Portrait von Robert Pospíchal, Geschäftsführer der Gesellschaft DATEV.cz s.r.o.

„Die Steuererklärung hatte damals zwei Seiten.“ Für Robert Pospíchal ist das bis heute ein eindrückliches Symbol dafür, was Bürokratieabbau bewirken kann. Pospíchal leitet die DATEV-Niederlassung in Brünn, die Kunden in Tschechien und der Slowakei betreut – und hat die wohl mutigste Steuerreform Europas aus nächster Nähe erlebt. 

Dabei begann die Geschichte eigentlich in Deutschland. 

Anfang der 2000er-Jahre sorgte der Heidelberger Steuerrechtler Paul Kirchhof mit seinem Konzept eines radikal vereinfachten Steuerrechts für Aufsehen. Seine Idee: ein einheitlicher Steuersatz, dafür deutlich weniger Ausnahmen und Sonderregelungen. Politisch ließ sich das Modell hierzulande nie durchsetzen. Die slowakischen Reformer griffen die Idee dagegen auf und machten Ernst. Einkommensteuer, Körperschaftsteuer und Mehrwertsteuer wurden auf einen einheitlichen Satz von 19 Prozent gesetzt. Gleichzeitig strich die Regierung zahlreiche Ausnahmen und Sonderregelungen. Erbschaft- und Schenkungsteuer wurden abgeschafft. 

„Für Kanzleien und Unternehmen war das eine großartige Zeit. Vieles funktionierte schneller, unkomplizierter und verständlicher als vorher“, erinnert sich Pospíchal. Weniger Sonderfälle bedeuteten weniger Auslegungsfragen, weniger Aufwand bei Standardfällen und mehr Zeit für unternehmerische Beratung. So veränderte der Bürokratieabbau den Kanzleialltag spürbar. 

„Enormer Kundenzuwachs“

Die Reform wurde europaweit sehr aufmerksam verfolgt. Internationale Investoren kamen ins Land, insbesondere Industrie- und Automobilunternehmen bauten neue Standorte auf. Die Slowakei entwickelte sich zu einer der dynamischsten Volkswirtschaften Mittel- und Osteuropas. Auch die OECD bewertete die Reform positiv. Sie sei ein wichtiger Bestandteil eines umfassenden Modernisierungskurses gewesen, der Investitionen erleichtert und das Wirtschaftswachstum unterstützt habe. 

Auch DATEV erlebte diese Aufbruchsstimmung. 

„Wir hatten damals enormen Kundenzuwachs“, erzählt Pospíchal. „Die Stimmung war: Hier entsteht gerade ein modernes, dynamisches Wirtschaftssystem.“ Zeitweise galt die Slowakei als Vorbild – ein Land, das zeigte, wie konsequente Reformen die Verwaltung vereinfachen und wirtschaftliche Dynamik entfalten können. 

Warum der Reformkurs scheiterte

Doch die Erfolgsgeschichte bekam Risse. Mit dem Regierungswechsel 2012 änderte sich der politische Kurs. Schritt für Schritt kehrte die Slowakei zu einem komplexeren Steuersystem zurück. Die Flat Tax wurde für Einkommen abgeschafft, neue Sonderabgaben eingeführt, Ausnahmen kamen zurück, der einheitliche Mehrwertsteuersatz verschwand. Seit 2025 erhebt das Land sogar eine Finanztransaktionssteuer für Unternehmen. „Vom Reformgeist von 2004 ist heute leider kaum noch etwas übrig“, sagt Pospíchal. „Früher sprach man von der Slowakei als mitteleuropäischem Tiger. Heute sagen manche schon: Wir sind auf dem Weg zum zweiten Griechenland.“ Viele junge, gut ausgebildete Menschen verlassen das Land, Investitionen bleiben hinter früheren Erwartungen zurück.  

Die eigentliche Lehre

War die Reform also ein Irrweg? Im Gegenteil. Sie zeigte, dass ein einfacheres Steuerrecht Investitionen fördern und Kanzleien, Unternehmen ebenso wie Privatpersonen entlasten kann. Gleichzeitig macht die Slowakei deutlich, wie schwer es ist, diesen Weg dauerhaft beizubehalten. 

Denn Steuerrecht muss immer auch gesellschaftliche, wirtschaftliche und finanzpolitische Erwartungen erfüllen. Braucht der Staat höhere Einnahmen oder sollen bestimmte Gruppen entlastet werden, entstehen schnell neue Ausnahmen, Zuschläge und Sonderregelungen. Aus einem einfachen System wird Schritt für Schritt wieder ein komplexes. 

Genau deshalb lohnt sich der Blick auf die Slowakei auch für Deutschland. Seit Jahren wird hierzulande über Bürokratieabbau und Steuervereinfachung diskutiert. Die Erfahrung des Nachbarlandes zeigt: Der eigentliche Kraftakt besteht nicht darin, ein einfacheres System einzuführen. Die größere Herausforderung ist, es über viele Jahre hinweg gegen neue Einzelinteressen und politische Richtungswechsel zu verteidigen. 

Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis aus der Slowakei: Bürokratieabbau ist kein einmaliges Reformprojekt. Er ist eine Daueraufgabe und braucht vor allem eines: den politischen Willen, Einfachheit nicht nur zu schaffen, sondern auch zu bewahren.