Manuel Sieben

Herr Sieben, Sie kannten sich im Zollrecht bereits aus, haben aber trotzdem die Weiterbildung zum Fachberater gemacht. Warum? 

Sieben: Meine Ausbildung beim Zoll wurde angerechnet, sodass ich die Lehrgangsstunden nicht noch einmal absolvieren musste. Der zusätzliche Aufwand war also überschaubar. Gleichzeitig wollte ich mich ganz bewusst als Spezialist positionieren. Der Titel macht diese Spezialisierung nach außen sichtbar, gerade gegenüber Mandanten.

Bettina Mertgen

Frau Mertgen, bei Ihnen war es umgekehrt.

Mertgen: Ja. Ich hatte Zollrecht nicht von der Pike auf gelernt. Im Jurastudium spielt es praktisch keine Rolle, auch in der Steuerberaterprüfung ist es kaum präsent. Mir ging es deshalb darum, die Materie nicht nur fallbezogen zu erarbeiten, sondern auch systematisch und in ihrer ganzen Breite zu lernen. Der damals noch neue Fachberater für Zölle und Verbrauchsteuern bot genau diese Möglichkeit.  

Der damals noch neue Fachberater bot genau diese Möglichkeit. Ich war in einem der ersten Lehrgänge – um genau zu sein, war ich die elfte Person mit diesem Abschluss.

Ein hoch spezialisiertes Rechtsgebiet verändert sich ständig. Wie schaffen Sie es, fachlich auf dem neuesten Stand zu bleiben?

Mertgen: Vor allem durch die tägliche Arbeit. Entsprechend kommen die Unternehmen mit sehr aktuellen Fragen auf uns zu. Gleichzeitig halten wir Vorträge, publizieren und sind teilweise schon über Diskussionspapiere oder Gesetzentwürfe in Gesetzgebungsverfahren eingebunden. Das zwingt uns gewissermaßen dazu, immer auf dem neuesten Stand zu sein. Hinzu kommt die Arbeit an Fachpublikationen. Unser Buch zur Compliance im Außenwirtschaftsrecht etwa muss wegen der vielen neuen Sanktionspakete regelmäßig aktualisiert werden.

Sieben: Bei Fachberatern kommt die Fortbildungspflicht hinzu. Ich bin außerdem als Dozent tätig, unter anderem bei Update-Seminaren zum Zoll- und Außenwirtschaftsrecht. Wenn man anderen erklären möchte, was sich verändert hat, muss man sich zwangsläufig sehr intensiv mit den neuesten Entwicklungen beschäftigen. Aktuell befassen wir uns beispielsweise mit der Reform des Unionszollkodex. Mandatsarbeit und Lehrtätigkeit ergänzen sich dabei sehr gut.

Der Fachberater vermittelt zunächst theoretisches Wissen. Wie wichtig ist die praktische Erfahrung danach?

Sieben: Entscheidend. Gerade für Kollegen, die zunächst breiter aufgestellt sind, ist die erforderliche Zahl an Praxisfällen sehr wertvoll. Man kann theoretisch sehr viel lernen. Wenn man dieses Wissen aber nicht im Mandat anwenden muss, kommt man fachlich nur begrenzt weiter. Erst die Fälle zeigen, was es tatsächlich bedeutet, mit dieser Materie umzugehen. Das gilt übrigens nicht nur für das Zollrecht. Ich würde heute auch keinen Jahresabschluss erstellen wollen – schlicht, weil ich das nie gemacht habe.

Mertgen: Das geht mir genauso. Lassen Sie mich bitte keine Einkommensteuererklärung machen, die habe ich mein Lebtag noch nicht erstellt. Spezialisierung funktioniert eben in beide Richtungen. Wer sich überviele Jahre ausschließlich mit einer hochkomplexen Materie beschäftigt, erreicht dort eine andere Tiefe. Dafür gibt es andere Bereiche, die man bewusst den Kollegen überlässt. Der Fachberaterlehrgang ist der Anfang, nicht das Ende.

Das klingt für Generalisten zunächst wenig ermutigend. Gibt es Bereiche des Zollrechts, an die Steuerberater leichter anknüpfen können?

Sieben: Durchaus. Wer sich etwa im internationalen Steuerrecht wohlfühlt, findet durchaus Parallelen. Das Präferenzrecht lässt sich beispielsweise ein Stück weit mit Doppelbesteuerungsabkommen vergleichen: Man hat verschiedene Freihandelsabkommen, deren Grundstruktur ähnlich ist, während die Einzelheiten voneinander abweichen. Auch bei den Verbrauchsteuern gibt es solche Anknüpfungspunkte. Für Steuerberater mit internationaler Spezialisierung sind bestimmte Bereiche des Zollrechts deshalb gar nicht so weit entfernt. Aber wie immer liegt der Teufel im Detail. Wenn man dazu beraten will, muss man die Materie wirklich beherrschen.

Und wie wichtig ist der Austausch mit anderen Spezialisten, gibt es eine eigene Community der Fachberater für Zölle und Verbrauchsteuern?

Sieben: Einen festen Zirkel ausschließlich für Fachberater habe ich zumindest nicht auf dem Schirm. Es gibt aber die Fortbildungsveranstaltungen für Fachberater und darüber hinaus zahlreiche Fachtagungen, etwa Zollrechtstage, Außenwirtschaftstage oder Veranstaltungen zur Exportkontrolle. Dort trifft die Fachcommunity zusammen: Steuerberater, Rechtsanwälte, Unternehmensvertreter und die Verwaltung. Der Austausch orientiert sich also eher am Thema als am beruflichen Hintergrund. Gerade für Fachberater, die in ihrer Kanzlei mit dem Zollrecht weitgehend allein sind und daneben noch andere Bereiche bearbeiten, könnte ein engeres Netzwerk allerdings interessant sein. Für uns ist der interne Austausch relativ einfach, weil wir ausschließlich in diesen Themen arbeiten. Wer dagegen vielleicht 40 Prozent seiner Tätigkeit im Zollrecht hat und ansonsten andere Mandate betreut, hat diese Möglichkeit nicht unbedingt.

Mertgen: Genau. Es gibt sehr viele spezialisierte Veranstaltungen und Arbeitskreise, etwa zu FDI, Umsatzsteuer oder Zollstrafrecht. Dort kommt die jeweilige Community zusammen. Aber dieser Austausch ist meist themenbezogen. Ein eigenes Netzwerk der Fachberater könnte deshalb durchaus eine sinnvolle Ergänzung sein.