Ein leises Schlüsselklicken, dann schwingt die Tür auf. Anne-Kathrin Muschke hält kurz inne. Jetzt also wirklich. Als sie im Januar 2022 über die Schwelle ihrer eigenen Kanzlei im beschaulichen Norden Sachsen-Anhalts tritt, kann sie es kaum glauben. Bis hierhin war es ein langer Weg. Doch dabei verlor sie nie das Ziel aus den Augen. Bereits als 16-Jährige im Osten Deutschlands, mitten in der Wendezeit, war ihr klar: Sie wollte Steuerberaterin werden. 

Dass zwischen diesem Ziel und der eigenen Kanzlei zahlreiche Steine liegen würden, ahnte sie noch nicht. Der Zugang zum Studium gelang zunächst nur über einen Nachrückplatz. Die Steuerberaterprüfung bestand sie erst im dritten Anlauf. Doch Aufgeben kam für Anne-Kathrin Muschke nie infrage. „Das bin ich nicht. Wenn es noch eine Chance gibt, nutze ich sie“, sagt sie. 

Der Startschuss für die eigene Kanzlei fiel nicht durch die bestandene Prüfung oder den ersten Mandanten, sondern durch eine ehrliche Frage an sich selbst. Zehn Jahre brachte sich Anne-Kathrin Muschke als Teilhaberin in einer mittelständischen Steuerberatungskanzlei ein. Sie trieb Digitalisierungsthemen voran und beschäftigte sich damit, wie Steuerberatung Unternehmen besser im Hier und Jetzt unterstützen kann, statt lediglich Vergangenes zu dokumentieren.

Berufliche Zukunft in der Heimat

Mit der Zeit kollidierten ihre Vorstellungen und die der Kanzlei zunehmend. „2019 habe ich mich gefragt: Wo stehst du, wer bist du, und was willst du eigentlich?“, erinnert sich die Steuerberaterin. Ihre Antwort war: Sie wollte ihren eigenen Weg gehen. Rechtliche und organisatorische Hürden machten den Abschied von ihrem Geschäftspartner zu einem langwierigen Prozess. Noch zweieinhalb Jahre sollte es dauern, bis aus ihrem Wunsch nach Veränderung Realität wurde. 
Trotz des Neuanfangs sollte sich dann aber doch nicht alles ändern. Eines stand fest: der Standort. Die eigene Kanzlei sollte dort entstehen, wo sie sich zu Hause fühlt. Obwohl sie während ihrer Zeit in der Wirtschaftsprüfung bundesweit unterwegs war, zog es sie nie dauerhaft weg aus Sachsen-Anhalt. „Heimat ist, wirklich angekommen zu sein, sich wohlzufühlen“, sagt Anne-Kathrin Muschke. Dort habe sie ihr Netzwerk und Menschen, auf die sie sich verlassen könne. Dass sie ihre Zukunft dort sieht, zeigt auch ihr jüngstes Projekt. Ende Mai dieses Jahres bezog die Kanzlei einen Neubau in Arendsee, in dem nun die zuvor auf zwei Standorte verteilten Mitarbeiter tätig sind. 
Dass die eher ländlich geprägte Region ein Widerspruch zu ihrer gelebt modernen Steuerberatung sein könnte, kam ihr nie in den Sinn: „Wenn ich für etwas stehe, dann brenne ich dafür, und dann kann ich auch wirklich gut überzeugen.“ Zweifel daran hatte sie nie. Vielmehr sieht sie gerade in der Region Vorteile. Die Wege sind kurz, Beziehungen bestehen oft über Jahre hinweg. „Hier kennt jeder jeden.“ Das erleichtere die Zusammenarbeit mit Mandanten, aber auch die Suche nach Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie nach Partnern. 
Für Anne-Kathrin Muschke lebt ihre tägliche Arbeit nicht vom Blick zurück. „Ich sehe mich als Bindeglied zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“, erklärt sie. Ihre Auswertungen sollen nicht nur dokumentieren, was war, sondern auch den Mandanten helfen, Entscheidungen zu treffen – vor allem für das, was kommt.  

Grammatikfehler als Leitsatz

Dieser Gedanke steckt auch im Leitsatz ihrer Kanzlei: „Wir helfen Ihnen Steuern.“ Grammatisch sei das eigentlich falsch, weiß die Inhaberin. Inhaltlich treffe es dagegen genau den Punkt. „Es geht nicht nur um die Steuer an sich, sondern auch um das Steuern des Unternehmens.“ Deshalb wird sie häufig frühzeitig einbezogen, etwa bei Unternehmensverkäufen, Nachfolgen oder privaten Umbrüchen. 
Diese Entscheidungen begleitet Anne-Kathrin Muschke allerdings nicht allein: Ihr siebenköpfiges Team hält ihr dabei den Rücken frei. Was ihr in der Zusammenarbeit besonders wichtig ist, fasst eine neue Mitarbeiterin nach wenigen Wochen zusammen: „Jeder ist mal der Lehrende, mal der Lernende.“ Hinzu kommen Zusammenhalt und Loyalität. Dass das keine leeren Worte sind, zeigt ein Blick ins Team: Mit zwei Kollegen arbeitet sie bereits seit mehr als 30 Jahren zusammen.  
Wer Anne-Kathrin Muschke nach Perspektiven fragt, bekommt keine Vision von weiterem Wachstum oder zusätzlichen Standorten. Ihre Antwort fällt schlicht aus. In der Zukunft soll ihre Kanzlei nämlich „genau so sein, wie sie heute ist“. Nicht größer, nicht lauter, nicht grundlegend anders. 
Die Tür zu ihrer eigenen Kanzlei aufzuschließen, gehört für Anne-Kathrin Muschke inzwischen zum gelebten Alltag. Bereut hat sie den Schritt in die Selbstständigkeit nie. Zu sehr erfüllt sie bis heute das, was sie schon als 16-Jährige an dem Berufsbild faszinierte: mit Menschen zu arbeiten, dabei Orientierung zu geben und gemeinsam nach vorn zu schauen. Oder, wie sie selbst ausdrückt: „Es ist für mich einfach ein schönes Gefühl, den Menschen die Zahlen zu erklären.“

Die Kanzlei 
Die Kanzlei Muschke in Arendsee (Sachsen-Anhalt) verbindet regionale Nähe mit konsequenter Digitalisierung. Das siebenköpfige Team berät vor allem Handwerksbetriebe, Heilberufe und Freiberufler mit Blick auf die Zukunft: die Vorbereitung und Begleitung von Entscheidungen.