl im Jahr 2020 wissen. Bis dahin bleibt uns nur zu hoffen, dass unsere etwaige neue Arbeitsstelle kein sinnentleerter "Bullshit Job" sein wird, wie der Ethnologe und Anarchist David Graeber in seinem kürzlich erschienen und gleichnamigen Buch beschreibt. Bereits jetzt gaben laut Studie 37 Prozent britischer Arbeitnehmer an, mit ihrer Arbeit keinen sinnvollen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten

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