Netzwerke entfalten ihre Wirkung am stärksten, wo Menschen Erfahrungen teilen, Unsicherheiten aussprechen und gemeinsam an konkreten Lösungen arbeiten. In Zeiten des Wandels sind sie besonders wertvoll, weil sie Orientierung bieten.
DATEV-COO Julia Bangerth erklärt, warum gute Netzwerke Beständigkeit benötigen, weshalb Vertrauen wichtiger ist als Reichweite und wie man auch in digitalen Netzwerken einen tiefgründigen Austausch erleben kann.
Text: Dietmar Zeilinger Fotos: Hendrik Schmahl
DATEV magazin: Frau Bangerth, DATEV begleitet ihre Mitglieder auf dem Weg in die Cloud. Welche Rolle spielen Netzwerke dabei?
Julia Bangerth: Netzwerke sind in einer solchen Veränderung wichtige Resonanzräume. Der Weg in die Cloud betrifft nicht nur die Technik, sondern vor allem auch den Arbeitsalltag in den Kanzleien. Unsere Mitglieder wollen einordnen können, was sich verändert, warum das geschieht und was es für sie konkret bedeutet. Das gelingt besser, wenn Kanzleien, DATEV und die Partner miteinander sprechen und die unterschiedlichen Fachperspektiven beleuchten. Dann wird aus Veränderung etwas Greifbares. Welche Schritte funktionieren bereits? Wo entstehen Reibungen? Was hilft anderen, weiterzukommen?
Viele Kanzleien stehen vor ähnlichen Fragen, trotzdem sprechen sie untereinander eher wenig darüber. Wie kommt das?
Der Kanzleialltag ist eng getaktet. Fristen, Mandanten, Personal und die Weiterentwicklung der eigenen Organisation laufen gleichzeitig. Und echter Austausch braucht Vertrauen. Es geht oft nicht nur um Fachfragen, sondern um Führung, Wirtschaftlichkeit, Mandantenbeziehungen oder um Punkte, an denen der eigene Veränderungsprozess noch nicht rund läuft. Darüber spricht man nicht beiläufig offen. Vernetzung wird leichter, wenn sie nah an konkreten Situationen bleibt. Wenn nicht allgemein über Veränderung gesprochen wird, sondern über greifbare Fragen.
Welche Formate eignen sich dafür besonders?
Es gibt nicht das eine richtige Format. Persönliche Begegnungen haben eine eigene Qualität, weil durch sie Vertrauen schneller entsteht. Das ist besonders wichtig, wenn Unsicherheit im Raum steht oder Widerspruch nötig ist. Digitale Plattformen und Communities haben andere Stärken. Sie machen zum Beispiel viele Perspektiven sichtbar. Auf LinkedIn erhalte ich Rückmeldungen von Menschen mit verschiedenen Rollen aus unterschiedlichen Branchen und Organisationen. Besonders wirksam finde ich thematische Netzwerke, wenn sie offen bleiben. Cloud oder KI sind eben nicht nur technische Fragen. Sie betreffen Prozesse, Führung, Lernen, Kommunikation und Kultur.
"Tragfähig werden Verbindungen, wenn Menschen einander zuhören, Erfahrungen teilen und auch ansprechbar bleiben, wenn gerade kein direkter Vorteil entsteht."
Julia Bangerth verantwortet bei DATEV unter anderem die Steuerung des Produkt- & Lösungsportfolios, zentrale Transformations- & Steuerungsthemen, das AI-Office, sowie den Personalbereich.
Wie kann DATEV Netzwerke schaffen, ohne den Kanzleien zusätzliche Arbeit zu machen?
Indem wir sie konsequent aus dem Alltag der Mitglieder denken. Ein Austauschformat allein stiftet noch keinen Nutzen. Der entsteht erst, wenn eine Kanzlei daraus etwas mitnimmt, das ihr bei einer konkreten Frage hilft. Räume dafür gibt es bereits, etwa den Neumitglieder Club, die grünen Tische, die Gremienarbeit, den Vertreterrat oder die DATEV Community. Ein gutes Beispiel ist auch das DATEV DigiCamp. Dort bringen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Themen selbst ein. So bleibt der Austausch näher an der Praxis und ist oft ehrlicher, weil nicht nur bereits fertige Antworten präsentiert werden.
Welche Rolle spielen Netzwerke speziell für Frauen heute?
Sie bleiben wichtig, weil berufliche Zugänge historisch nicht für alle gleich selbstverständlich waren. Viele Netzwerke sind in Strukturen entstanden, in denen Männer sichtbarer waren und informelle Räume stärker geprägt haben. Das wirkt nach. Frauennetzwerke sind stark, wenn sie konkrete Unterstützung ermöglichen, also Erfahrungsaustausch, Sichtbarkeit und Ermutigung. Gleichzeitig halte ich vielfältige Netzwerke für sehr wertvoll. Unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven machen Gespräche besser. Am wirksamsten wird Netzwerken dort, wo solche Perspektiven anschließend in gemeinsame Räume hineinwirken.
Worin unterscheidet sich echtes Netzwerken vom bloßen Sammeln von Kontakten?
Kontakte allein sind noch kein Netzwerk. Tragfähig werden Verbindungen, wenn Menschen einander zuhören, Erfahrungen teilen und auch dann ansprechbar bleiben, wenn gerade kein direkter Vorteil entsteht. Für Führungskräfte kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu: Sie sollten nicht nur selbst Zugang suchen, sondern auch Zugänge für andere öffnen. Also Menschen miteinander ins Gespräch bringen, Perspektiven sichtbar machen und Empfehlungen aussprechen.
Der Austausch über LinkedIn gilt vielen als zu oberflächlich. Wie erleben Sie das?
Die Kritik kann ich nachvollziehen, vor allem, wenn Beiträge stark auf Reichweite oder Selbstinszenierung zielen. Gleichzeitig können dort echte Konversationen entstehen, wenn Inhalte aus einer glaubwürdigen Haltung heraus geteilt werden. Für viele Kanzleien ist Sichtbarkeit inzwischen ein wichtiger Teil ihrer Zukunftsfähigkeit, etwa mit Blick auf Arbeitgeberattraktivität und Fachkräfte. Auch DATEV wird nicht nur über die Marke wahrgenommen, sondern auch über Menschen, die Einblicke geben. Sie teilen ihre fachliche Perspektiven und machen DATEV damit nahbar. Deshalb sind unsere DATEV-Botschafterinnen und -Botschafter auch so wertvoll.
Was können Kanzleien voneinander lernen, wenn ein Austausch gelingt?
Kanzleien sprechen eine gemeinsame Sprache, gehen aber unterschiedlich mit ähnlichen Herausforderungen um. Eine Lösung lässt sich selten eins zu eins übertragen, sie kann aber helfen, die eigene Lösung zu finden. Besonders wichtig ist gemeinsames Lernen bei Themen wie Cloud, digitalen Prozessen, KI, neuen Formen der Zusammenarbeit sowie der Frage, wie man Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gut durch Veränderungen begleitet. Der größte Nutzen entsteht oft nicht aus Erfolgsgeschichten, sondern aus ehrlichen Gesprächen über Widerstände, Umwege und offene Fragen.
Welchen Rat geben Sie jungen Führungskräften oder Kanzleiinhaberinnen und -inhabern?
Netzwerken sollte man nicht als Methode betrachten. Es beginnt mit dem Interesse an Menschen und ihren Erfahrungen. Wer zuhört, gute Fragen stellt und verlässlich bleibt, baut mit der Zeit Beziehungen auf, die tragen. Vermeiden würde ich Netzwerke, die nur kurzfristig gedacht sind. Menschen merken, ob ein Kontakt vor allem Mittel zum Zweck ist. Ein gutes Netzwerk darf auch irritieren, weil es Perspektiven einbringt, auf die man allein nicht gekommen wäre. Für mich gehört dazu vor allem, Wissen zu teilen, andere Menschen sichtbar zu machen und Verbindungen zu ermöglichen.