Nachgefragt

Warum Low Code für das Internet der Dinge wichtig ist

Low Code wird von manchem Entwickler als "Programmieren für Laien" bezeichnet. Doch mittlerweile setzen immer mehr große Industrieunternehmen auf das Konzept. Was steckt hinter dem Trend und für welche IoT-Projekte (Internet of Things) macht es Sinn? Wir haben nachgefragt.

In der Digitalisierung ist der Faktor Zeit oftmals von entscheidender Bedeutung. Die Low-Code-Bewegung gilt als zeit- und kostensparende Alternative zum klassischen Programmieren. Doch was steckt überhaupt hinter dem Begriff? Low Code meint im Großen und Ganzen die Vereinfachung der Erstellung einer Software mithilfe grafischer Modellierungsmethoden und visueller Applikationsdesigns, ohne sie mit klassischer, manueller Programmierung zu erstellen.

Wir haben bei Katrin Beuthner, Geschäftsführerin von United Planet, Christopher Bouveret, CIO bei iTiZZiMO und Hans de Visser, Vice President Product and Solution Marketing bei Mendix, nachgefragt, wann Low-Code-Entwicklungsplattformen für IoT-Projekte relevant sind und wann diese an ihre Grenzen stoßen.

Mittlerweile setzen viele Unternehmen auf Low-Code-Entwicklungsplattformen. Warum überhaupt?

Katrin Beuthner: Eine Low-Code-Plattform ist das ideale Werkzeug, um die aktuell immer schneller voranschreitende Digitalisierung sämtlicher Unternehmensprozesse bewältigen zu können. Warum? Die Digitalisierung schreitet voran, auch Unternehmensprozesse und Geschäftsmodelle müssen sich schneller wandeln und anpassen. Diese Unternehmensprozesse und Geschäftsmodelle sind allerdings in jedem Unternehmen sehr individuell und werden individueller je unternehmenskritischer sie werden. Für Letztere funktioniert eine Standardlösung „out of the box“ nicht. Sie muss auf die Anforderungen des Unternehmens angepasst werden. Insbesondere den daraus resultierenden zeitlichen Aufwand können sich heutzutage aber immer weniger Unternehmen leisten. Eine Low-Code-Plattform ermöglicht die individuelle Anpassung von Lösungen mit einfachsten Mitteln, die teilweise komplett ohne Programmierung auch von Fachabteilungen umsetzbar ist. Dies führt zu einer enormen Beschleunigung bei der Umsetzung von Anforderungen, wodurch sich Unternehmen schneller an verändernde Gegebenheiten anpassen und die Ressourcen der inzwischen oft schon raren internen IT Fachkräfte schonen können.

Hans de Visser: Unternehmen müssen im Zeitalter der digitalen Disruption immer schneller innovative Produkte und Dienstleistungen anbieten, um mit der Konkurrenz Schritt halten zu können. Laut den Analysten von Gartner wird bis 2021 die Nachfrage nach Geschäftsanwendungen bis zu fünf Mal schneller steigen, als IT-Unternehmen diese bedienen können. Hinzu kommt, dass der Großteil der entwickelten digitalen Produkte nicht den ursprünglichen Erwartungen entsprechen – laut McKinsey bis zu 70 Prozent. Dies führt zu einem hohen Grad an notwendigen Nacharbeiten auf Seiten der Entwickler. Das Carnegie Mellon Software Engineering Institute schätzt, dass 75 Prozent dieses Aufwands durch mangelnde bzw. ineffektive Kommunikation zwischen Fach- und IT-Abteilungen verursacht wird. Low-Code kann die Lücke zwischen dem Bedarf an Geschäftsanwendungen und den vorhanden Entwicklerkapazitäten schließen, da es Mitarbeitern mit und ohne Programmierkenntnisse ermöglicht, gemeinsam Anwendungen zu erstellen – und das in einem Bruchteil der üblichen Zeit. Low-Code-Plattformen verfügen über eine visuelle Benutzeroberfläche, die das Erstellen von Apps mithilfe von Drag-and-Drop-Komponenten und modellgetriebener Logik vereinfacht. Darüber hinaus ist über integrierte Feedback-Tools die frühe und häufige Abstimmung zwischen Fachabteilungen und Entwicklern möglich.

Warum setzen immer mehr Unternehmen bei IoT-Projekten auf Low Code?

Katrin Beuthner: Die oben angesprochenen Gründe gelten für sämtliche Digitalisierungsvorhaben, also auch IoT. Im Bereich IoT kommt allerdings hinzu, dass dieses Thema noch ein recht junges ist. Viele Unternehmen fangen gerade erst mit den ersten Umsetzungsversuchen an. Hier spielt eine Low-Code-Plattform wieder den Zeitvorteil und „Simplizitätsvorteil“ aus. Durch sehr einfaches und schnelles Prototyping können verschiedene Szenarien getestet werden, unterschiedlichste Ideen umgesetzt werden, bis jedes Unternehmen den richtigen IoT-Ansatz und die richtige IoT-Umsetzung für sich findet. Gerade hier kann es sich durch die fehlenden Erfahrungen fatal auswirken, wenn ein Millionenprojekt nach Monaten oder Jahren fertig ist und festgestellt wird, dass der falsche Ansatz gewählt wurde. Low-Code-Plattformen eignen sich hervorragend für agile Entwicklungsmethoden. Darüber hinaus ist die Schnelligkeit mit Low-Code-Plattformen auch im Hinblick auf die Markenentwicklung sehr relevant, da bekannte oder neue Mitbewerber über die Schnelligkeit rasch einen Vorsprung herausarbeiten können, der dann wiederum schwer einzuholen ist.

Christopher Bouveret: Das IoT bietet die Chance, Workflows und Prozesse, wie wir sie heute kennen, um ein Vielfaches zu verbessern. Dadurch wird auch die Produkt- und Dienstleistungsentwicklung positiv beeinflusst. Basis für diese Weiterentwicklung sind unterschiedliche Applikationen, die den Digitalisierungsgrad von Unternehmen bestimmen und maßgeblich darüber entscheiden, wie wettbewerbsfähig ein Unternehmen künftig ist. Die Entwicklung der IoT-Applikationen erfordert aber unterschiedliche und gleichermaßen wichtige Faktoren. Das sind einerseits die vielen unterschiedlichen Technologien. Die Lösungen bestehen generell aus einem Mix von IoT-Endpunkten, Plattformen, Backend-Systemen und Daten. Darüber hinaus erfordert die Entwicklung dieser Applikationen entsprechende Fachkenntnisse. Das sind neben dem Know-how zur Unternehmensplattform und Diensten auch Daten- und maschinelle Lerntechnologien. Vieles ist aktuell noch Neuland und trotzdem müssen die Entwickler mit der Schnelligkeit des digitalen Wandels Schritt halten. Die Erstellung von IoT-Anwendungen über eine Low-Code-Plattform beschleunigt den Prozess um ein Vielfaches. Das liegt daran, dass die Applikationen nicht mehr programmiert, sondern konfiguriert werden. Das befähigt auch weniger technisch-versierte Nutzer die Plattform zu verwenden. Herausforderungen, wie der Fachkräftemangel, werden durch den Low-Code-Einsatz bewältigt. Ebenso unterstützt der optimierte Ressourceneinsatz, die Kosten für die Anwendungserstellung zu reduzieren.

Hans de Visser: Das IoT ist im Begriff, ganze Branchen umzugestalten. Unternehmen können mithilfe des IoT beispielsweise interne Unternehmensabläufe oder die Customer Experience digitalisieren oder sogar disruptive, digitale Produkte und Geschäftsmodelle erschließen. Doch die Entwicklung von IoT-Anwendungen ist mit einigen Herausforderungen verbunden, da sie viele unterschiedliche Technologien erfordert. IoT-Lösungen bestehen typischerweise aus einem komplexen, heterogenen Mix von IoT-Endpunkten, Plattformen, Backend-Systemen und Daten (z. B. Sensoren, Aktoren, Prozessoren, Embedded Software, lokale und langfristige Konnektivität, Middleware, Apps, Analytik, Machine Learning, etc.). Daher werden für die Entwicklung Programmierer mit speziellen Skills benötigt. Diese müssen nicht nur mit der IoT-Plattform ihres Unternehmens und den zugrunde liegenden Diensten vertraut sein, um Echtzeit-Datenströme zu verstehen, sondern auch mit Big Data und Machine Learning. Daneben müssen sie eng mit den Fachabteilungen zusammenarbeiten, um gemeinsam an neuen Ideen zu experimentieren und neue Lösungen durch schnelle Iteration auf den Markt zu bringen. Low-Code-Entwicklungsplattformen beschleunigen die Entwicklung von IoT-Software und -Anwendungen deutlich, da sie die Zusammenarbeit im Team vereinfachen und für die IoT-App-Entwicklung benötigte Plattformen wie AWS, IBM Watson, Microsoft Azure oder KPN LoRa bereits integriert haben.

Welche Programmierkenntnisse sind noch nötig, d.h. wo stößt Low Code an die Umsetzungsgrenze?

Katrin Beuthner: Der Name Low Code sagt bereits, dass es nicht immer ganz ohne Programmierung geht. Von Low Code abgegrenzt gibt es auch so genannte No Code Plattformen, in welchen gar nicht programmiert werden muss – aber auch nicht kann. Ab wann genau programmiert werden muss, hängt sehr stark vom individuellen Projekt und den Anforderungen ab. Als Faustregel sagen wir, dass circa 80 Prozent der Anwendungsentwicklung ohne Programmierung erfolgen kann. Für die Feinheiten und Spezialfälle werden dann Programmierkenntnisse benötigt. Das sind bei Intrexx klassische Webentwicklungskenntnisse wie HTML, CSS oder Javascript, aber auch Groovy und Velocity. Die letzteren beiden vor allem im Zusammenhang mit der Erweiterung von Prozessen. Also der Abbildung von Spezialfällen in Workflows. Das Charmante an Low-Code-Plattformen ist unserer Ansicht nach allerdings genau diese Programmiermöglichkeit. Bei Intrexx kann an jeder Stelle manuell mit Programmierung eingegriffen werden, um noch so individuelle oder spezielle Fälle abzubilden. Es kann aber auch im Standard und dann ohne Programmierkenntnisse gearbeitet werden.

Fazit

Es wird deutlich: Low Code ist eine zeit- und auch kostensparende Alternative zu klassischem Programmieren. Dieser Zeit- und Vereinfachungsvorteil von Low-Code-Anwendungen spielt auch im Umfeld von IoT-Applikationen eine entscheidende Rolle: Durch einfaches und schnelles Prototyping können verschiedene Szenarien im Voraus getestet werden, ohne langwierig und kostspielig an Projekten zu arbeiten, die sich möglicherweise am Ende als falscher Ansatz herausstellen. Allerdings wird auch deutlich: Nicht alles kann durch Low Code ersetzt werden. Für die Finalisierung bzw. den Feinschliff eines Projektes bedarf es doch eines gewissen Maß an Programmierung.

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