Die Steuerberatung erlebt gerade mehr als nur den nächsten Digitalisierungsschritt. Künstliche Intelligenz (KI) verändert nicht einfach einzelne Abläufe. Sie verschiebt die Gewichte im ganzen System: zwischen Routine und Urteilskraft, zwischen Software und Profession, zwischen technischer Effizienz und fachlicher Verantwortung. Für eine Genossenschaft wie DATEV ist das eine Bewährungsprobe. Denn im KI-Zeitalter entscheidet sich, ob Genossenschaft mehr bleibt als eine kluge Eigentumsform. Die gute Nachricht: Gerade jetzt könnte das genossenschaftliche Modell seine Stärke ausspielen. Die schlechte: Genau jetzt könnte es auch ausgehöhlt werden.

Denn KI ist kein neutraler Helfer. Sie wird mit Daten trainiert, entlang bestimmter Ziele entwickelt und in organisatorische Strukturen eingebettet. Wer die Daten kontrolliert, die Prioritäten setzt und die Anwendungsszenarien definiert, prägt auch die Praxis von morgen. Für Steuerberaterinnen und Steuerberater ist das keine technische Nebensächlichkeit. Es geht um die Standards ihrer Arbeit, um den Umgang mit Risiken, um Qualität, Haftung und Vertrauen.

Hier liegt der fundamentale Unterschied zwischen einer Genossenschaft und einem Techkonzern: Ein kapitalmarktorientierter Anbieter will Skalierung, Marktanteile und Rendite. Eine Genossenschaft soll den Nutzen ihrer Mitglieder mehren. Im KI-Zeitalter ist das kein feiner Unterschied im Leitbild, sondern eine harte strategische Trennlinie. Die Frage lautet: Entwickeln Steuerberater ihre digitale Infrastruktur künftig selbst mit – oder nutzen sie am Ende nur noch die Infrastruktur anderer?

An diesem Punkt wird es heikel. Denn KI belohnt nicht automatisch genossenschaftliche Prinzipien. Im Gegenteil: Sie kann bestehende Passivität sogar verstärken. Wenn neue Anwendungen von wenigen entwickelt, von allen aber genutzt werden, entsteht ein Problem, das Ökonomen gut kennen: Free Riding. Einige tragen Wissen, Zeit, Daten und Praxiserfahrung bei. Viele profitieren. Solange das Maß begrenzt bleibt, ist das verkraftbar. Wenn es zur Norm wird, kippt das Modell. 

Beteiligung als Kern der Innovationsstrategie

Für eine Genossenschaft der Steuerberater ist das besonders brisant. Denn gute KI entsteht nicht nur im Labor. Sie braucht auch Rückmeldungen aus der Praxis, Kenntnisse über Sonderfälle, Erfahrungswissen aus Kanzleien, Sensibilität für Fehlerfolgen und ein Verständnis dafür, wo Automatisierung hilfreich ist – und wo nicht. Dieses Wissen sitzt nicht in einer Zentrale. Es sitzt bei den Mitgliedern. Wenn diese Mitglieder sich zunehmend wie Kunden verhalten, verliert die Genossenschaft ihren produktivsten Rohstoff: die kollektive Intelligenz der Profession. 

Die eigentliche Gefahr ist deshalb nicht, dass KI die Genossenschaft überflüssig macht. Die eigentliche Gefahr ist, dass die Genossenschaft im Namen der KI zur bequemen Versorgungsmaschine wird: nützlich, effizient, professionell – aber ohne echte Teilhabe. Formal bleibt sie eine Genossenschaft, praktisch wird sie zur Plattform. 

Wer das verhindern will, muss Beteiligung neu denken. Nicht als Pflichtübung, nicht als Appell, sondern als Kern der Innovationsstrategie. 

Der erste Hebel ist denkbar einfach: Mitwirkung muss leichter werden. Viele Mitglieder beteiligen sich nicht zu wenig, weil sie desinteressiert wären, sondern weil Beteiligung oft zu viel Zeit kostet. Wer Mitsprache fast nur in Versammlungen, Ausschüssen und langen Abstimmungsprozessen organisiert, darf sich über eine geringe Beteiligung nicht wundern. Im digitalen Zeitalter braucht es Mikroteilhabe: fünf Minuten Feedback zu einem neuen KI-Feature, ein schneller Praxistest, die Bewertung eines Vorschlags, das Teilen anonymisierter Fallkonstellationen. Kleine Beiträge sind kein Ersatz für demokratische Mitbestimmung, aber sie sind ihre Voraussetzung. Denn Teilhabe beginnt dort, wo die Einstiegshürde niedrig ist. 

Anreize für mehr Engagement setzen

Der zweite Hebel lautet: Engagement muss sich spürbar lohnen. Genossenschaften tun sich traditionell schwer mit selektiven Vorteilen, weil sie Gleichbehandlung hochhalten. Doch Gleichbehandlung heißt nicht, dass jede Form von Aktivität folgenlos bleiben sollte. Wer sich an Pilotprojekten beteiligt, Daten in qualitätsgesicherter Form bereitstellt oder Fachwissen in Communitys einbringt, könnte früheren Zugang zu neuen Anwendungen, exklusive Benchmarking-Angebote oder besondere Weiterbildungsformate erhalten. Nicht als Privileg für wenige, sondern als fairer Anreiz für Beitragende. Wer gibt, soll auch etwas davon haben. 

Drittens: Engagement braucht Sichtbarkeit. In wissensintensiven Berufen wirken soziale Anerkennung und professionelle Reputation oft stärker als kleine finanzielle Prämien. Warum also nicht Rollen schaffen wie „KI-Praxispartner“, „Mitglied im Innovationspanel“ oder „Digitaler Fachbeirat“? Warum nicht sichtbar machen, welche Kanzleien neue Anwendungen mitentwickeln, testen und verbessern? Das wäre mehr als Symbolik. Es würde zeigen: Mitwirkung ist keine Ehrenrunde, sondern ein Bestandteil professioneller Exzellenz. 

Viertens: Daten müssen als genossenschaftlicher Beitrag begriffen werden. In der KI-Welt ist die Datenqualität oft wichtiger als die Programmiersprache. Gerade hier besitzt eine Genossenschaft wie DATEV einen Schatz, den kein externer Anbieter in gleicher Form hat: praxisnahe, strukturierte, fachlich eingebettete Informationen aus Tausenden Kanzleien. Doch dieser Schatz hebt sich nicht von allein. Mitglieder müssen bereit sein, anonymisierte Prozessdaten, Fehlermuster oder typische Fallkonstellationen einzubringen. Dafür braucht es klare Regeln: Was wird genutzt, wofür, unter welchen Schutzstandards und mit welchem Rückfluss an die Mitglieder? Wer Daten teilt, darf nicht das Gefühl haben, Material abzugeben. Er muss wissen, dass er in die gemeinsame Zukunft des Berufsstands investiert. 

Fünftens braucht es eine neue Erzählung. Teilhabe entsteht nicht nur durch Technik und Anreize, sondern auch durch Sinn. Genossenschaften müssen im KI-Zeitalter deutlicher machen, wofür sie stehen: für Datensouveränität, für fachlich verantwortete Innovation, für eine Digitalisierung, die nicht allein von Skalierungslogik getrieben ist. Die Alternative ist klar: Entweder entwickelt die Profession ihre Werkzeuge mit – oder andere entwickeln sie für die Profession. Und wer nur nutzt, was andere gebaut haben, verliert früher oder später seinen Einfluss auf die Regeln des eigenen Berufs. 

Natürlich darf man die Gegenkräfte nicht unterschätzen. Nicht jede Kanzlei hat Zeit für zusätzliche Beiträge. Nicht jede Innovation lässt sich breit diskutieren. Und nicht jede Beteiligung ist automatisch klug. Aber genau deshalb braucht es keine romantische Rückkehr zur Vollversammlung, sondern ein realistisches Modell abgestufter Teilhabe: viele kleine Beiträge, einige intensive Pilotpartnerschaften, wenige strategische Gremien. Breite Rückkopplung unten, klare Verantwortung oben.

Im KI-Zeitalter ist Teilhabe kein schmückender Wert mehr. Sie wird zum Produktionsfaktor. Eine Genossenschaft, die ihre Mitglieder nur noch versorgt, verschenkt ihren größten Vorteil. Eine Genossenschaft, die ihre Mitglieder aktiviert, kann etwas, das Plattformen nur begrenzt können: verteiltes Fachwissen in verantwortliche Innovation übersetzen. 

Die Zukunftschance für DATEV liegt nicht darin, KI einfach möglichst schnell einzuführen, sondern darin, sie so zu entwickeln, dass die Mitglieder nicht Zuschauer des technologischen Wandels bleiben. Sondern zu seinen Mitautoren werden. 

KI kann vieles automatisieren. Genossenschaft kann sie nicht. Die muss organisiert, belebt und immer wieder neu aktiviert werden. 

Denkfabrik

Das Forschungsinstitut für Genossenschaftswesen an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg untersucht die Genossenschaftsidee aus wirtschaftswissenschaftlicher, juristischer und soziologischer Perspektive. Zu seinen Zielen gehört die aktive Verbreitung des Genossenschafts­gedankens. genossenschaftsinstitut.de 

Prof. Dr. Matthias Wrede 
ist Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Sozialpolitik, an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Zudem ist er Vorstandsvorsitzender des Forschungsin­stituts für Genossenschaftswesen.