Carolin Groh-Reichel

Frau Groh-Reichel, was hat Ihr Großvater aus der Gründungszeit der DATEV erzählt, über die Stimmung im Berufsstand, die ersten Schritte als Genossenschaft, das Gemeinschaftsgefühl?

Carolin Groh-Reichel: Eigene Erinnerungen an meinen Großvater habe ich leider nicht mehr – er ist 1984 verstorben, ich war damals noch sehr klein. Für den Artikel habe ich daher in Familienfotoalben und in alten Unterlagen nachgeforscht. Dabei ist für mich ein sehr klares Bild entstanden, wie er die frühen Jahre der DATEV erlebt haben muss.

Mein Großvater, Jahrgang 1906, gehörte zu den frühen Mitgliedern der Genossenschaft – seine Beraternummer lautete 1059. Interessant ist, dass er zunächst eher abwartend war: Er trat der DATEV zwar als Gründungsmitglied bei, blieb jedoch eine Zeit lang passives Mitglied. Das passt gut zu seiner Persönlichkeit, wie sie in unserer Familie überliefert ist: Er war jemand, der Entwicklungen sehr genau beobachtete und erst dann aktiv wurde, wenn er vollkommen überzeugt war.

Wie sah sein beruflicher Werdegang aus?

Sein beruflicher Weg war durch die historischen Umstände geprägt. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebte die Familie in Dessau in Sachsen-Anhalt, wo er als Chefbuchhalter in einer Firma tätig war. Nach Kriegsende zog meine Großmutter mit ihm und den beiden Kindern zurück in ihre Heimatstadt Hof. Dort machte er sich schließlich als Helfer in Steuersachen bzw. als Steuerbevollmächtigter selbstständig – mit einem Angestellten im Bereich Buchhaltung.

Sie haben Ihren Großvater nicht bewusst erlebt – welchen Eindruck haben Sie aus Ihren Recherchen über ihn gewonnen?

Was mir besonders im Gedächtnis geblieben ist – aus Erzählungen und aus den Fotos, die ich gefunden habe – ist seine enorme berufliche Disziplin. Ich kenne meinen Großvater nur im Anzug mit Krawatte. Wirklich jedes Foto zeigt ihn so: formell, korrekt, professionell. Dieses Bild passt für mich sehr gut zur Aufbruchsstimmung im Berufsstand damals – Steuerberaterinnen und Steuerberater verstanden sich als ein sehr seriöser, verantwortungsbewusster Berufsstand, der in einer unruhigen Zeit Verlässlichkeit bieten wollte. Auch wenn ich seine persönlichen Erzählungen zur Gründung der DATEV nicht mehr kenne, kann ich mir das Gemeinschaftsgefühl gut vorstellen, das viele von damals beschrieben haben: eine Generation, die gemeinsam etwas Neues aufbaute, aus Überzeugung für Qualität, Sicherheit und gegenseitige Unterstützung.

Steuerberater Lorenz Brendel

Warum hat er sich der DATEV damals angeschlossen?

Ich kann heute nur vermuten, warum sich mein Großvater der DATEV anschloss. Aus seiner beruflichen Haltung heraus lag es jedoch nahe: Die DATEV war damals der erste größere Zusammenschluss von Steuerberatern, der konsequent darauf ausgerichtet war, die Arbeit im Berufsstand moderner und effizienter zu gestalten. Technische Lösungen in Eigenregie umzusetzen, war für einzelne Kanzleien kaum möglich – daher bot die Genossenschafteinen klaren Vorteil. Ob es 1966 echte Alternativen gab, weiß ich nicht, aber die DATEV war für meinen Großvater offensichtlich der überzeugendste Weg, den Herausforderungen der Zeit gemeinsam zu begegnen.

Wie sah Steuerberatung damals aus?

Der Steuerberaterberuf war damals sehr formell geprägt. Mein Großvater trat stets im Anzug und mit Krawatte auf – und so sah der Berufsstand insgesamt aus. Es war eine ausgeprägte Männerdomäne. Dass meine Mutter Ende der 1950er-Jahre die Handelsschule besuchte und Steuerbevollmächtigte wurde, später die Steuerberaterprüfung ablegte, war eher eine Ausnahme. Viele arbeiteten als Einzelkämpfer in kleinen Büros. Erst 1971 entstand einegemeinsame GbR aus meinem Großvater, seinem Sohn und seiner Tochter – ein erster Schritt weg vom klassischen Einzelbüro hin zu einer Familienkanzlei.

Wie hat sich Ihre Kanzlei seit dem Jahr 1966 entwickelt, welche Meilensteinehatten Sie mit der Kanzlei?

Die Kanzlei hat sich seit ihrer Gründung im Jahr 1966 kontinuierlich weiterentwickelt – technisch, organisatorisch und inhaltlich. Die Daten wurden auf Lochstreifen – später auf Magnetkassetten – gespeichert, postalisch an die DATEV gesendet und dort verarbeitet. Anschließend erhielt man die Buchungskonten und Auswertungen in Papierform zurück. Mit den technischen Innovationen der DATEV zogen dann wichtige Meilensteine in den Kanzleialltag ein: die DFÜ-Verarbeitung über Nacht, die den Austausch enorm beschleunigte, und Ende der 1980er bzw. Anfang der 1990er Jahre die Einführung von PCs, die den Arbeitsablauf grundlegend modernisierte.

Ein ganz prägender Meilenstein war jedoch die deutsche Wiedervereinigung. Viele Unternehmer aus der ehemaligen DDR suchten damals kurzfristig steuerliche Unterstützung. Als Kanzlei im ehemaligen Zonenrandgebiet waren wir für viele dieser Betriebe ein naheliegender Ansprechpartner – und wurden förmlich überrannt. Zahlreiche dieser Mandanten, teils bereits in der nächsten Generation, betreue ich noch heute.

Wo stehen Sie aktuell mit Ihrer Kanzlei - mit welchen Herausforderungen, aberauch mit welchen schönen Aspekten?

Aktuell führe ich die Kanzlei seit dem Jahr 2014 als Einzelkanzlei mit vier Mitarbeiterinnen weiter – nachdem ich sie 2009 gemeinsam mit meiner Mutter gegründet hatte und sie 2014 überraschend verstarb. Heute bin ich vor allem für Heilberufler tätig: Ärzte, Zahnärzte, Physiotherapeuten und andere medizinische Berufsgruppen. Diese Spezialisierung prägt unsere Arbeit und ist für mich ein zentraler Erfolgsfaktor. Es wird häufig behauptet, die klassische Einzelkanzlei habe keine Zukunft. Ich sehe das differenzierter: Der frühere „Feld-Wald-Wiesen-Steuerberater“, der alle Branchen und Rechtsformen gleichermaßen bedienen wollte, stößtangesichts der enormen Komplexität und des schnellen Wandels im Steuerrecht inzwischen an seine Grenzen. Mit einer klaren Spezialisierung hingegen kann eine Einzelkanzlei sehr erfolgreich arbeiten – und Mandanten oft sogar persönlicher und effizienter begleiten. Die Nähe zu unserenMandanten ist für mich ein wesentlicher Qualitätsfaktor.

Natürlich stehen wir auch vor Herausforderungen: Die ständig zunehmende rechtliche und regulatorische Komplexität, der hohe Digitalisierungs- und Automatisierungsdruck sowie die Kommunikation mit den Finanzbehörden fordern uns täglich. Gleichzeitig sind wir technisch sehr gut aufgestellt und sehen die Digitalisierung eher als Chance denn als Hürde. Die schönen Seiten unseres Berufs überwiegen für mich aber eindeutig. Ich habe ein großartiges Team, in dem jeder für jeden einsteht – menschlich wie fachlich. Wir arbeiten eng zusammen, verstehen uns hervorragend und pflegen den Teamgeist auch durch gemeinsame Aktivitäten. Und nicht zuletzt macht der direkte Kontakt zu unseren Mandanten den Kern unserer Arbeitaus. Wer behauptet, Steuerberatung sei trocken, hat unseren Beruf noch nie wirklich erlebt.

Welche Rolle spielt DATEV für Sie in der Kanzlei?

DATEV begleitet mich eigentlich schon mein ganzes Berufsleben – und sogar davor. Das grüne Logo gehört für mich seit Kindheitstagen zum Kanzleialltag. Auch während meines Studiums an der WFI der KU Eichstätt-Ingolstadt war am Steuerrechtslehrstuhl DATEV im Einsatz. Ein Wechsel zu einem anderen Softwareanbieter stand daher für mich nie zur Diskussion. DATEV ist für mich ein verlässlicher Partner, der unsere Arbeit seit Jahrzehnten unterstützt. Besonders schätze ich auch die Berater-für-Berater-Veranstaltungen und die DATEV-Arbeitskreise: Sie bieten eine großartige Möglichkeit, sich fachlich wie kollegial auszutauschen und voneinander zu lernen.

Wie wird Ihre Kanzlei in zehn Jahren aussehen und wie wird sich der Beruf bis dahin Ihrer Meinung nach wandeln?

In zehn Jahren wird unsere Kanzlei noch digitaler aufgestellt sein. Der vollständige Umstieg auf cloudbasierte Anwendungen wird dann abgeschlossen sein, und viele Routineprozesse laufen weitgehend automatisiert im Hintergrund. Dadurch gewinnen wir mehr Zeit für das, was wirklich zählt: individuelle Beratung. Ich hoffe sehr, dass sich wieder mehr junge, technikaffine Menschen für den Beruf begeistern. Denn das Berufsbild wird sich weiter verändern: Weg von Routinetätigkeiten, hin zu strategischer, wirtschaftlicher undtechnologischer Beratung. Steuerberaterinnen und Steuerberater werden noch stärker zu ganzheitlichen Begleitern ihrer Mandanten – und genau darin sehe ich große Chancen, gerade für spezialisierte Kanzleien.