Unterschätzte Strahlenbelastung?

Die Strahlenbelastung bei gängigen Untersuchungen (wie z.B. CT) wird von vielen Ärzten deutlich unterschätzt. Dies zeigte bereits 2007 eine Studie des Instituts für Radiologie der Ruhr-Universität Bochum (RUB) und aktuell eine Untersuchung vom Princess Royal University Hospital in Kent.

Bei der Untersuchung in Kent wurde die effektiven Strahlendosen von 18 verschiedenen bildgebenden Untersuchungen abgefragt, darunter sehr gängige Verfahren wie das Röntgen von Gliedmaßen, Becken, Abdomen und Wirbelsäule sowie CT-Untersuchungen von Thorax, Bauch/ Becken, Lungenszintigrafie und Bariumbreischluck. Vierzig Klinikärzte hatten den Fragebogen im Beisein der Wissenschaftler und ohne Zuhilfenahme externer Quellen bearbeitet. Insgesamt wurde die effektive Strahlendosis, angegeben jeweils als Röntgen-Thorax-(Chest X-Ray, CXR)-Äquivalent, zwölfmal niedriger eingeschätzt, als es den Tatsachen entsprach.
Die schnellen, schönen Bilder aus dem Computertomographen sind verlockend. Die 100- bis 1000-fache Strahlendosis einer normalen Röntgenaufnahme ist jedoch die Kehrseite, die kaum ein Arzt kennt: 72 Prozent aller in einer Studie des Instituts für Radiologie der Ruhr-Universität in den BG Kliniken Bergmannsheil befragten Klinik-Ärzte (Nicht-Radiologen) unterschätzten die Strahlendosis der CT im Vergleich zur konventionellen Röntgenaufnahme. Der unkritische Einsatz des Verfahrens ist die Folge.

Sorglose Zuweiser?
2007 diagnostizierte Dr. Christoph Heyer, der damals die Befragung durchführte, dass zu viele CT-Untersuchungen angemeldet werden, weil eine gewisse Sorglosigkeit bei den Zuweisern bestehe. Nur 1/3 der Ärzte schätzte die Strahlendosis richtig ein. Medizinstudium und radiologische Fortbildungsmaßnahmen müssten Ärzte aller Fachrichtungen stärker für die Strahlenbelastung sensibilisieren und die Hemmschwelle, eine solche Untersuchung zu initiieren, anheben, empfehlen die Spezialisten. In den letzten Jahren hat sich am Zuweisungsverhalten allerdings noch nicht sehr viel geändert.

Wer trägt Verantwortung?
Die weit überwiegende Zahl der durchgeführten CT-Untersuchungen wird laut RUB-Studie von Nicht-Radiologen angeordnet. Nach Ansicht der Radiologen gehen die Kollegen in manchen Bereichen zu sorglos und unkritisch damit um. So bestätigt sich zum Beispiel der Verdacht auf eine Lungenembolie durch gezielte Embolie-CT nur bei 10 bis 30 Prozent aller untersuchten Patienten - über 70 Prozent der Patienten werden umsonst der Strahlung ausgesetzt. Daran, dass so viele CT-Untersuchungen angeordnet werden, sind die Radiologen in gewisser Weise selber schuld, weil sie zum einen schnell und schmerzlos so schöne Bilder erzeugen, und weil sie zum anderen wenig für die Fortbildung der Nicht-Radiologen tun. Ersetzen lasse sich die CT in vielen Bereichen zwar nicht, es gebe aber Ansätze, vermehrt auf Ultraschall und Kernspintomographie auszuweichen, die den Patienten keiner ionisierenden Strahlung aussetzen. Ziel von Fortbildungen müsse es sein, das Bewusstsein der Zuweisenden für die Strahlenbelastung zu schärfen. Es gehe um ein konstruktives, interdisziplinäres Gespräch zwischen Zuweiser und Radiologen zum Wohle des Patienten.