Geteiltes Wissen ist doppeltes Wissen. Was im ersten Moment nach einem einfachen Sprichwort klingt, kann für Kanzleien zum echten Erfolgsfaktor werden. Denn ein gutes Netzwerk bietet Zugang zu fachlichem Know-how, schafft Vertrauen und eröffnet neue Perspektiven. Dabei entstehen neue Impulse, die gerade in Zeiten schneller Veränderungen besonders wertvoll sind. Doch wie werden aus Kontakten tragfähige Netzwerke, die auch im Kanzleialltag einen echten Mehrwert bieten?
Text: Carsten Fleckenstein
Die Idee: Entstehen soll ein Ort, an dem mehrere Betriebe zusammenarbeiten und gemeinsame Fortbildungen stattfinden können. Um den Campus zu realisieren, haben sich in Ostwestfalen drei Handwerksbetriebe zusammengeschlossen: eine Energieberatung, ein Malerhandwerk und eine Dachdeckerei. Das Grundstück ist gekauft. Was fehlt, ist die Finanzierung für den Bau.
Für Ralf Sommer wird daraus ein Fall für sein Netzwerk. Sommer ist Steuerberater und Kanzleiinhaber von OCTA Steuerberater, einer Bielefelder Kanzlei mit rund 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und weiteren Standorten in Paderborn und Rheda-Wiedenbrück. Die drei Handwerksbetriebe gehören zu seinen Mandanten.
Der Kontakt zur Bank entsteht im Umfeld von Arminia Bielefeld. Bei einem Sponsorenfrühstück sind auch Bankvertreter anwesend. Einer meldet sich später: Er habe Ideen, „wie man vielleicht für eure Kunden was machen könnte“, zitiert Sommer. Beim Mittagessen zeigt sich: Die Bank sucht Möglichkeiten, eigenkapitalersetzende Darlehen im Mittelstand zu platzieren.
Bald sitzen die Beteiligten an einem Tisch: drei Handwerksbetriebe mit Finanzierungsbedarf, eine Bank mit Interesse an Mittelstandsinvestitionen und Steuerberater Ralf Sommer, als Schnittstelle im Netzwerk. Sommer hätte den Fall auch klassisch angehen können: Unterlagen aufbereiten, Finanzierungsbedarf klären, Banken ansprechen, Angebote vergleichen. Er findet diesen Weg gleichwohl „viel mühseliger“ und führt noch einen Vorteil an: „Das macht Netzwerken aus: keine Nummer zu sein.“ Für Sommer ist Netzwerken Kanzleikompetenz: Indem es Mandanten schneller dorthin bringe, wo der nächste Schritt möglich werde. Ein gutes Netzwerk verbindet Menschen, Wissen und Gelegenheiten oft dort, wo es nicht sofort sichtbar ist: „Das hat jetzt nicht mir geholfen, sondern meinen Kunden.“
Wenn Wandel Vernetzung braucht
Mandate berühren heute oft mehrere Themen zugleich: Steuern, Finanzierung, Recht, Personal, Digitalisierung, IT – die Liste ist lang. Die Komplexität der Steuerberatung zeigt sich in zunehmender Regulatorik, fachlicher Spezialisierung, technologischem Wandel und dem anhaltenden Fachkräfteengpass. Überall können Netzwerke helfen, Wissen, Ressourcen oder Erfahrung außerhalb der eigenen Kanzlei zu finden.
Sommer bewegt sich dafür in mehreren Netzwerken parallel: im DATEV-Kollegenkreis, in Unternehmernetzwerken, im Sponsorenumfeld von Arminia Bielefeld und im Ehrenamt. Mal ist er Mitglied, mal Vortragender, mal Vermittler. Für Sommer greifen persönliche und digitale Verbindungen ineinander. Auch Kontakte nach München, Berlin oder Hamburg gehören dazu. Stehen digitale und physische Netzwerke gleichberechtigt nebeneinander? „Ja, absolut“, sagt er.
Was Sommer in der Praxis erlebt, beschreibt Johannes Glückler als zentrale Leistung von Netzwerken. „Innovation und neues Wissen entstehen meist in Interaktion“, sagt der Professor für Wirtschaftsgeographie, der an der Ludwig Maximilians-Universität München zu Wissen, Netzwerken und Innovationsprozessen forscht. Menschen und Organisationen brächten unterschiedliche Erfahrungen und Erkenntnisse zusammen. Ihre Netzwerke seien wichtig, um zu begreifen, „wie man koordiniert, wie man innoviert und wie man überhaupt gemeinsam Probleme lösen kann.“
53.932 Steuerberatungskanzleien mit nur einem Standort gibt es in Deutschland. 67 Prozent davon sind Einzelpraxen.
Stand Anfang 2026, Quelle: BStBK, Berufsstatistik 2025
Für den Berufsstand der Steuerberater wird diese Stärke von Netzwerken relevant, wenn Wissen und Kompetenz auf viele Personen, Kanzleien und Strukturen verteilt sind. Anfang 2026 gab es 53.932 Steuerberaterkanzleien mit einem Standort. Etwa zwei Drittel davon waren Einzelpraxen. Zugleich weist die Bundessteuerberaterkammer (BStBK) nur wenige hoch spezialisierte Fachberater aus, etwa für internationales Steuerrecht oder Zölle und Verbrauchsteuern. Viele Kanzleien müssen daher bei Bedarf schnell die richtige Expertise finden. OCTA könne vieles im eigenen Haus abdecken, berichtet Sommer. Wenn etwa ein Erbschaftsteuerthema auftauche, gehe er zum Kollegen, der darauf spezialisiert sei; bei Umsatzsteuerfragen zur entsprechenden Spezialistin. Für kleinere Kanzleien seien Kollegennetzwerke und fachlicher Austausch umso wichtiger.
Glückler beschreibt das an einem Beispiel: Ein Kunde sucht einen Produktionsleiter. Sein vertrauter Berater kann diese Leistung nicht selbst erbringen, kennt aber eine Kollegin aus seinem Netzwerk, die auf Recruiting spezialisiert ist. Ihr könne der Kunde „blind vertrauen“. Der Berater müsse nicht alles selbst können oder wissen, halte aber die Beziehung zum Kunden stabil, indem er verlässliche Kompetenz einbinde.
Gerade Digitalisierung und KI zeigen, wie hilfreich Netzwerke sein können. Neue Werkzeuge kommen hinzu, neue Prozesse werfen neue Fragen auf: Welche Abläufe werden effizienter, wie bleibt eine Kanzlei zukunftsfähig? Im Mandantenumfeld ist dieser Wandel längst sichtbar: Laut Bitkom Cloud Report 2026 nutzen 86 Prozent der Unternehmen in Deutschland Clouddienste, die übrigen planen oder diskutieren den Einsatz. 42 Prozent nutzen heute KI-Dienste aus der Cloud; in fünf Jahren könnten es 69 Prozent sein. Die Fülle verfügbarer Informationen macht den Austausch mit anderen wertvoll. „Plötzlich kann ich im Prinzip alles haben und alles sehen. Aber meine Wahrnehmung bleibt das Nadelöhr“, sagt Glückler.
"Nur weil 120 Leute erstmals auf einem Netzwerktreffen waren, ist das noch lange kein Netzwerk."
Prof. Dr. Johannes Glückler, Professor für Wirtschaftsgeographie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Besonders in technologischen Transformationsprozessen werde Erfahrung zur wertvollen Ressource. Für Sommer ist hier der Austausch mit anderen Steuerberatungskanzleien wichtig. Bei der Cloudtransformation von DATEV säßen „alle wieder in einem Boot, und keiner muss das Rad neu erfinden“. Im DATEV-Arbeitskreis gehe es daher um praktische Fragen: Wie wurde etwas gelöst? Wusste das schon jemand? Diese Art von Austausch mache die Veränderung greifbarer. Er reduziere Unsicherheit, weil die Erfahrung vertrauter Menschen helfe, „die gleichen Fehler nicht noch einmal zu machen“.
Auch der Fachkräftemangel bleibt für den Berufsstand prägend. Anfang 2026 waren bundesweit 17.081 Ausbildungsverhältnisse zum Steuerfachangestellten registriert, 1,3 Prozent weniger als im Vorjahr. Gleichzeitig lag das Durchschnittsalter der Berufsangehörigen bei 53,7 Jahren; gut ein Fünftel war sogar älter als 65 Jahre. Hier bieten Netzwerke Wissenstransfer, geteilte Lernkurven, Nachfolgekontakte und gemeinsame Sichtbarkeit, etwa in der Initiative „GEMEINSAM handeln!“ von der BStBK, dem Deutschen Steuerberaterverband (DStV) und DATEV, die Kanzleien bei der Gewinnung, Bindung und Entwicklung von Fachkräften unterstützt.
Beziehungen statt Kontakte
Ob ein Netzwerk tragfähig ist, entscheidet die Qualität der Beziehungen. Sie zeigt sich in gemeinsamer Erfahrung, eingespielter Zusammenarbeit und der Fähigkeit, einander einzuschätzen. Ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, welchen Sinn die Beteiligung hat und ob man gemeinsame oder eigene Ziele verfolgt. Entscheidend ist dabei nicht, wie viele Kontaktpunkte ein Netzwerk hat, sondern ob dazwischen tragfähige Fäden für eine symbiotische Zusammenarbeit entstehen. „Nur weil 120 Leute erstmals auf einem Netzwerktreffen waren und hinterher nicht mehr wissen, wer wer ist, ist das noch lange kein Netzwerk“, sagt Glückler.
Hans-Georg Wolff, Professor für Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Universität zu Köln, nennt solche Verbindungen „schlafende Kontakte“. Sie sammeln sich oft bei digitalen Netzwerken wie LinkedIn oder Xing, entfalten aber keine Wirkung. Denn dafür braucht es Interaktion: nachfragen, vermitteln, Informationen austauschen, Kontakte nähren.
Wolff beschreibt den Aufbau von Netzwerkbeziehungen als langsamen Prozess: „Man fängt in der Regel klein an.“ Erst komme ein Tipp, später eine Anfrage, irgendwann ein Gefallen. So wachse Verlässlichkeit. Netzwerken sei deshalb auch eine Wette auf die Zukunft. Man baue Beziehungen auf, ohne sicher zu wissen, welche später tragen werden – oder, wie er sagt, „welches Pferd gewinnt“. Wer Mandanten an Kollegen, Banken oder Spezialisten verweist, nährt zudem mit jeder neuen Empfehlung auch die eigene Glaubwürdigkeit.
"Ein gutes Netzwerk basiert auf Vertrauen - und dass man die Richtigen gut kennt."
Hans-Georg Wolff, Professor für Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Universität zu Köln.
Der größte Irrtum über lebendiges Netzwerken sei, so Wolff, „ganz einfach gesagt: zu laut sein“. Netzwerken verlangt die Fähigkeit zuzuhören: Was braucht der andere, wo kann ich verbinden und welche Information könnte für jemanden wichtig sein, auch wenn er gerade nicht danach fragt? Steuerberater Sommer knüpft Netzwerke auch dort, wo Unternehmer über ihre eigenen Herausforderungen sprechen. In solchen Runden hört er frühzeitig, welche Themen Mandanten bewegen: Margendruck im Handwerk, Strukturwandel im Handel. Wichtig sei der veränderte Blickwinkel. „Wie ein Angler, der daran denkt, dass der Köder dem Fisch schmecken muss und nicht ihm selbst.“ Die Perspektive des Unternehmers hilft Sommer, ein Problem zu erkennen, bevor es im Jahresabschluss sichtbar wird. Und es hilft dem Unternehmer, weil er sich verstanden fühlt.
Besonders belastbar werden Beziehungen durch gemeinsames Arbeiten. Wer zusammen ein Problem löst, erlebt Tempo, Haltung und Verantwortungsgefühl des anderen. Wolff beschreibt den Effekt so: „Wenn Kooperation funktioniert, hat man danach das Wissen, die Überzeugung und auch die Erfahrung, dass man mit dieser Person gut Probleme lösen kann.“
Allerdings fällt Netzwerken nicht allen gleich leicht. „Die Hand schütteln, nett lächeln, guten Tag sagen, das sind Verhaltensweisen, die jede Person kann“, sagt Wolff. Über längere Zeit koste es aber gerade Introvertierte mehr mentale Kraft und erschöpfe sie eher. Entscheidend sei gleichwohl nicht die Persönlichkeit allein. Auch der Zugang bestimmt, ob Netzwerken funktioniert. Ähnlichkeit gilt als Türöffner: Menschen kommen leichter mit Personen ins Gespräch, in denen sie Gemeinsamkeiten erkennen. Zu beobachten ist auch, dass Geschlechter unterschiedliche Netzwerke besitzen. Wolff differenziert: Frauen netzwerkten nicht unbedingt weniger als Männer, aber die Rendite innerhalb der eigenen Organisation sei oft geringer. Das sei kein abschließender Befund, aber ein Hinweis darauf, dass informelle Netzwerke bestehende Strukturen verstärken können, wenn Organisationen nicht darauf achten, wer Zugang zu ressourcenreichen Kontakten bekomme.
Vertrauen verlangt Verantwortung
"Ein gutes berufliches Netzwerk basiert auf Vertrauen“ und darauf, so Wolff, „dass man die richtigen Menschen gut kennt“. Gleichwohl setzen Berufsrecht und Verschwiegenheitspflicht dem vertrauensvollen Austausch klare Grenzen, gerade im steuerberatenden Beruf. Allgemeine Erfahrungen lassen sich teilen; Mandatsdetails verlangen Anonymisierung, Einwilligung oder eine klare rechtliche Grundlage. Sommer formuliert es deutlich: „Für die Aussagen, die ich meinem Kunden gegenüber vornehme, hafte ich immer. Punkt.“
Schon ein gemeinsamer Außenauftritt kann heikel werden. Wer kooperiert oder gemeinsam sichtbar wird, muss klar zeigen, wer rechtlich wofür steht. Das zeigt ein Urteil des Landgerichts Bremen aus dem Jahr 2022: Ein angestellter Rechtsanwalt war auf dem Briefbogen neben anderen Berufsträgern aufgeführt, ohne dass sein Status klar genug wurde. Das Gericht sah ihn als Scheinsozius an.
86 Prozent der Unternehmen in Deutschland nutzen Clouddienste. 42 Prozent setzen auf cloudbasierte KI-Dienste — mit stark steigender Tendenz.
Quelle: Bitkom Cloud, Report 2026
Nach außen braucht Netzwerken also Klarheit. Und nach innen stellt sich die Frage: Wie wird mit Wissen, Kontakten und Einfluss umgegangen? Glückler veranschaulicht das mit einer Anekdote aus einer Netzwerkanalyse: Ein CEO habe ihm gesagt, auf der zweiten Hierarchieebene habe man es mit „Ego-Shootern“ zu tun; Führungskräfte, bei denen Kontakte und Wissen zusammenliefen, ohne dass sie andere verbanden. Ein Geflecht trägt aber erst, wenn Wissen, Erfahrung und Verantwortung weiterfließen.
Zudem bleibt Netzwerken moralisch ambivalent. Wolff spricht von einem „G’schmäckle“, weil es auch eigene Interessen fördere. Das Prinzip der Reziprozität lasse sich neutral beschreiben – wie du mir, so ich dir – oder despektierlich als „Mafiaprinzip“ nach dem Motto „eine Hand wäscht die andere“. Problematisch werde es auch, wenn der Austausch einseitig wird und eine Seite das Gefühl bekomme, benutzt zu werden – ein giftiges, parasitäres Verhältnis.
Dieser Ambivalenz begegnet OCTA mit gemeinsamen Werten: Vertrauen, Verantwortung, Zuverlässigkeit, Respekt oder Loyalität sollen nach innen gelten und gegenüber Geschäftspartnern. Zugleich werden Entscheidungen dort getroffen, wo die Kompetenz liegt. Netzwerken ist damit nicht allein Sache des Inhabers. Wer bei OCTA das Netzwerken lebe? „Jeder und alle, die dazu Lust haben“, sagt Sommer.
Der Campus der drei Handwerksbetriebe ist damit noch nicht gebaut. Ob eine Finanzierung zustande kommt, wird sich zeigen. Doch schon der Weg dorthin signalisiert: Netzwerken hilft. Es verkürzt Wege, schafft Vertrauen und macht aus geschäftlichen Vorgängen „Menschen mit einem Gesicht und einem Unternehmen dahinter“.