Von Constanze Elter
Der Morgen beginnt nicht mit dem ersten Auftrag, sondern mit Signalen: Auf dem Bildschirm füllt sich das E‑Mail‑Postfach, im Chat tauchen neue Hinweise auf. Parallel trudeln Updates ein, dazu interne Nachrichten, Kundenanfragen und Systemhinweise. Optisches Rauschen, akustische Pings – ein Dauerreiz für Augen und Ohren. Aktuelle Studien zeigen: Im Durchschnitt unterbricht alle zwei Minuten ein Meeting, eine E‑Mail oder eine Benachrichtigung – rund 275‑mal pro Tag.
Was auf den ersten Blick wie Kommunikation aussieht, stellt sich bei genauerer Betrachtung als relevanter Belastungsfaktor heraus; eine Arbeitsbelastung, die nach Einschätzung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin Konzentration und Gesundheit beeinträchtigen kann.
Der Blick aufs Postfach wird zur Daueraufgabe. Berater Thomas Lang aus dem oberfränkischen Selb beschreibt die Lage nüchtern – Überforderung nennt er es bewusst nicht: „Angst ist aus meiner Sicht nicht das richtige Wort. Respekt und Bewusstsein trifft es besser.“ Er beschäftigt sich seit einigen Jahren sehr intensiv mit dem Thema Künstliche Intelligenz, weshalb er unzählige Newsletter, YouTube‑Kanäle, Podcasts und andere Medien beobachtet: „Man hat ständig das Gefühl, nie alle Informationen und damit Grundlagen für eine Entscheidung zu haben. Diese Unsicherheit ist bedrückend und belastend zugleich.“ Die Suche nach immer weiteren Informationen gleicht für ihn einer Flut, „wo das Wasser allmählich ansteigt und man irgendwann merkt, wie hoch das Wasser tatsächlich ist.“
Warum Überlastung kein persönliches Versagen ist
Was im Alltag wie bloßes Rauschen wirkt, folgt festen Gesetzmäßigkeiten in unserem Gehirn. Es muss filtern, kann nicht alles parallel verarbeiten. „Wir sind nicht dafür gemacht, so viele Informationsströme gleichzeitig zu überwachen“, sagt Prof. Dr. Nicolas Rohleder, Leiter des Instituts für Gesundheitspsychologie der Universität Erlangen-Nürnberg. „Das kostet unglaublich viel Energie, diese Filterung zu betreiben.“
Ein Alltagsbeispiel zeigt, wie sensibel diese Mechanismen greifen; das so genannte Cocktailparty‑Phänomen macht das sichtbar: Selbst wenn wir uns konzentrieren, lauschen unsere Sinne im Hintergrund mit und bleiben auf Empfang. Fällt ein ungewohntes Geräusch auf oder hört man den eigenen Namen, lenkt das Gehirn die Aufmerksamkeit sofort weg von dem, was wir gerade tun – eine alte Schutzreaktion, die uns einst vor Gefahr bewahrte, uns heute aber, gleich, wo wir sind, den Fokus raubt und eine Quelle ständiger Ablenkung ist.
Dieses unbewusste Scannen entlastet nicht, es kostet Energie. Wer dauerhaft filtert, ermüdet schneller, die Genauigkeit nimmt ab, Fehler werden wahrscheinlicher. Aktuelle Untersuchungen zum gleichzeitigen Bearbeiten mehrerer Aufgaben und zu häufigen Unterbrechungen zeigen genau diese Effekte: verlängerte Reaktionszeiten, höherekognitive Belastung, sinkende Präzision.
Kommt Stress hinzu, schaltet der Körper in den Alarmmodus – eine Abfolge körperlicher Reaktionen, die Puls und Blutdruck steigen lässt und schließlich das Stresshormon Cortisol aktiviert. Dauerhaft erhöht, kann es die Gesundheit beeinträchtigen. Aus arbeitsmedizinischer Sicht erhöht eine solche Dauerlage das Risiko für Erschöpfung und andere Beschwerden – nicht in jedem Einzelfall, aber als statistische Tendenz, die ernst zu nehmen ist, erläutert
Nicolas Rohleder. Die psychologische Forschung im Kontext von digitalem Stress am Arbeitsplatz zeigt: Informationsüberlastung und die Angst, etwas zu verpassen, gehen mit höherem Erschöpfungsrisiko und schlechterem Wohlbefinden einher.
Wichtig sei jedoch die Einordnung, dass dies kein persönlicher Charakterfehler ist. „Akzeptieren, dass man bestimmte menschliche Eigenschaften hat und manches einfach gar nicht kann“, so Rohleder, sei ein vernünftiger Ausgangspunkt – weg vom Selbstvorwurf zu strukturierten Lösungen.
Psychologische Mechanik und Kultur: Was hilft im Alltag?
Hilfreich ist nicht, immer mehr zu schaffen, sondern anders mit Reizen umzugehen und sie zu ordnen. Nach konzentrierten Phasen kleine Pausen einlegen, jede Arbeitseinheit und jeden Fall mit einem bewussten Moment
der Sammlung beginnen – etwa mit tiefem Durchatmen und dem klaren Gedanken „Was steht jetzt an?“. So schließt sich eine Art innere Tür zwischen Außenwelt und Aufgabe; das Gehirn kann sortieren.
Ein zweiter Hebel liegt in der Kultur: dem Entlernen des ständigen Informationskicks. „Eigentlich ist das Hauptproblem die Informationssucht, die wir haben“, sagt Gesundheitspsychologe Rohleder. Der ständige Griff zum Handy, das Bedürfnis, sofort zu reagieren, die Gewohnheit, immer noch eine Nachricht zu prüfen: All das lässt sich nicht über Nacht abstellen. Aber man kann sie unterbrechen – mit klaren Regeln, wann Kanäle offen sind und wann nicht.
Gegen das Verzetteln hilft Thomas Lang ein einfaches Prinzip: „Meine Frage lautet: Gibt es Perfektion wirklich? Aus meiner Erfahrung lähmt das Streben danach – in meinen Worten: ‚Perfektion = Zeitlupe‘.“ Er verweist auf das Pareto-Prinzip, das ihm im Alltag Orientierung gibt: „Oft sind 20 Prozent der Inputs für 80 Prozent des Ergebnisses verantwortlich. Anders gesagt: 20 Prozent der Kunden machen 80 Prozent des Umsatzes oder 20 Prozent der Kunden sind für 80 Prozent des Ärgers verantwortlich. Das Wesentlichkeitsprinzip ist mir in Fleisch und Blut übergegangen. Ich prüfe automatisch, welche Relevanz ein Sachverhalt wirklich hat.“ Das, sagt er, helfe enorm, Grenzen zu ziehen.
Ströme ordnen, Verantwortung klären
Ordnung entsteht, wenn Informationen einem festen Weg folgen,vom Eingang über die Bewertung bis zur Bearbeitung.
Auch die digitale Ordnung folgt dieser Logik: so wenig Kanäle wie möglich, so viel Standard wie nötig. Ein kleines Beispiel mit großer Wirkung ist die Stifteingabe in digitalen Arbeitspapieren: Notizen entstehen dort, wo sie gebraucht werden; das Einscannen entfällt. Das spart Handgriffe – und Aufmerksamkeit. Thomas Lang: „Microsoft OneNote ist seit 2019 ein fester Bestandteil unserer Arbeit. Das Einscannen handschriftlicher Notizen ist für mich ein überflüssiger Arbeitsschritt.“ Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin empfiehlt genau solche Maßnahmen: Informationsflüsse auf Organisationsebene gestalten, statt nur individuelles Verhalten zu verändern.
Transformation und Nutzen: Wenn die Kanäle stiller werden
Wo Kommunikationsströme geordnet sind und bewusst gesteuert werden, steigt die Zufriedenheit. Beschäftigte berichten in Studien über mehr Gelassenheit und weniger Erschöpfung, wenn die Zahl der Unterbrechungen sinkt. Umgekehrt führen digitale Dauerreize und die Angst, etwas zu verpassen, zu Erschöpfung und schlechterer psychischer Gesundheit.
Wenn Augen und Ohren weniger Alarme abwehren müssen, bleibt Raum für das Wesentliche und mehr Kapazität für das, was zählt: den fachlichen Blick. Informationsflüsse lassen sich nicht abstellen, aber sie lassen sich lenken. Entscheidend ist eine Haltung, die Druck nimmt: akzeptieren, dass Entscheidungen nie auf vollständiger Informationslage getroffen werden, und dennoch verantwortlich handeln.
Thomas Lang bringt es auf den Punkt: „Zu dem Zeitpunkt, in dem man eine Entscheidung trifft, ist sie aus der eigenen Sicht richtig. Wenn sie sich später als ‚falsch‘ erweist, nehme ich das als Erfahrung an und leite Maßnahmen ein. Entscheidungen führen zu Erfahrungen. Je mehr Entscheidungen ich treffe, desto mehr Erfahrungen sammle ich – und desto besser werden meine Entscheidungen.“
Auch die Forschung spricht sich für mehr Ruhe in den Kanälen aus: Ständiges Umschalten und das permanente „Mithören“ im Hintergrund kosten spürbar Energie. Wer Reize bewusst filtert, schützt Energie und Gesundheit. Der kompetente Umgang mit Information, sagt Professor Rohleder, werde zur „Schlüsselkompetenz unsererZeit“: „ich denke 100 Prozent ja.“
Also weg vom Reiz‑Reflex, hin zur souveränen Auswahl. Risiken und Unwägbarkeiten werden offen angesprochen, Prioritäten geklärt, Entscheidungen getragen. „Das Wichtigste ist, dass jeder seinen Weg findet“, sagt Thomas Lang. „Lieber früher als zu spät loslegen – und offen sagen, wenn eine Entscheidung angepasst werden sollte. Ein gutes Motto: Erfolg ist Tun.“
So entsteht das, was in einer überlauten Informationswelt zählt: klare Wahrnehmung, verlässliche Entscheidungen – und ein kühler Kopf.