Pressemeldung

Rede des Vorstandsvorsitzenden Prof. Dieter Kempf

Jahrespressekonferenz der DATEV eG
am 06. Juli 2012, 10.00 Uhr
in Nürnberg

(es gilt das gesprochene Wort)

Einleitung

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Prof. Dieter Kempf auf der DATEV-Jahrespressekonferenz 2012. Foto: DATEV eG

Sehr geehrte Damen und Herren,

Grüß Gott und herzlich Willkommen zur Jahrespressekonferenz der DATEV eG in Nürnberg.

Heute zum ersten Mal in neuer Umgebung in unserem Standort in der Virnsberger Straße.

Ich werde Ihnen zunächst kurz die Eckpunkte des Abschlusses für das Geschäftsjahr 2011 und die Entwicklung im ersten Halbjahr 2012 erläutern sowie die wichtigsten Herausforderungen des laufenden Geschäftsjahres darlegen.

Details zur Geschäftsentwicklung 2011 wird Ihnen mein Vorstandskollege Michael Leistenschneider erläutern, der in unserem Vorstand die Verantwortung für die Bereiche Finanzen und Einkauf trägt.

Wirtschaftliche Lage 2011

Lassen Sie mich zusammenfassend sagen: Die DATEV hat wieder ein sehr erfolgreiches Geschäftsjahr abgeschlossen:

  • Der Umsatz ist absolut um 32,2 Mio. Euro auf 730,8 Mio. Euro gewachsen.
  • Dies entspricht einem Umsatzwachstum von 4,6 Prozent.
  • Das Betriebsergebnis betrug 38,3 Mio. Euro. Davon werden 30,5 Mio. Euro als genossenschaftliche Rückvergütung an die Mitglieder ausgeschüttet.
  • Die Zahl der DATEV-Mitglieder stieg bis Ende 2011 auf 39.771.

Dies bedeutet ein mehr als zufriedenstellendes Geschäftsjahr für die DATEV.

Weiterhin bleibt es jedoch das Ziel, insbesondere angehende und angestellte Steuerberater sowie Rechtsanwälte und potenzielle Kanzleigründer als neue Mitglieder zu gewinnen. Für sie haben wir spezielle Angebote entwickelt.

Darüber hinaus führen wir mit Hilfe des derzeit an mehreren Hochschulen in Deutschland pilotierten DATEV-Führerscheins Studenten an die DATEV, den Kanzleialltag und das Arbeiten mit DATEV-Lösungen heran. Das aus mehreren Bausteinen bestehende Schulungsangebot vermittelt den Studierenden sowohl theoretische wie praktische Kenntnisse aus dem steuer-, rechtsberatenden und wirtschaftsprüfenden Berufsstand sowie zum Softwareeinsatz.

Absolventen mit einem solchen DATEV-Führerschein werden nicht nur in den Kanzleien begehrte Mitarbeiter sein, sondern auch bei DATEV. Die Zahl unserer Beschäftigten stieg im vergangenen Jahr um 266. Zum 31. Dezember 2011 waren insgesamt 6.110 (Vorjahr: 5.844) Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei DATEV angestellt.

DATEV ist für hoch qualifizierte und engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seit langem ein attraktiver Arbeitgeber und das wollen wir auch in Zukunft bleiben. In Zeiten des demographischen Wandels und des zunehmenden Fachkräftemangels wird es allerdings immer wichtiger, dass unsere Arbeitgeberattraktivität nicht nur regional, sondern auch überregional wahrgenommen wird.

Neben flexiblen Arbeitszeitmodellen und Teilzeit-Varianten auch für Führungskräfte sind es moderne und innovative Bürokonzepte und Arbeitsplätze, die zu dieser Attraktivität beitragen.

Im künftigen Software-Entwicklerzentrum, das als eines der größten in Bayern von 2015 an für 1.800 Mitarbeiter Platz bieten wird, werden solche modernen Bürokonzepte umgesetzt. Sie sind offen und flexibel gehalten, um Teamarbeit zu fördern und auf Veränderungen in der Organisationsstruktur oder neue Arbeitsformen schnell reagieren zu können. Der DATEV IT-Campus 111, wie wir unseren Neubau mit einem Investitionsvolumen von ca. 100 Mio. Euro nennen, trägt somit wesentlich dazu bei, im zukünftig noch härter werdenden Wettbewerb um junge Talente attraktiv zu bleiben.

Mit dem Bau einer Kindertagesstätte, die bis Ende 2013 fertiggestellt werden soll, erweitern wir zudem unser Angebot zur Kinderbetreuung. Damit wollen wir auch für Eltern ein attraktiver Arbeitgeber sein und insbesondere auch Entwicklungsmöglichkeiten und Karrierechancen von Frauen in unserem Unternehmen weiter fördern.

1. Halbjahr 2012 und Ausblick

Gestatten Sie mir nun einen aktuellen Zwischenstand zum laufenden Geschäftsjahr sowie einen kurzen Überblick zu den anstehenden Herausforderungen für DATEV und unsere Mitglieder.

DATEV setzte im ersten Halbjahr 2012 382,6 Mio. Euro (Vorjahr: 371,2 Mio. Euro) um. Das bedeutet ein Wachstum von 3,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Die Zahl der Angestellten stieg bis zum 30. Juni 2012 auf 6.269. Damit sind wir hervorragend ins neue Geschäftsjahr gestartet. Der Umsatzanstieg resultiert aus der durchgängig regen Nachfrage in allen Produktgruppen.

Beim Umsatzanstieg wollen wir im zweiten Halbjahr noch ein wenig zulegen und gehen davon aus, dass wir zum Jahresende ein Umsatzwachstum gegenüber Vorjahr von nahezu vier Prozent vermelden können. Zudem planen wir rund 340 Neueinstellungen. Damit wachsen wir deutlich dynamischer als der Durchschnitt der IT- und Telekommunikationsbranche, für die eine Umsatzsteigerung von 1,6 Prozent erwartet wird.

Abseits unseres Tagesgeschäfts ist 2012 für DATEV aus zwei Gründen ein besonderes Jahr. Zum einen hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen 2012 zum Internationalen Jahr der Genossenschaften ausgerufen. Damit möchte sie auf die weltweite Bedeutung von Genossenschaften aufmerksam machen und deren Rolle für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung vieler Länder betonen.

Für DATEV ist dies eine hervorragende Möglichkeit, zu zeigen, dass Genossenschaften ein modernes und erfolgreiches Wirtschaftsmodell sind und nicht lediglich eine Rechtsform. DATEV ist ein Beispiel dafür, dass genossenschaftliches und nachhaltig orientiertes Handeln wirtschaftlich erfolgreich sein kann. Und dass wir das Thema Nachhaltigkeit ernst nehmen, wollen wir auch damit zum Ausdruck bringen, dass wir unseren Nachhaltigkeitsbericht in diesem Jahr erstmals in unseren Geschäftsbericht, der heute veröffentlicht wird, integriert haben.

Zum anderen ist 2012 für DATEV etwas Besonderes, weil es wieder einen DATEV-Kongress gibt. Unter dem Motto "Arbeit gestalten - Strategien für das digitale Zeitalter" wird er in zwei Wochen in Nürnberg sowie im September in Berlin, Wiesbaden und Düsseldorf stattfinden. Er steht gegen eine kleine Teilnahmegebühr allen Interessierten offen und wird ihnen sicherlich zahlreiche Denkanstöße rund um das Thema Digitalisierung bieten.

DATEV pro

Damit komme ich zu dem Thema Herausforderungen unter anderem rund um die Digitalisierung der Geschäftsprozesse.

Einer der wichtigsten Meilensteine, damit unsere Mitglieder und deren Kunden für die Anforderungen der zukünftigen digitalen Entwicklung, egal ob mobil, online oder "on premise", gewappnet sind, war und ist die Umstellung auf die neue Produktlinie DATEV pro. Für diese Herausforderung mussten alle mit anpacken: Mitglieder und deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Kanzleien, die Mandanten, die Beschäftigten der DATEV sowie die Servicepartner.

In den letzten beiden Jahren sind knapp 32.000 Kanzleien und rund 92.000 Unternehmen auf DATEV pro umgestiegen. Durch diese gemeinsame Kraftanstrengung ist die Einführung des DATEV Arbeitsplatzes pro und des Stammdatendienstes sowie die Integration der Rechnungswesen-Produkte inzwischen zufriedenstellend abgeschlossen.

Wir sind uns bewusst, dass die erste Phase der Umstellung eine erhebliche Herausforderung auch für unsere Kunden bedeutete. Und wir wissen, dass die Servicebereitschaft vor allem durch den nicht in diesem Maße erwarteten Ansturm - in Spitzenzeiten wie im Januar 2012 haben uns über 400.000 Anrufer pro Monat kontaktiert - nicht immer den zu recht bestehenden hohen Erwartungen unserer Anwender entsprachen.

Wir setzen alles daran, damit unsere Kunden zufrieden sind und ihnen das Arbeiten mit DATEV pro mit gewohnter Schnelligkeit und Zuverlässigkeit gelingt. Das Jahr 2012 steht deshalb für die Genossenschaft und ihre Kunden ganz im Zeichen der Erhöhung von Nutzwert und Effizienz beim Einsatz der DATEV pro-Anwendungen.

2013 werden weitere Komponenten der Programme Eigenorganisation, Wirtschaftsberatung classic sowie Expertisensysteme auf DATEV pro umgestellt. Weitere Anwendungen aus den Bereichen Wirtschaftsberatung, Personalwirtschaft und Steuern sind für 2014 vorgesehen.

Ebenso ein - nicht nur logistischer - Kraftakt wird in diesem Jahr die Belieferung und Umstellung von ca. 80.000 Mandanten unserer Mitglieder auf die neue Software Mittelstand classic pro. Alle Mandanten, die bereits seit einiger Zeit über ein DATEV-Rechnungswesen-Programm mit ihrem Steuerberater zusammenarbeiten, erhalten die neue Komplettlösung, die das Rechnungswesen um kaufmännische Funktionen wie Auftragswesen und digitale Dokumentenablage ergänzt. Sie bekommen dies als funktionale Erweiterung der bisher eingesetzten Software. Die Belieferung erfolgt in drei Wellen, wobei jeweils alle Mandanten einer Kanzlei gleichzeitig beliefert werden.

Digitale Prozessabwicklung zwischen Mitgliedern und Mandanten

Die Optimierung von Prozessen mit Hilfe moderner Informations- und Kommunikationstechniken bleibt für die Berufsstände und die Genossenschaft in den kommenden Jahren das entscheidende Thema. Dazu gehört die Intensivierung der Arbeitsteilung zwischen den Berufsträgern und deren vor allem mittelständischen Mandanten.

Cloud Computing ist in diesem Zusammenhang der wichtigste technologische Trend. Wir forcieren deshalb den Ausbau internet-basierter Lösungen, für deren Nutzung keine lokal installierte Erfassungskomponente benötigt wird. Mit Auftragswesen online wurde beispielsweise für kleine und mittlere Unternehmen eine neue sichere Cloud-Lösung für Rechnungsmanagement und Auftragsbearbeitung geschaffen.

Trotz aller Cloud-Euphorie legen wir jedoch großen Wert darauf, weiterhin sowohl Cloud- als auch Inhouse-Anwendungen anzubieten, um unseren Anwendern selbst die Wahl zu lassen, welche Nutzungsform sie bevorzugen.

Zur CeBIT 2012 wurde deshalb die neue Unternehmenssoftware Mittelstand compact pro freigegeben, die den hybriden Ansatz der Kombination von Vor-Ort-Lösung (on-premise) und Cloud-Diensten verfolgt.

DATEV und Mobile Computing

Neben Cloud Computing gehört zu den technologischen Megatrends das Thema Mobilität und mobile Anwendungen.

Hier wollen wir unseren Mitgliedern und deren Mandanten die Vorteile der neuen technischen Errungenschaften auf Basis höchster Sicherheitsstandards eröffnen.

Anfang Juli haben wir die Lösung DATEVnet pro mobil freigegeben. Sie ermöglicht eine sichere Anbindung von Smartphones und Tablet-PCs an Unternehmens- und Kanzleinetzwerke. Endgeräte und Daten der Anwender werden dabei über ein mehrstufiges System geschützt. Datenschutz und Datensicherheit müssen auch oder gerade bei mobilen Anwendungsszenarien höchste Priorität bleiben.

Bei mobilen Lösungen für den Kanzlei- oder Unternehmenszugriff setzen wir deshalb auf eine systematische, über das Rechenzentrum abgewickelte zentrale Verwaltung der Mobilgeräte sowie auf durchgängige Authentifizierungsverfahren auf Grundlage einer Zwei-Faktor-Authentifizierung ("Wissen und Besitz"). Ähnlich wie bei den Cloud-Diensten arbeiten wir hier mit einem geschlossenen System, das für unsere Mitglieder ein hohes Schutzniveau gewährleistet.

In der digitalen Welt sind Vertrauen und Sicherheit die Grundlage für erfolgreiche Geschäftsmodelle. Unsere regelmäßigen Kundenumfragen belegen, dass der DATEV mit ihren hohen Standards großes Vertrauen entgegengebracht wird. Das soll auch in Zukunft so bleiben.

Die EU-Kommission hat im Januar einen Entwurf einer künftigen Datenschutzverordnung vorgestellt, der das Vertrauen der Kunden in den Schutz ihrer persönlichen Daten fördern soll. Wir begrüßen, dass die Datenschutzgesetzgebung europaweit harmonisiert werden soll. Die Wirtschaft befürchtet aber eine Zunahme der bürokratischen Belastungen. Ziel der voraussichtlich 2014 zu verabschiedenden Verordnung muss es jedoch sein, dass die Unternehmen mit angemessenem Aufwand einen Datenschutz bieten können, der das Vertrauen der Nutzer in die digitalen Dienstleistungen fördert.

Druck- und Versanddienstleistungen für Dritte

Trotz der nicht aufzuhaltenden Digitalisierung spielt der Druck und Versand von Schriftstücken weiterhin eine wichtige Rolle. Das gilt auch für technische Innovationen wie den E-POSTBRIEF. Das DATEV Druck-, Logistik- und Servicezentrum (DLSZ) wird, und das geben wir heute erstmalig bekannt, für die Deutsche Post Druck und Konfektionierung der so genannten Hybridbriefe übernehmen. Hybridbriefe werden immer dann gedruckt, wenn der Empfänger eines E-POSTBRIEFS selbst noch nicht E-POSTBRIEF-Kunde ist. DATEV ist der erste Dienstleister, den die Deutsche Post AG in diesem Umfeld beauftragt.

Unsere Zusammenarbeit mit der Deutschen Post, die wir zur CeBIT mit der Einbindung von DATEV-Programmen in das E-POSTBRIEF-Verfahren begonnen haben, wird damit weiter ausgebaut.

E-Government - eine Zwischenbilanz

Die Digitalisierung der Geschäftsprozesse findet bezogen auf die öffentliche Verwaltung ihre Entsprechung im E-Government. Sie muss der entscheidende Treiber zur Vereinfachung der Kommunikation und Prozesse zwischen Behörden, Bürgern und Unternehmen und damit zum Abbau von Bürokratie und der dadurch verursachten Kosten werden.

Die E-Government-Agenda der Bundesregierung beinhaltet zahlreiche auch für die Berufsstände der Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und Rechtsanwälte vielversprechende Themengebiete. Eine Reihe dieser Projekte hat jedoch mit erheblichen zeitlichen Verzögerungen in der Umsetzung zu kämpfen.

Ich denke hier beispielsweise an die elektronischen Lohnsteuerabzugsmerkmale (ELStAM), die nun erst mit einem Jahr Verspätung starten, da die Datenqualität seitens der Finanzverwaltung noch nicht zufriedenstellend war. Der erstmalige Abruf der elektronischen Lohnsteuerabzugsmerkmale für 2013 durch die Arbeitgeber ist derzeit zum 1. November 2012 geplant. Damit wäre dann endgültig der Wegfall der Lohnsteuerkarte aus Papier besiegelt.

Ich denke aber auch an den elektronischen Entgeltnachweis (ELENA), der endgültig eingestellt wurde. Allerdings soll hierbei nicht verschwiegen werden, dass längst zwei andere Alternativen zur elektronischen Übermittlung der Daten für Entgeltsersatzleistungen bei Behörden pilotiert werden.

Ebenfalls mit Verspätung wird die elektronische Übermittlung von E-Bilanzen eingeführt, die verpflichtend für Wirtschaftsjahre ab 2013 (mit wenigen Ausnahmen) einzureichen sind, also frühestens im Jahr 2014. Viele Unternehmen arbeiten mit Unterstützung der steuerberatenden Berufe bereits mit Hochdruck an der Einführung der E-Bilanz. DATEV hat frühzeitig entsprechende Entwicklungen begleitet und stellt die notwendige technische Unterstützung zur Verfügung.

Es gibt aber auch E-Government-Projekte, die es bereits zur Umsetzung geschafft haben, wie beispielsweise ELSTER. Die Zahl der eingereichten Einkommensteuererklärungen über ELSTER ist bis ins Jahr 2011 sogar auf über 9,5 Mio. angestiegen. Jedoch führt derzeit die seit dem Veranlagungszeitraum 2011 verpflichtende elektronische Übermittlung der Körperschaftsteuererklärung zu massiven Erschwernissen, da die elektronische Einreichung aufgrund von bestehenden Einschränkungen im ELSTER-Modul der Finanzverwaltung noch nicht in allen Fällen möglich ist.

Darüber hinaus hat sich auch der neue Personalausweis (nPA) in der Zwischenzeit etabliert, auch wenn bislang lediglich ein Drittel der Antragsteller die elektronische Identifikations (eID)-Funktion beantragt hat. Diese mangelnde Durchdringung der eID-Funktion und die nach wie vor bestehende Unsicherheit, ob und welches Dokument für ausländische Mitbürger eine funktionsgleiche Ausprägung haben könnte, erschweren die Entwicklung sinnvoller Anwendungen zum neuen Personalausweis erheblich. Ob das derzeit als Referentenentwurf vorliegende und 2013 zu verabschiedende E-Government-Gesetz neue Impulse in Verbindung mit einer sicheren elektronischen Identifizierung durch die eID-Funktion des neuen Personalausweises bringen kann, wird sich noch zeigen müssen.

Es gibt aber noch zahlreiche weitere E-Government-Projekte, die in der Warteschleife stehen, zum Beispiel die vorausgefüllte Steuererklärung und der Zugriff des steuerberatenden Berufsstandes auf die dafür bei der Finanzverwaltung für jeden Steuerpflichtigen zentral gespeicherten Pflichtmeldungen von Kreditinstituten, Sozialversicherern, Arbeitgebern etc.

Da der steuerliche Berater jedoch nur Zugriff auf die Daten seiner Mandanten haben soll, bedarf es der elektronischen Verwaltung der jeweils notwendigen Vollmachten der Mandanten. Dies könnte über eine vom Berufsstand (bzw. den Kammern) geführte zentrale Vollmachtsdatenbank abgewickelt werden. Eine derartige zentrale Vollmachtsdatenbank wurde in einer ersten Pilotphase mit der bayerischen Finanzverwaltung und den beiden bayerischen Steuerberaterkammern im Rahmen der sog. Quotenregelung bereits erfolgreich pilotiert. Diese Pilotierung wird für den Veranlagungszeitraum 2011 fortgesetzt und deutlich ausgeweitet.

Bislang gibt es jedoch noch keinen von der Finanzverwaltung festgeschriebenen Weg, wie der Zugriff des steuerberatenden Berufsstandes auf die Daten des jeweiligen Mandanten komfortabel erfolgen soll. Ein solcher Zugriff ist jedoch dringend erforderlich, damit der steuerberatende Berufsstand weiterhin die Chance hat, den Mandanten bei der Erstellung der Steuererklärungen effektiv und effizient zu beraten.

Schlussbemerkungen


Meine Damen und Herren,

als Zivilgesellschaft müssen wir uns überlegen, wie wir es mit dem Abbau von Bürokratie und dem Einsatz elektronischer Prozessabläufe handhaben wollen. Wir müssen uns überlegen, ob wir mit der Art der Umsetzung unserer E-Government-Vorhaben immer wieder den gleichen Beweis erbringen wollen, wie beim Transrapid: "Wir wissen wie es geht, wir können es anderen auch erklären und sogar verkaufen. Aber die Anwendung im eigenen Umfeld scheitert trotz möglicher Vereinfachungschancen an vielerlei Bedenken."

Verbesserungsbedarf gibt es im E-Government angesichts komplexer politischer Strukturen auf verschiedenen Ebenen, unter anderem bei den Abstimmungen zwischen einzelnen Ministerien, in der föderalen Zusammenarbeit und dem Projektmanagement sowie den Projektlaufzeiten. Bei solchen Projekten scheint es auch ratsam, vom deutschen Hang zum Perfektionismus Abstand zu nehmen und kleinere Module eines Gesamtkonzeptes in kürzerer Zeit sukzessive zur Umsetzung zu bringen. E-Government muss ein entscheidender Treiber zum Bürokratieabbau werden! Dieses Potenzial dürfen wir keinesfalls brach liegen lassen. Die Themen elektronische Identität und Standardisierung sind zudem Kernelemente von E-Government-Lösungen und sollten auch eine EU-weite Abstimmung erfahren.

Andere Länder machen es uns vor: So könnten wir zum Beispiel von den Erfahrungen in Dänemark bei der Einführung und Nutzung der vorausgefüllten Steuererklärung profitieren. Bereits seit 1999 wird dort eine vorausgefüllte Steuererklärung online bereitgestellt, die mittlerweile zu einer voll automatisierten Lösung herangewachsen ist: Anstatt einer vorausgefüllten Steuererklärung wird dort seit 2008 sogar unmittelbar ein wenn auch vorläufiger Steuerbescheid bereitgestellt.

Bei E-Government-Projekten dürfen nicht einfach nur bisher papiergebundene Abläufe 1:1 in elektronischen Abläufen abgebildet werden. Auf diese Art werden Bürokratielasten nicht abgebaut, sondern nur verlagert - meist auf die private Wirtschaft. So erreichen wir nicht den angestrebten Effizienzgewinn.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!