Ein Start-up-Gefühl im Büro, ein alkoholfreies Feierabendbier mit dem Team – und Mandanten, wie man sie in klassischen Kanzleien eher selten findet: Als Sebastian Schweiger (rechts im Bild) und Bernd Steinhöfer 2023 ihre Kanzlei Schweiger Steinhöfer und Partner (SSP) gründen, haben sie eine klare Mission. Sie wollen frühzeitig auf Trends und Veränderungen reagieren.
Bereits während seiner Ausbildung nimmt Sebastian Schweiger immer wieder wahr, wie viele technische Möglichkeiten in der Praxis ungenutzt bleiben: „Viele Kanzleien halten an bestehenden Routinen fest“, erinnert er sich. Für ihn war klar: Das muss auch anders gehen.
Er studiert berufsbegleitend, macht das Steuerberaterexamen und lehnt sogar das Angebot einer Kanzlei ab, als Partner einzusteigen. Denn er wusste: „Ich werde hier nie etwas so umsetzen können, wie ich es für richtig halte.“ Stattdessen gründet er 2017 im eigenen Wohnzimmer die Kanzlei, die er sich bereits mit 18 Jahren erträumt hatte. Ein Jahr später übernimmt er zusätzlich eine kleine, vollständig analog arbeitende Kanzlei, die er systematisch digitalisiert. „Es muss digital sein“, betont Schweiger. „Und zwar so konsequent, dass man bei Entwicklungen wie Künstlicher Intelligenz nicht erst in die Transformation einsteigen muss.“
Bernd Steinhöfer geht parallel einen ganz ähnlichen Weg, übernimmt 2020 seine erste Kanzlei. Kennengelernt haben sich die beiden späteren Partner im Masterstudium. An gemeinsamen Abenden in der Studentenzeit festigt sich die Erkenntnis, dass sie die gleiche Vision antreibt. 2023 schließen sie ihre Unternehmen zusammen. Schon die Adresse ihrer Kanzleiräume ist Programm: die Innovationsmeile in Krailling bei München.
Digital oder gar nicht
Ihre Vision von Digitalisierung betrachten die beiden wie ein ungeschriebenes Gesetz. Anfang 2024 offenbaren sie ihren Mandanten, dass die Zusammenarbeit künftig ausschließlich digital erfolgen wird – verbunden mit dem Angebot konkreter Unterstützung beim Umstieg. „Wer nicht bereit war das zu tun, musste sich neue Steuerberater suchen“, sagt Schweiger. Die Reaktionen der Mandanten waren überwiegend positiv, auch wenn eine Handvoll den neuen Weg trotz allen Werbens am Ende doch nicht mitgehen wollte.
Doch nicht nur seitens der Mandanten ist Anpassungsfähigkeit gefragt. Die Unternehmenslandschaft ist stetig im Wandel. Start-ups, E-Commerce-Unternehmen und Influencer haben andere Ansprüche an Steuerberater als klassische Mittelständler – und nicht jede Kanzlei weiß, wie man diese neuen Mandanten richtig betreut.
„Bei Influencern besteht ein klares Missverhältnis: Sie bringen eigentlich alles aus ihrem privaten Leben ein und müssen alles, was sie rausbekommen versteuern, haben wiederum aber keine Betriebsausgaben“, sagt Schweiger. Auch gebe es zu dieser besonderen Mandantengruppe wenig Rechtsprechung. „Das Geschäftsmodell ist sehr erklärungsbedürftig. Die Leute können nirgendwo etwas nachlesen, es gibt keine Gesetze dazu“, sagt Steinhöfer. Für eine erfolgreiche Steuerberatung seien daher eine saubere Dokumentation, eine enge Abstimmung und sowie ein ausgeprägtes Vertrauensverhältnis zu den Mandanten essenziell.
Dass es sich lohnt, bei Automatisierung und Digitalisierung eine Vorreiterrolle zu spielen, zeigt sich auch in den positiven Rückmeldungen junger Talente. Am Otto-von-Taube-Gymnasium in Gauting war Steuerberatung für die Schülerinnen und Schüler lange kein Thema. Inzwischen gilt der Beruf dank KI und der vielen digitalen Prozesse als angesagt. „Dieses Jahr dürfen wir unseren Berufsstand das erste Mal am Berufsinformationsabend an dieser Schule vertreten“, erzählt Schweiger begeistert. „Das geht in die richtige Richtung: weg vom Image der händischen Deklaration von Sachverhalten, hin zu einem richtig modernen, digitalen, tollen Arbeitsplatz.“
Familiärer Zusammenhalt
Zu Beginn arbeiten zwölf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Kanzlei, inzwischen hat sich diese Zahl mehr als verdoppelt. Ein zweiter Standort ist geplant. „In unserem Team haben wir wirklich alles – vom 17-jährigen Abiturienten, der nachmittags zum Arbeiten kommt, bis zur 72-jährigen Rentnerin, die mittlerweile auf DATEV Unternehmen online bucht“, sagt Steinhöfer. Eine Open-Door-Mentalität wird in der Kanzlei von Schweiger und Steinhöfer großgeschrieben. „Uns ist wichtig, dass ein familiärer Zusammenhalt im Team besteht“, sagt Steinhöfer. Wiederkehrende Austauschtermine und gemeinsame Mittagessen sind feste Bestandteile des Arbeitsalltags.
Der Appell, den die beiden Gründer an den Berufsstand richten, ist eindeutig. „Ich kann nur jeder Kollegin und jedem Kollegen, die immer noch nicht digital sind, raten, sich auf den Weg zu machen“, sagt Steinhöfer. Auch wenn noch unklar sei, wohin sich die Technik letztlich entwickelt, brauche es mehr Mut, findet Schweiger: „Man kann gar nichts falsch machen. Entscheidend ist, überhaupt anzufangen.“
Eine Haltung, der die Kanzlei seit ihrer Gründung folgt: nicht abwarten, sondern immer technologisch vorn dabei sein.
Die Kanzlei
Schweiger Steinhöfer und Partner (SSP) ist eine vollständig digital arbeitende Steuerkanzlei mit zwei Standorten in Krailling und in München. Sie betreut vor allem Start-ups und mittelständische Unternehmen.