Fünfunddreißig Kilometer. Der Arbeitsweg von seinem Wohnort in Dänemark zu seiner Kanzlei in Flensburg ist für Jens Eder überschaubar. Aus beruflicher Perspektive liegen für den Steuerberater dennoch Welten dazwischen. Denn das Verständnis von Staat, Verwaltung und Bürokratie ist diesseits und jenseits der Grenze ein gänzlich anderes. Während hierzulande umfassende Regelwerke und Nachweispflichten kombiniert mit einem ausgeprägten Sicherheitsdenken das Steuerwesen dominieren, beruht das System unserer nördlichen Nachbarn vor allem auf Vertrauen, Digitalisierung und möglichst schlanken Prozessen. „In Deutschland diskutieren wir erst einmal monatelang über die perfekte Lösung“, sagt Eder, „in Dänemark macht man einfach.“
„In Deutschland diskutieren wir erst einmal monatelang über die perfekte Lösung.“
Jens Eder, Steuerberater
Jens Eder muss es wissen. Der Steuerberater ist auf grenzüberschreitende Mandate spezialisiert; er betreut Unternehmen und Privatpersonen, die neben ihren Aktivitäten in Deutschland auch in Dänemark steuerpflichtig sind: von Grenzpendlern über Auswanderer bis hin zu Unternehmern mit Betriebsstätten auf beiden Seiten. Im Regal hinter seinem Schreibtisch stehen gebundene Ausgaben der wichtigsten Steuergesetze – der deutschen und der dänischen. Für viele seiner Berufskollegen beginnt schon beim Wort „Ausland“ die Komplexität. „Für mich ist es das tägliche Brot“, sagt Eder, der viele Jahre im öffentlichen Dienst tätig war, bevor er sich vor einem Jahr entschloss, seine eigene Kanzlei zu gründen.
Für ihn ist die in Dänemark viel weiter fortgeschrittene Digitalisierung nicht einmal der Hauptunterschied zwischen beiden Systemen. Es ist vielmehr die Haltung. Während das deutsche Steuer- und Verwaltungsrecht stark vom Gedanken maximaler Einzelfallgerechtigkeit geprägt ist, setzt Dänemark auf Pragmatismus und Eigenverantwortung.
Zwei Systeme, zwei Mentalitäten
Das zeigt sich bereits bei alltäglichen Verwaltungsprozessen. So erfolgt in Dänemark die Kommunikation zwischen Bürgern und Behörden nahezu vollständig digital über das sogenannte e-Boks-System. Darüber erhalten Steuerpflichtige automatisch Erinnerungen, Fristen und Bescheide. Bereits Monate vor dem Abgabetermin der Steuererklärung meldet sich das Finanzministerium mit einem vorausgefüllten digitalen Formular und bittet darum, die Angaben zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen. Freundlich, klar und verbindlich. Papier? Praktisch bedeutungslos.
„Die Dänen haben ein enormes Grundvertrauen in digitale Prozesse“, sagt Eder. Selbst ältere Menschen seien selbstverständlich digital unterwegs und unterschrieben Dokumente per Smartphone. Nur wer es ausdrücklich wünsche, bekomme auch zwischen Esbjerg und Kopenhagen weiterhin seinen Papiervordruck. Die Deutschen hingegen diskutierten zum Teil jahrelang über Übergangsfristen, Datenschutzbedenken und Sonderregelungen. Diese Unterschiede haben Folgen, die sich bis tief in den Kanzleialltag hinein auswirken.
Besonders deutlich wird das beim Thema steuerliche Komplexität. Deutschland versuche, jede denkbare Ausnahme gesetzlich abzubilden. Das Ergebnis: eine stetig zunehmende Regelungsdichte, ergänzt durch Verwaltungsanweisungen, Anwendungserlasse und BMF-Schreiben. „Kaum ist ein Gesetz veröffentlicht, kommt schon die erste Klarstellung“, sagt der Steuerberater, der zusätzlich eine Ausbildung als internationaler Bilanzbuchhalter hat. Für deutsche Kanzleien bedeute das eine permanente Anpassung. Mandanten wiederum verstünden oft nicht mehr, welche Regelungen überhaupt für sie gelten.
„Je mehr Ausnahmen man schaffen will, desto komplizierter wird das System.“
Als Beispiel nennt Eder die jüngsten Änderungen bei der Kleinunternehmerregelung im Umsatzsteuerrecht: Politisch gewollt war eine Vereinfachung und Entlastung. In der Praxis führe die neue Rechtslage hingegen zu erheblichem Beratungsaufwand. Gerade im grenzüberschreitenden Geschäft mit unterschiedlichen EU-Regelungen, Reverse-Charge-Konstellationen oder Differenzbesteuerung entstünden hochkomplexe Fallstricke. Der eigentliche Aufwand entstehe dabei nicht einmal durch die Steuer selbst, sondern durch ihre Umsetzung.
Dänemark setzt dagegen auf weniger Detailsteuerung, dafür auf klarere Verantwortlichkeiten. Eder zeigt den Unterschied anhand alltäglicher Praxisfälle auf: Während deutsche Unternehmer auf Dienstreisen Vorsteueranteile, Privatnutzung oder Hotelkosten differenziert aufschlüsseln müssen, arbeiten die Dänen meist mit pragmatischen Pauschalen. Ähnlich ist es bei der Dienstwagenbesteuerung: In Deutschland fließen unter anderem das Datum der Anschaffung, die CO2-Emissionen, die Antriebsart und elektrische Reichweite in die Berechnung ein. In Dänemark bemisst sie sich anhand des Fahrzeugwerts und der jährlich fälligen Kfz-Steuer. Die Abrechnung von Ladestrom für E-Fahrzeuge läuft automatisiert über den Energieversorger, Steuererstattungen erfolgen im Hintergrund direkt über die Stromrechnung. „In Deutschland erzeugt allein die Diskussion darüber schon mehr Aufwand als die eigentliche Lösung“, findet Eder.
Konsequenz statt Kontrolle
Ein weiterer wichtiger Unterschied: Konsequenz. In Dänemark wird die Digitalisierung nicht nur politisch beschlossen, sondern auch unmittelbar umgesetzt. Neue Gesetze werden vollständig digital gedacht, ohne jahrelange Parallelwelten aus Papier und elektronischen Verfahren. Zudem beschreibt der Steuerberater das Verhältnis zwischen Staat und Bürgern in Dänemark als stärker vertrauensbasiert. Bürger würden als eigenverantwortliche Akteure verstanden. Wer Regeln missachte, müsse zwar mit klaren Konsequenzen rechnen, doch der Staat gehe davon aus, dass Menschen grundsätzlich regelkonform handeln wollen.
Deutschland hingegen arbeite vielfach mit Kontrollmechanismen, Absicherungen und Nachweispflichten. Diese Kultur des Misstrauens führe zwangsläufig zu mehr Bürokratie. „Je mehr Ausnahmen man schaffen will, desto komplizierter wird das System“, so Eder.
Grenzüberschreitend tätige Steuerberater wie er würden dadurch zu Brückenbauern zwischen den unterschiedlichen Verwaltungskulturen. Der Flensburger sieht darin trotz aller Herausforderungen eine enorme Chance. Europa wachse wirtschaftlich immer stärker zusammen, viele Systeme jedoch seien national gedacht. Allein mehrsprachige Auswertungen oder international anschlussfähige Kanzleiprozesse könnten seiner Ansicht nach enorme Effizienzpotenziale schaffen.
Am Ende geht es nicht darum, ob Deutschland oder Dänemark das bessere Modell hat. Beide Systeme sind historisch gewachsen und gesellschaftlich begründet. Doch der Blick über die Grenze zeigt: Bürokratieabbau beginnt nicht mit weniger Regeln allein. Sondern auch mit der Frage, wie viel Vertrauen ein Staat seinen Bürgern und Unternehmen entgegenbringt.