Können Sie sich noch erinnern, wie wir vor 25 Jahren gearbeitet haben? Ich war damals noch nicht lange Steuerberater. Papier, Stempel und Faxgerät gehörten zum Alltag. Auch Identität und Vertretungsberechtigung waren meist an Papier gebunden: Ausweis vorlegen, Vollmacht unterschreiben, Dokument kopieren, ablegen, prüfen.
Heute sind viele Prozesse digital. Eine entscheidende Frage ist erstaunlich oft analog geblieben: Woher weiß ein digitales System zuverlässig, wer da vor ihm sitzt und für wen diese Person handeln darf? Deshalb halte ich die Entwicklung rund um digitale Identitäten für strategisch so bedeutsam.
Nicht der Ausweis ist entscheidend
Mit der European Digital Identity Wallet, kurz EUDI-Wallet, entsteht eine europaweit nutzbare Infrastruktur für digitale Identitäten. Deutschland will Anfang 2027 mit einer ersten Ausbaustufe starten. Perspektivisch sollen sich damit neben der eigenen Identität auch Nachweise und berufliche Eigenschaften digital belegen lassen. Der eigentliche Fortschritt liegt für mich aber nicht darin, dass der Personalausweis aufs Smartphone wandert. Entscheidend ist, dass Vertrauen maschinenlesbar wird. Denn für unseren Berufsstand ist nicht nur wichtig, wer jemand ist. Mindestens genauso wichtig ist: In welcher Rolle handelt diese Person, und wen darf sie vertreten?
An diesem Punkt wird es spannend. Denn Steuerberaterinnen und Steuerberater handeln täglich im Auftrag anderer. Dabei müssen private und berufliche Identität sauber getrennt sein.
Heute verteilen sich Identität, Vollmacht und Berechtigung häufig noch auf unterschiedliche Systeme und Nachweise. Die geplante European Business Wallet könnte diese Lücke schließen. Sie soll Unternehmen und Organisationen ermöglichen, Identitäten, Rollen, Vertretungsrechte und Nachweise digital und vertrauenswürdig bereitzustellen. In diesem Zusammenspiel liegt für mich der eigentliche Paradigmenwechsel: Die EUDI-Wallet weist nach, wer ich bin. Die Business Wallet kann ergänzen, für wen und in welcher Rolle ich handle. Damit könnten Mandatsaufnahme, Vollmachten, Signaturen, Behördenkontakte oder die Prüfung von Geschäftspartnern künftig durchgängig digital und grenzüberschreitend funktionieren.
Das passt zu einer Überzeugung, die mich seit Langem begleitet: Digitalisierung entfaltet ihren Nutzen nicht durch digitale Inseln, sondern durch eine umfassende Vernetzung. Für DATEV eröffnet das konkrete Perspektiven, etwa beim digitalen Onboarding, bei der E-Rechnung oder beim Management von Rollen, Rechten und Vollmachten.
Gemeinsam mit Kammern und Partnern können wir dazu beitragen, berufliche Eigenschaften und Vertretungsberechtigungen sicher in Fachprozesse zu integrieren. Ich sehe darin die Chance, unseren Berufsstand zum Vorreiter für praxistaugliche digitale Identitäten zu machen.
Vertrauen bleibt die Währung
Natürlich müssen wir in diesem Zusammenhang über Sicherheit, Datenschutz, Haftung und Nutzerfreundlichkeit sprechen. Gerade weil digitale Identitäten zur kritischen Infrastruktur werden können, sind diese Fragen nicht verhandelbar.
Aber wir sollten nicht nur über die Risiken sprechen. Wir sollten diese Infrastruktur aktiv mitgestalten, statt darauf zu warten, dass andere die Standards für uns definieren. Denn wenn uns das gelingt, digitalisieren wir nicht einfach den Ausweis. Wir schaffen eine Infrastruktur, die unseren Berufsstand entlasten, Medienbrüche beseitigen und neue durchgängige Prozesse ermöglichen kann.
Aus Vertrauen wird dann digitale Infrastruktur, und aus Regulierung wird echter Fortschritt.
Der Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und promovierte Diplom-Kaufmann Robert Mayr ist seit 2016 CEO der DATEV eG. Mayr ist zudem seit 2012 Vizepräsident der Steuerberaterkammer Nürnberg. Er ist Senator in der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech), Rechnungsprüfer des Bundesverbands der Deutschen Industrie e.V. (BDI) und im Hauptvorstand des Bitkom e.V. Mayr engagiert sich ehrenamtlich in der Hochschullehre, er hat einen Lehrauftrag an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen, wo er neue Technologien im Steuerwesen untersucht. Für dieses Engagement ist ihm im Sommer 2022 der Titel „Honorarprofessor“ verliehen worden.