In einem Gespräch mit unseren japanischen Partnern von TKC habe ich mich ertappt, wie vertraut mir deren Lage vorkam: Auch dort geht es um Demografie, Fachkräftemangel und die Frage, wie ein Berufsstand bei steigender Belastung handlungsfähig bleibt. Der Unterschied lag weniger im Problem als in der Haltung: nicht warten, bis der Markt oder die Politik entscheidet, sondern früh Strukturen schaffen, die Zukunft ermöglichen. Diese Klarheit hat mich beeindruckt und daran erinnert, wie viel Gestaltungsspielraum auch wir haben.
Nachfolge ist kein Randthema mehr
Darin liegt für mich die eigentliche Botschaft für unsere Kanzleien: Zukunft vererbt man nicht. Zukunft organisiert man. Und zwar lange, bevor eine Übergabe konkret wird. Wer erst reagiert, wenn bereits Zeitdruck besteht, hat oft schon wertvolle Optionen verspielt.
Unser Berufsstand wird älter, Einzelpraxen prägen das Bild, zugleich gibt es zu wenig Nachwuchskräfte. Das ist kein Grund für Alarmismus, aber ein deutlicher Hinweis: Nachfolge ist kein Randthema mehr, sie gehört ins Zentrum unternehmerischer Verantwortung.
Wer heute noch meint, das Thema lasse sich irgendwann „mitregeln“, geht ein hohes Risiko ein – für die Kanzlei, für die Mitarbeitenden und für die Mandantschaft. Und er unterschätzt, wie sehr Stabilität und Verlässlichkeit gerade in Übergangsphasen gefragt sind.
Nachfolgefähigkeit entsteht, wo aus Inhaberwissen ein System wird. Eine Kanzlei wird übergabefähig, wenn Prozesse dokumentiert, Zuständigkeiten geklärt und Mandantenbeziehungen nicht an Personen gebunden sind. Dazu gehört der Mut, die eigene Arbeitsweise kritisch zu hinterfragen. Nicht jede Tradition ist auch ein Zukunftsmodell.
Ein konkreter Ansatz, diese strukturelle Vorbereitung zu unterstützen, sind digitale Angebote wie die DATEV Kanzleibörse. Als Marktplatz bringt sie Kanzleien, potenzielle Nachfolgerinnen und Nachfolger sowie Partner gezielt zusammen und erleichtert so die frühzeitige Organisation der Übergabe.
Gleichzeitig zeigt sich: Struktur allein reicht nicht. Eine Kanzlei wird nur dann wirklich übergabefähig und attraktiv, wenn sie auch personell gut aufgestellt ist. Genau hier setzt die Fachkräfteinitiative von Bundessteuerberaterkammer, Deutschem Steuerberaterverband und DATEV an. Sie stärkt die Grundlage, auf der Nachfolge überhaupt möglich wird, indem sie junge Menschen für den Berufsstand gewinnt, sie qualifiziert und langfristig bindet.
Zeigen Sie, wofür Sie stehen
Dasselbe gilt für die Digitalisierung. Eine moderne Kanzlei ist nicht deshalb attraktiv, weil sie technische Werkzeuge einsetzt. Attraktiv wird sie, wenn digitale Prozesse den Alltag verlässlicher, transparenter und flexibler machen. Für junge Fachkräfte ist das selbstverständlich. Für potenzielle Nachfolgerinnen und Nachfolger auch. Niemand übernimmt gern eine Struktur, die nur funktioniert, solange eine Person alles zusammenhält.
Ich plädiere daher für mehr Offenheit, auch in der Außendarstellung. Zeigen Sie, wie Ihre Kanzlei arbeitet. Zeigen Sie Ihr Team, Ihre Haltung, Ihre Standards. Eine Kanzlei, die sichtbar macht, wofür sie steht, wird nicht nur interessanter für Bewerberinnen und Bewerber, sondern auch greifbarer für Menschen, die Verantwortung übernehmen wollen. Ich erlebe viele Kanzleien, die diesen Weg bereits gehen. Sie warten nicht auf die perfekte Gelegenheit. Sie beginnen. Genau das ist jetzt gefragt.
Daher mein Appell: Behandeln Sie Nachfolge nicht als Schlusskapitel, sondern als Führungsaufgabe der Gegenwart. Wer Zukunft gestalten will, muss Menschen gewinnen, Wissen teilen und Strukturen schaffen, die auch morgen tragen. Nur so wird aus einer guten Kanzlei eine zukunftsfähige Kanzlei.
Der Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und promovierte Diplom-Kaufmann Robert Mayr ist seit 2016 CEO der DATEV eG. Mayr ist zudem seit 2012 Vizepräsident der Steuerberaterkammer Nürnberg. Er ist Senator in der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech), Rechnungsprüfer des Bundesverbands der Deutschen Industrie e.V. (BDI) und im Hauptvorstand des Bitkom e.V. Mayr engagiert sich ehrenamtlich in der Hochschullehre, er hat einen Lehrauftrag an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen, wo er neue Technologien im Steuerwesen untersucht. Für dieses Engagement ist ihm im Sommer 2022 der Titel „Honorarprofessor“ verliehen worden.