Reden Prof. Dr. Robert Mayr und Prof. Dr. Christian Bär

anlässlich der DATEV-Jahrespressekonferenz 2026

Nürnberg, 17. Juli 2026

(es gilt das gesprochene Wort)

Prof. Dr. Robert Mayr, Chief Executive Officer, DATEV eG

Guten Morgen und herzlich willkommen zur DATEV-Jahrespressekonferenz 2026!

2026 ist für DATEV ein besonderes Jahr: Unsere Genossenschaft ist 60 Jahre alt geworden. Was 1966 mit der Idee begann, den steuerberatenden Berufsstand durch elektronische Datenverarbeitung zu entlasten, hat sich über sechs Jahrzehnte zu einem starken digitalen Ökosystem für Kanzleien und Unternehmen entwickelt. Aus Großrechnern, die sich einzelne Kanzleien allein nicht hätten leisten können, wurde Schritt für Schritt ein umfassendes Angebot an Anwendungen, Services und Plattformen. Damit prägen wir heute die digitale Zusammenarbeit zwischen unseren 40.000 Mitgliedern und ihren Mandanten, den vorwiegend kleinen und mittelständischen Unternehmen. 

Über all die Jahre ist der Kern derselbe und unser Anspruch unverändert geblieben: Wir bieten seit jeher Lösungen für die Herausforderungen unserer Mitglieder, um sie in ihrer täglichen Arbeit zu entlasten und ihnen mit digitalen Prozessen dabei zu helfen, den Wandel aktiv zu gestalten. Und dass dieser Weg richtig ist, zeigt auch unsere aktuelle Entwicklung – denn inzwischen vertrauen über eine Million Kundinnen und Kunden auf unsere Lösungen. Diese Marke konnten wir im Laufe des Juni knacken – sie ist für uns Bestätigung und Ansporn zugleich. Und diese Zahl steht nicht nur für Reichweite. Sie steht vor allem für Vertrauen. Vertrauen in die Leistungsfähigkeit unserer Lösungen, in die Sicherheit unserer Infrastruktur und in unser genossenschaftliches Versprechen, den Berufsstand und den Mittelstand dauerhaft zu unterstützen.

Dieses Vertrauen verpflichtet uns. So werden wir auch nicht müde, den Finger zu heben, wenn sich Entwicklungen abzeichnen, die sich negativ auf den Mittelstand auswirken können. Vor Kurzem hat sich die Regierungskoalition auf Eckpunkte einer Reform der Einkommensteuer geeinigt. Für die sogenannte Reichensteuer ist hier eine Erhöhung oder eine Absenkung der Einstiegsschwelle im Gespräch. Dabei darf nicht vergessen werden, dass Personengesellschaften und Einzelunternehmen etwa 73 Prozent der Unternehmen in Deutschland ausmachen. Viele davon würde eine solche Mehrbelastung treffen, denn ihre Unternehmensteuer ist die Einkommensteuer. Anhebungen bei der Einkommensteuer wirken sich also unmittelbar auf den Mittelstand aus. Für die Betriebe wird dann der Spielraum für die dringend notwendigen privatwirtschaftlichen Investitionen weiter eingeengt. In einer Situation, die für den Mittelstand sowieso extrem belastend ist, wäre das ein zusätzlicher Stolperstein. Für 2025 mussten wir feststellen, dass die Zahl der Insolvenzen einen neuen Höchststand erreicht hat. Daran, diesen Rekord noch zu übertreffen, kann niemandem gelegen sein. Doch auf die Lage des Mittelstandes werde ich an späterer Stelle noch genauer eingehen. 

Zunächst möchte ich Ihnen nun aber unsere aktuellen Geschäftszahlen aus dem ersten Halbjahr 2026 vorstellen. Wie in den Vorjahren konnte DATEV den Umsatz von Januar bis Juni erneut steigern auf 881,0 Millionen Euro. Getragen wurde diese Entwicklung vor allem durch Zuwächse in den Produktgruppen Rechnungswesen, Personalwirtschaft und IT-Management. Dafür beschäftigte DATEV zum 30. Juni 9.015 Mitarbeitende. Die Zahl der Mitglieder lag zum selben Stichtag bei 40.176. Wie eingangs schon erwähnt, ist die Kundenbasis stark angestiegen, auf mittlerweile über 1,01 Millionen Kundinnen und Kunden. Dies entspricht allein in den ersten sechs Monaten des Jahres einem Wachstum von 8,86 Prozent.

Auch bei unseren Cloud-Lösungen sehen wir eine sehr positive Entwicklung – etwa bei DATEV Unternehmen online, einem seit Jahren etablierten Angebot. Das browserbasierte Anwendungspaket wird mittlerweile von mehr als 830.000 Nutzerinnen und Nutzern eingesetzt. Über die DATEV-Cloud tauschen sie Belege von über 1,8 Millionen Unternehmen digital mit ihren steuerlichen Beraterinnen und Beratern aus. Diese Zahlen zeigen, dass DATEV wirtschaftlich sehr solide aufgestellt ist und den eingeschlagenen Weg auch unter anspruchsvollen Rahmenbedingungen fortsetzen kann. 

Die entscheidende Frage ist aber nicht, wie DATEV heute dasteht. Die entscheidende Frage ist, wie wir unsere Mitglieder und Kunden so unterstützen, dass sie auch morgen und übermorgen erfolgreich arbeiten können. Und damit sind wir bei einem der zentralen strategischen Themen unserer Genossenschaft: der konsequenten Weiterentwicklung unseres Produktportfolios in die Cloud.

Sie ist die technologische Grundlage dafür, wie Kanzleien, Unternehmen und DATEV künftig zusammenarbeiten werden. Denn die Rahmenbedingungen für Kanzleien werden nicht einfacher. Der Fachkräftemangel bleibt eine große Belastung, zudem steigen die Anforderungen durch immer neue Regulierungen, neue gesetzliche Vorgaben und kürzere Reaktionszeiten. Wer heute ein Unternehmen führt, erwartet von seiner Steuerberatung nicht nur korrekte Zahlen, sondern aktuelle Informationen, schnelle Abstimmung und Beratung auf Basis verlässlicher Daten. Denn gerade die Beratung ist für einen sich im Wandel befindlichen Berufsstand der wesentliche Treiber für ein zukunftsfähiges Geschäftsmodell der Steuerberatung.

Die Cloud ist dafür der entscheidende Hebel. Sie ermöglicht, dass alle Beteiligten auf einer gemeinsamen Datenbasis arbeiten. Mit durchgängigen, medienbruchfreien Prozessen, Automatisierungspotenzialen und dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Und sie sorgt dafür, dass Anwendungen nicht mehr isoliert nebeneinanderstehen, sondern Schritt für Schritt zu einem integrierten digitalen Arbeitsumfeld zusammenwachsen. Wir wollen also nicht nur Produkte modernisieren. Wir wollen End-to-End-Arbeitsabläufe vereinfachen.

Mit dem Portal MyDATEV steht unseren Mitgliedern bereits ein zentraler Einstiegspunkt zur Verfügung, denn dort wird der Zugriff auf alle DATEV-Cloud-Anwendungen an einer Stelle gebündelt. Und wir bleiben bei der Umstellung unseres Produktportfolios in die Cloud weiter auf dem Gaspedal. Ein wichtiger Meilenstein ist dabei DATEV Kanzleimanagement, eine unserer Kernanwendungen, die in Kürze in der Cloud verfügbar ist. Die ersten Umstellungen finden noch dieses Jahr statt. Damit werden Kanzleien dabei unterstützt, ihre internen Abläufe effizient und auftragsbasiert zu steuern – von der Mandatsanbahnung über die Organisation der Leistungserstellung bis hin zur Rechnungsstellung mit begleitendem Controlling. Unser Ziel ist klar: Wir wollen den Weg für unsere Mitglieder so planbar und beherrschbar wie möglich machen – mit klaren Schritten, verständlichen Angeboten und einer engen Begleitung. 

Gleichzeitig führt die Cloud uns aber zu einer Frage, die weit über einzelne Produkte und auch über den Berufsstand hinausreicht: Wer bestimmt künftig eigentlich über die digitalen Grundlagen unserer Wirtschaft? Und damit sind wir beim Thema digitale Souveränität. Gerade angesichts wachsender geopolitischer Spannungen und Unsicherheiten rückte die Frage danach zuletzt immer mehr in den Vordergrund. Unternehmen müssen darauf vertrauen können, dass ihre Daten geschützt sind, dass Dienste verfügbar bleiben und dass sie nicht in Abhängigkeiten geraten, die ihre Handlungsfähigkeit einschränken.

Wie wir bei DATEV konkret damit umgehen, erklärt Ihnen nun unser Experte, mein Vorstandskollege und CTO von DATEV, Prof. Dr. Christian Bär. 

Prof. Dr. Christian Bär, Chief Technology Officer, DATEV eG

Vielen Dank, Robert, und auch von mir ein herzliches Willkommen zu unserer heutigen Jahrespressekonferenz.

Ja, das Thema digitale Souveränität ist für DATEV essenziell. Schließlich liegt die Zukunft unserer Software in der Cloud – und dieser Markt wird von großen US-Anbietern dominiert. Dabei sind nicht die Cloud selbst oder deren technische Basis das Risiko, sondern der mögliche Verlust der Hoheit über die gespeicherten Daten. Wir müssen einer wachsenden strukturellen Abhängigkeit ins Auge sehen: Digitale Infrastrukturen sind heute Teil globaler Wertschöpfungsketten – und werden damit von politischen Dynamiken und Krisen beeinflusst.

Die entscheidende Frage für uns als Dienstleister und als Genossenschaft für den steuerberatenden Berufsstand lautet deshalb: Wer kontrolliert diese Daten? Gerade für unsere Mitglieder – Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und Rechtsanwälte – ist diese Frage nicht nur eine abstrakte Überlegung. Sie berührt Kernelemente ihres Berufs wie Vertraulichkeit, Verfügbarkeit und Verlässlichkeit. 

Wichtig ist also, wie wir die Bedingungen gestalten, unter denen die Cloud genutzt wird. DATEV hat sich hier für eine klare Strategie entschieden und betreibt eigene, unabhängige Cloud-native Rechenzentren. Elementar ist für uns dabei das eindeutige Bekenntnis zum Standort Deutschland und zur Metropolregion Nürnberg. Wie seit nahezu 60 Jahren werden wir auch im Cloud-Zeitalter unsere eigenen Rechenzentren unterhalten, die von unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern betrieben werden. Mit dieser Standortstrategie unserer Rechenzentren sorgen wir für eine Balance aus Steuerbarkeit, Sicherheit und Zukunftsfähigkeit.

Wie genau tun wir das? Nun, im Kern umfasst digitale Souveränität drei Teilaspekte: technologische Souveränität, operative Souveränität und Datensouveränität. In diesem Dreiklang ergreifen wir eine Reihe von Maßnahmen, um so selbstbestimmt wir möglich bleiben zu können. Und was heißt das? Um für unsere Mitglieder und Kunden mit Cloud-Software die bestmögliche Unterstützung bieten zu können, setzen wir auf etablierte Cloudtechnologien. Sie schaffen die Grundlage für Skalierbarkeit, Flexibilität und schnelle Innovation. Deshalb integrieren wir sie gezielt in unsere Architektur – dort, wo sie einen echten Mehrwert bieten und unseren hohen Anforderungen an Sicherheit, Qualität und Verlässlichkeit entsprechen. 

Im Bereich Datensouveränität machen wir keine Kompromisse: Sensible Daten werden dauerhaft bei DATEV gespeichert. Gleichzeitig bleibt die Öffnung in die Public Cloud in einigen Bereichen notwendig, um Innovation und Skalierung zu ermöglichen. Aber immer dann, wenn wir in den Prozessen auf Dienste aus der Public Cloud zurückgreifen, sind stets umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen wie Anonymisierung, Verschlüsselung und Kryptografie aktiv im Einsatz, um die Daten zu schützen.

In Sachen operative Souveränität reduzieren wir Abhängigkeiten wo immer möglich und machen sie gezielt steuerbar. Konkret setzen wir dafür auf offene Standards (APIs) und flexible technische Lösungen und Strategien, die uns im Zweifelsfall einen Wechsel zu anderen Anbietern ermöglichen. Wir legen hierbei großen Wert auf Wahlfreiheit, Steuerbarkeit, und Resilienz. In allen technischen Bereichen prüfen wir regelmäßig, ob es europäische Alternativen und Open-Source-Komponenten gibt. So nutzen wir beispielsweise die Open-Source-Plattform Kubernetes für die Verwaltung unserer Cloud-Lösungen und setzen dabei auf mehrere Anbieter. Auf Basis all dieser Maßnahmen sind wir bei Markt- oder Technologieveränderungen in der Lage, einzelne Komponenten anzupassen.

Natürlich gibt es bei diesen Bemühungen auch Grenzen. Die liegen vor allem im Bereich der Technologie. Abhängigkeiten von Lieferketten, Sicherheitsupdates, Chips, Servern und internationalen Softwarekomponenten lassen sich nicht komplett vermeiden, da oft Alternativen fehlen. Die Angebote von Open-Source-Initiativen, staatlich geförderten europäischen Plattformen und spezialisierten Anbietern sind heute häufig noch teurer oder funktional nicht in Gänze vergleichbar – sofern es sie überhaupt gibt. Deshalb ist vollständige technologische Souveränität derzeit weder durch Open-Source-Modelle noch durch europäische Datenhaltung oder Rechenzentren auf europäischem Boden erreichbar. Digitale Souveränität bedeutet für DATEV damit vor allem: Entscheidungen selbst gestalten zu können – und auch unter veränderten Rahmenbedingungen handlungsfähig zu bleiben. 

Kommen wir nun zu einem weiteren Technologiethema, das gerade dafür sorgt, dass ganze Prozesslandschaften umgestaltet werden: Künstliche Intelligenz. Auch hier gilt: Die Technologien, die enorme Effizienzpotenziale bei den Nutzerinnen und Nutzern freisetzen können, bergen auch die ein oder andere Problemstellung. Doch dass DATEV auch mit disruptiven Entwicklungen umgehen kann, haben wir in den vergangenen 60 Jahren immer wieder unter Beweis gestellt. Unser Anspruch als Genossenschaft ist es, auch hier die Risiken zu erkennen, zu bewerten und für unsere Kunden zu minimieren.

Natürlich ist Künstliche Intelligenz auch innerhalb des Unternehmens DATEV inzwischen ein wichtiges Arbeitsmittel. Dabei möchte ich ein zentrales Feld herausgreifen: KI ist bei uns bereits heute ein fester Bestandteil moderner Softwareentwicklung – nicht Zukunftsvision, sondern gelebte Praxis. Wir nutzen die Möglichkeiten von KI dabei flächendeckend und konsequent, aber kontrolliert. Ziel ist es, Geschwindigkeit, Qualität und Innovationsfähigkeit zu steigern. Zentrale Elemente sind für uns immer Sicherheit, Datenschutz, fachliche Verantwortung und menschliche Kontrolle. 

Wir setzen KI entlang der gesamten Prozesskette der Softwareentwicklung ein: Von der Durchführung einzelner Entwicklungsschritte mit KI (etwa bei Konzepten), Coding, Reviews, Tests, Dokumentation, Analysen und Modernisierung der Codebasis – bis hin zu komplett agentischem Arbeiten. Das bedeutet, dass KI-Systeme nicht mehr nur einzelne Vorschläge machen, sondern Entwicklerinnen und Entwickler aktiv über mehrere Schritte eines Workflows hinweg unterstützen können. Beispiele dafür sind Analyse, Testgenerierung und Dokumentation. Auch dabei bleibt der Mensch steuernd und kontrollierend eingebunden. KI agiert als Assistenz- und Unterstützungssystem und ist keinesfalls Ersatz. Entwicklerinnen und Entwickler bleiben verantwortlich für Architektur, Qualität, Sicherheit und fachliche Entscheidungen. 

KI wird bei DATEV nicht isoliert genutzt, sondern gezielt in bestehende Qualitäts-, Sicherheits- und Entwicklungsprozesse integriert. Wir setzen auf klare Leitplanken, menschliche Reviews, automatisierte Qualitäts- und Sicherheitsprüfungen sowie Governance-Mechanismen entlang des Entwicklungsprozesses. Extrem wichtig ist uns dabei Flexibilität. Deshalb standardisieren wir nicht vorschnell einen starren Einheitsprozess, sondern schaffen gemeinsame Plattformen, Regeln und wiederverwendbare Fähigkeiten. So können Teams flexibel arbeiten und gleichzeitig auf gemeinsame Qualitäts- und Sicherheitsstandards aufbauen. Wir schaffen bewusst Raum zum Lernen und Experimentieren, skalieren jedoch nur Lösungen, die sich in Qualität, Sicherheit und Nutzen bewähren.

Dass wir mit unserem Ansatz richtig aufgestellt sind, zeigen die Ergebnisse. Bereits heute verzeichnen wir deutliche Beschleunigungseffekte, beispielsweise beim Coden, Testen oder dem Anforderungsmanagement. Gleichzeitig verbessert KI die Wiederverwendbarkeit von Wissen, reduziert Routineaufgaben und unterstützt Teams dabei, noch schneller zu qualitativ hochwertigen Ergebnissen zu kommen. In einzelnen Szenarien konnte der Zeitraum zur Fertigstellung eines Features signifikant reduziert werden.

Und für unsere Kunden gilt: Sie sollen KI einfach anwenden können, ohne selbst erst zu Experten zu werden. Wir reduzieren Komplexität für die Anwender und geben ihnen Sicherheit. Neben unserem dezidierten KI-Angebot mit Lösungen wie den Automatisierungsservices im Rechnungswesen, dem Liquiditätsmonitor online, dem Einspruchsgenerator oder dem DATEV Copilot werden wir KI in allen unseren Anwendungen überall dort einfach verfügbar machen, wo sie einen Nutzen stiften kann. Wir nennen diesen Ansatz „AI-integrated“. So sorgen wir dafür, dass unsere Kunden – sowohl aus dem steuerberatenden Berufsstand als auch die mittelständischen Unternehmen – wettbewerbsfähig bleiben, an Produktivitätsvorteilen teilhaben oder an neuen Geschäftsmodellen partizipieren bzw. diese aktiv entwickeln können.

Und damit übergebe ich wieder an Robert Mayr, der Ihnen nun erläutern wird, wie sich das Thema KI-Nutzung bei unseren Mitgliedern und Kunden entwickelt.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

 

Prof. Dr. Robert Mayr, Chief Executive Officer, DATEV eG

Vielen Dank Christian. Wir haben gerade gehört: Künstliche Intelligenz ist für DATEV kein abstraktes Zukunftsthema und auch kein Experimentierfeld am Rand unseres Portfolios. KI ist bereits Bestandteil unserer Arbeit und unseres Angebots – in Form konkreter Lösungen, die effizient, sicher und in die Arbeitsprozesse unserer Mitglieder integriert sind. Denn der Nutzen von KI entsteht dort, wo sie im Alltag tatsächlich entlastet: bei wiederkehrenden Aufgaben, bei der Analyse großer Datenmengen, bei der Vorbereitung von Entscheidungen oder bei der schnelleren Orientierung in komplexen fachlichen Fragen.

Genau deshalb ist für uns nicht nur wichtig, welche KI-Lösungen wir bereitstellen. Genauso wichtig ist die Frage, wie diese Lösungen im Berufsstand ankommen. Nutzen Steuerberaterinnen und Steuerberater KI bereits regelmäßig? Wo sehen sie konkrete Mehrwerte? Und an welchen Stellen entstehen aus ersten Erfahrungen produktive Anwendungen für die tägliche Kanzleiarbeit?

Die Ergebnisse der DATEV Digitalisierungsumfrage aus dem Frühjahr 2026 zeigen: Die KI-Nutzung im Berufsstand nimmt spürbar Fahrt auf, denn im Vergleich zu 2025 wird KI signifikant häufiger genutzt. Insgesamt gab gut die Hälfte der Kanzleien an, KI bereits regelmäßig zu nutzen – im vergangenen Jahr war es noch ein knappes Drittel. Bei großen Kanzleien ist dieser Anteil sogar auf fast drei Viertel gestiegen, von gut der Hälfte im Vorjahr.

Neben KI ist auch die E-Rechnung ein zentraler Hebel für mehr Automatisierung in der Finanzbuchführung. Sie ersetzt papierbasierte, fehleranfällige, zeitaufwendige und teure Prozesse durch standardisierte digitale Abläufe: Rechnungen können direkt in Buchhaltungssysteme übernommen, geprüft und gebucht werden. Das reduziert Medienbrüche, beschleunigt Zahlungsprozesse, schafft Transparenz und erhöht die Prozesssicherheit. Davon profitieren Unternehmen ebenso wie der Staat. In Deutschland wird die E-Rechnungspflicht dennoch oft als zusätzliche Belastung für Unternehmen wahrgenommen, insbesondere für Kleinst-, kleinere und mittlere Unternehmen. Dabei lassen sich digitale Rechnungsdaten leichter prüfen und Unstimmigkeiten schneller erkennen. 

Zugleich ist die E-Rechnung die Voraussetzung für ein elektronisches Meldesystem, das Umsatzsteuerdaten zeitnah an die Finanzverwaltung übermittelt. Das System soll den Umsatzsteuerbetrug minimieren, wodurch höhere und stabilere Einnahmen möglich sind. Doch im ersten Schritt braucht es zunächst eine funktionierende E-Rechnung. Entscheidend ist dabei: Staat und Wirtschaft verfolgen hier kein Gegeneinander. Richtig umgesetzt, kann die E-Rechnung Aufwand reduzieren, Abläufe vereinfachen und den Geschäftsalltag spürbar entlasten. Internationale Beispiele etwa aus Italien oder Belgien zeigen, dass daraus eine schlanke und effiziente Interaktion zwischen Staat und Wirtschaft entstehen kann. Aber die Unternehmen profitieren auch bereits von den Vorteilen der E-Rechnung, bevor die Meldestufe umgesetzt ist.

Beim Aufkommen von E-Rechnungen sehen wir schon eine ordentliche Dynamik. Über DATEV-Systeme liefen alleine im ersten Halbjahr 2026 bereits mehr als 51 Millionen E-Rechnungen. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2025 verzeichneten wir gut 64 Millionen, sodass wir diese Marke in diesem Jahr weit übertreffen werden. Unsere erfreulichen Wachstumsraten dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das immer noch ein geringer Anteil am gesamten Rechnungsaufkommen ist. 

Wenn wir uns die Lage im Land insgesamt anschauen, müssen wir eine eher nüchterne Bilanz ziehen. Bei einem Großteil insbesondere der kleineren Mittelständler steht das Thema nach wie vor nicht im Fokus. Von vielen Steuerberaterinnen und Steuerberatern wissen wir, dass ihre Mandanten die Übergangsfrist ausreizen wollen. Immerhin: Bei großen und mittelgroßen Betrieben ist seit Mitte letzten Jahres Bewegung zu erkennen. Dort ist angekommen, dass sie komplexe Systeme umzustellen haben und dafür entsprechend Zeit eingeplant werden muss.

Und das ist wichtig, denn für Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als 800.000 Euro tickt die Uhr. Für sie wird die Ausstellung einer E-Rechnung ab dem 01. Januar 2027 verpflichtend. Daher ist es jetzt an der Zeit, zu handeln und sich auf digitale Rechnungsprozesse vorzubereiten, um noch rechtzeitig für die Zukunft gewappnet zu sein.

Die E-Rechnung zeigt, wie aus strukturierten Daten in digitalen Prozessen konkreter Nutzen entstehen kann. Daten unterstützen aber nicht nur, Prozesse effizienter zu machen. Sie kön-nen auch helfen, wirtschaftliche Entwicklungen besser zu verstehen. Gerade in einer Phase, in der viele mittelständische Unternehmen unter Druck stehen, brauchen wir ein möglichst aktuelles und belastbares Bild ihrer Lage – nicht erst mit monatelanger Verzögerung, sondern nah am wirtschaftlichen Geschehen.

Genau hier setzt der DATEV Mittelstandsindex an. Er macht jeden Monat aufs Neue sichtbar, wie sich Umsätze, Löhne und Beschäftigung im deutschen Mittelstand tatsächlich entwickeln – auf Basis realer Unternehmensdaten. Und das Bild ist derzeit nicht ermutigend: Wir sehen, dass der Start ins Jahr 2026 für die mittelständische Wirtschaft schwach ausgefallen ist und sich die Umsätze auch danach bislang sehr verhalten entwickelt haben. Damit setzt sich die nunmehr drei Jahre andauernde Umsatzschwäche im Mittelstand fort: seine Lage bleibt durch vielfältige Herausforderungen geprägt. Wo Kosten – insbesondere für Löhne und Gehälter – nach wie vor stärker steigen als Umsatzerlöse, lässt sich die Situation bestenfalls als Stillstand unter Druck beschreiben. 

Neben diesem regelmäßigen Blick auf die Gesamtentwicklung des Mittelstands können wir die Daten auch nutzen, um einzelne Themen genauer herauszugreifen. Mit dem aktuellen Spotlight „Beschäftigungsgruppen in KMU“ haben wir gezielt auf die Entwicklung unterschiedlicher Beschäftigungsgruppen in Kleinst-, kleinen und mittleren Unternehmen geblickt. Und hier zeigt sich eine insgesamt rückläufige Dynamik der Beschäftigungsentwicklung, mit der zugleich strukturelle Veränderungen innerhalb der Beschäftigung einhergehen. Zwar bleibt die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung die dominierende Form, jedoch gewinnen flexible und atypische Beschäftigungsformen wie Minijobs, kurzfristige Beschäftigungen oder Rentnerbeschäftigungen relativ an Bedeutung. 

Die gegenwärtigen Überlegungen zur Reform der Minijob-Regelungen könnten hier gegensteuernde Wirkung entfalten. Allerdings zeigen die Reaktionen aus verschiedenen Branchenverbänden, dass eine Einschränkung der Flexibilität, die Minijobs mit sich bringen, in manchem Gewerbe auch eine zusätzliche Verschärfung der ohnehin schwierigen Personalsituation bedeuten kann. Hier gilt es, sorgfältig abzuwägen. Wir werden die Entwicklung weiter im Blick behalten und in einem unserer zukünftigen DATEV Spotlights noch einmal genauer betrachten.

Ein interessanter Fakt in diesem Zusammenhang: Das Segment der Kleinstunternehmen baut bereits sozialversicherungspflichtige Beschäftigung auf. Das dürfte zum einen damit zusammenhängen, dass auf dem Arbeitsmarkt wieder mehr Menschen zur Verfügung stehen, zum anderen aber auch, dass für diese Unternehmen das „Investitionsrisiko“ in eine solche Stelle weniger hoch ist, weil hier beispielsweise ein weniger harter Kündigungsschutz besteht.

Was ebenfalls positiv hervorzuheben ist: Die zum Januar eingeführte Aktivrente entfaltet Wirkung. Während Rentnerinnen und Renter bei Kleinstunternehmen zwar an Bedeutung verlieren, nimmt ihre Beschäftigung bei kleinen und mittleren Unternehmen zu. Die Aktivrente zeigt somit insgesamt spürbare Beschäftigungseffekte, auch wenn sie je nach Unternehmensgröße unterschiedlich ausfallen. Insgesamt spricht vieles dafür, dass sich dieser Aufwärtstrend auch in den kommenden Monaten weiter fortsetzen wird. 

Damit ist die Aktivrente ein gutes Beispiel für eine effektive wirtschaftspolitische Entscheidung. Was die konkrete Umsetzung angeht, sei allerding eine kritische Anmerkung erlaubt: Als IT-Dienstleister stellte uns das Gesetz vor unnötige Herausforderungen. Denn es trat in Kraft, bevor die Auswirkungen komplett zu Ende gedacht waren. Lange fehlten noch Antworten des Gesetzgebers zu Detailfragen, beispielsweise wie in bestimmten Konstellationen der gewährte Freibetrag aufzuteilen ist oder wie Einmal- oder Sonderzahlungen zu berücksichtigen sind. Ohne diese Vorgaben war eine entsprechende Implementierung in den Lohnprogrammen nicht sinnvoll möglich. Bis die Regelungen dann endlich korrekt umgesetzt werden konnten, dauerte es ein Vierteljahr. Eine erste korrekte Berechnung der Bezüge von Aktivrentnerinnen und -rentnern war damit erst für die März-Gehälter möglich. Hier hat es der Gesetzgeber verpasst, frühzeitig die Weichen zu stellen – und nicht zum ersten Mal. 

Unternehmen und Kanzleien müssen gesetzliche Änderungen aber rechtzeitig einordnen und praxistauglich umsetzen können. Dafür sind klare Entscheidungen nötig, ebenso wie eine frühzeitige Einbeziehung der Wirtschaft, um praxistaugliche Lösungen und realistische Fristen und letztlich weniger kurzfristige Korrekturen zu produzieren. Die Politik muss vom Ankündigen in verlässliches Handeln kommen, damit wieder Planungssicherheit entsteht – und der Mittelstand seine Kraft auf Wachstum, Innovation und Beschäftigung richten kann. 

Gerade jetzt braucht der Mittelstand Verlässlichkeit und schlankere Strukturen. Zu viel Bürokratie bindet dagegen Zeit, Personal und Kapital – gerade in kleinen und mittleren Unternehmen, die ohnehin unter Kostendruck und unsicheren Rahmenbedingungen leiden. Da kommt es nicht von ungefähr, dass Überregulierung und Bürokratie an der Spitze der Problemfelder stehen, die Unternehmen in ihrem Erfolg beeinträchtigen. Das bestätigen uns unsere Mitglieder – steuerliche Berater, die die Situation ihrer Mandanten naturgemäß sehr gut kennen. In der aktuellen Befragung DATEV Seismograf sehen 83 Prozent der Beraterinnen und Berater ihre Mandanten davon betroffen. Wir brauchen also einfachere Verfahren, verständliche Regeln und digitale Prozesse, ohne zusätzliche Komplexität zu schaffen. Wenn der Mittelstand wieder in bessere Zeiten kommen soll, müssen wir ihn entlasten – schnell, konsequent und spürbar.

Umso wichtiger ist es, dass wir der Politik mit unserem DATEV Mittelstandsindex einen datenbasierten Blick in nahezu Echtzeit geben können. Die Datengrundlage stammt aus der täglichen Arbeit zehntausender Steuerberatungskanzleien. Diese Daten – selbstverständlich anonymisiert und aggregiert – fließen in ein Instrument, das über die Wirtschaft hinaus auch zur öffentlichen Steuerung dienen kann und eine hervorragende Basis für evidenzbasierte Wirtschaftspolitik liefert. 

Damit zeigen wir einmal mehr, was wir zu leisten im Stande sind und dass wir auch nach 60 Jahren genossenschaftlicher Entwicklung und technologischer Innovation noch viel vorhaben. Die nächsten Jahre werden entscheidend dafür sein, wie Kanzleien, Unternehmen und Verwaltung digital zusammenarbeiten, wie Künstliche Intelligenz verantwortungsvoll genutzt wird und wie digitale Prozesse den Mittelstand spürbar entlasten können. Diesen Weg wollen wir weiterhin aktiv gestalten – gemeinsam mit unseren Mitgliedern, mit ihren Mandanten und mit dem klaren Anspruch, technologische Entwicklung in konkreten Nutzen zu übersetzen. 

60 Jahre DATEV sind für uns daher vor allem eins: ein starkes Fundament für das, was kommt. 

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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