Politische Entscheidungen greifen zunehmend in Prozesse, Organisation und Verantwortlichkeiten in Unternehmen ein. Nicht schleichend, sondern strukturell. Ob E-Rechnung, digitale Mehrwertsteuer (ViDA) oder neue Transparenzpflichten: Viele Mandanten sehen in der zunehmenden Regulierung vor allem eines: zusätzlichen Aufwand.
Und diese Wahrnehmung ist nicht falsch. Denn neben sinnvoller Regulierung erleben wir zunehmend auch Überregulierung. Gerade im Bereich der Künstlichen Intelligenz zeigt sich das deutlich: Während andere Regionen Innovationen gezielt ermöglichen, droht Europa sie durch zu enge Vorgaben auszubremsen. Besonders für KI-Start-ups wird das zum Problem: Sie brauchen Geschwindigkeit und Freiräume, keine regulatorischen Hürden, die ihre Entwicklung frühzeitig verlangsamen. Die Folge ist absehbar: Potenziale entfalten sich nicht in dem Maß, wie es möglich wäre.
Regulierung ist Treiber und Risiko
Trotzdem greift es zu kurz, Regulierung ausschließlich als Belastung zu sehen. Sie ist zugleich Treiber einer tiefgreifenden Entwicklung: Unternehmen werden gezwungen, ihre Prozesse zu digitalisieren und neu zu steuern. Daten werden strukturierter, Abläufe transparenter, Entscheidungen besser überprüfbar. Darin liegt eine echte Chance.
Das Problem entsteht dort, wo Regulierung und ihre Umsetzbarkeit auseinanderlaufen. Mehr Meldepflichten, mehr Dokumentation, mehr Nachweise lassen sich nicht dauerhaft manuell bewältigen, schon gar nicht vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels. Wenn der regulatorische Druck steigt, ohne dass parallel technologische Lösungen mitgedacht werden, führt das in eine doppelte Sackgasse: steigender Aufwand bei sinkender Innovationsfähigkeit.
Künstliche Intelligenz ist deshalb kein reines Effizienzthema mehr. Sie ist die Voraussetzung dafür, Regulierung überhaupt praktikabel umzusetzen. Sie strukturiert Daten, erkennt Muster und macht Komplexität handhabbar. Gleichzeitig gilt: KI kann diese Rolle nur erfüllen, wenn ihr Einsatz nicht selbst durch Überregulierung ausgebremst wird. Hier liegt die zentrale Herausforderung. Regulierung soll Sicherheit und Verlässlichkeit schaffen, darf aber nicht dazu führen, dass die Lösungen, die sie beherrschbar machen, gar nicht erst entstehen.
Wo der eigentliche Mehrwert entsteht
Die Zukunft liegt im Zusammenspiel. Regulierung definiert die Spielregeln, Technologie ermöglicht ihre Umsetzung, Beratung sorgt für die notwendige Einordnung. Unternehmen brauchen keine zusätzlichen Auswertungen, sondern Orientierung. Sie müssen verstehen, was neue Vorgaben konkret für ihr Geschäftsmodell bedeuten, welche Prozesse angepasst werden müssen und wo Risiken oder Chancen entstehen. Diese Einordnung kann keine Technologie allein leisten. Aber ohne Technologie wird sie nicht mehr effizient möglich sein.
Damit verändert sich auch der Auftrag der Steuerberatung. Die klassische Deklaration tritt in den Hintergrund. Gefragt ist die Fähigkeit, Systeme zu verstehen, Daten zu interpretieren und regulatorische Anforderungen in unternehmerische Entscheidungen zu übersetzen. Gleichzeitig gehört es dazu, Entwicklungen kritisch einzuordnen, auch dort, wo Regulierung ihre Grenzen erreicht und Wirkung verhindert.
Zugespitzt heißt das: Regulierung ist notwendig und kann Fortschritt auslösen. Überregulierung hingegen wird zum Standort- und Innovationsrisiko – insbesondere bei Künstlicher Intelligenz. Die Antwort kann nicht darin liegen, nur effizienter im Bestehenden zu werden. Sie liegt darin, Technologie konsequent zu nutzen und gleichzeitig Rahmenbedingungen einzufordern, die Innovation ermöglichen. Anders gesagt: Wer Regulierung nur verwaltet, wird austauschbar. Wer sie mit Intelligenz verbindet, wird unverzichtbar.
Der Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und promovierte Diplom-Kaufmann Robert Mayr ist seit 2016 CEO der DATEV eG. Mayr ist zudem seit 2012 Vizepräsident der Steuerberaterkammer Nürnberg. Er ist Senator in der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech), Rechnungsprüfer des Bundesverbands der Deutschen Industrie e.V. (BDI) und im Hauptvorstand des Bitkom e.V. Mayr engagiert sich ehrenamtlich in der Hochschullehre, er hat einen Lehrauftrag an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen, wo er neue Technologien im Steuerwesen untersucht. Für dieses Engagement ist ihm im Sommer 2022 der Titel „Honorarprofessor“ verliehen worden.