Wir kennen die Lottozahlen der nächsten Woche nicht, aber wir wissen, dass es (einen) Gewinner geben wird. Auch die seriöse Zukunftsforschung kennt die Zukunft von Arbeit und Genossenschaften nicht – doch sie weiß, welche Faktoren diese Zukunft prägen werden. Entscheidend ist dabei nicht eine einzelne Technologie wie künstliche Intelligenz (KI), sondern ihr Zusammenspiel mit anderen Technologien. Eine neue Phase der Technologiekonvergenz hat begonnen: KI befeuert Quantentechnologien, diese beschleunigen Simulationen und digitale Zwillinge, die in der Cloud laufen und über Blockchain-Systeme abgesichert werden. Die Zukunft entsteht deshalb nicht mono-, sondern multitechnologisch.
Ein Unternehmen als kooperatives Ökosystem
Wie gut, dass DATEV mehr ist als ein Softwareanbieter – nämlich ein kooperatives Ökosystem. Das ist eine Stärke, die Zukunftssicherheit verleiht. Sicherheit in einer Zukunft, in der KI unsere Arbeitsplätze vernichtet?
Das ist eine Befürchtung, kein Befund. Globale Studien zeigen: KI verändert Arbeit quer durch alle Branchen. Sie schreibt Texte, übersetzt gesprochene Sprache, erstellt Softwarecode und unterstützt in der Medizin oder bei der Finanzanalyse. In vielen Industrien führen Automatisierung und Kostendruck derzeit zu Personalabbau. Doch dieser Trend ist differenziert zu betrachten: Nicht die Arbeit an sich verschwindet, sondern ihre Struktur verändert sich. Gerade in wissensintensiven Tätigkeitsfeldern – von der Beratung über das Recht bis zur Steuerpraxis – verlagern sich die Schwerpunkte von der Bearbeitung zur Beurteilung, vom Abarbeiten zum Entscheiden. Automatisierung übernimmt Teilaufgaben, nicht ganze Berufe – und schafft zugleich neue Rollenfelder: Tax Data Analyst, Decision Navigator, KI-Stewardship oder Governance-Spezialistinnen und -Spezialisten, die digitale Entscheidungen begleiten und verantworten. Der Engpass liegt weniger im Verschwinden von Arbeit als in der Anpassung von Fähigkeiten. Gefragt sind technologische Kompetenzen ebenso wie Kreativität, Resilienz und Empathie.
Der arbeitende Mensch wird zunehmend vom Bearbeiter zum Navigator zwischen KI und Klienten. Zu seinen Kernaufgaben zählen das Urteilen und Priorisieren sowie das empathische Gestalten von Beziehungen und der Aufbau von Vertrauen – sowohl im Team als auch mit den Klienten. Das Narrativ, wonach KI Arbeitsplätze vernichtet, ist zwar en vogue, doch im Endeffekt läuft die Entwicklung stärker auf eine kooperative Intelligenz von Mensch und Maschine hinaus als auf ein Jobsterben. Die KI verdrängt den Menschen nicht, sondern Mensch, Organisation und KI wachsen zu einem System zusammen. Apropos: „Die KI“ ist zwar in aller Munde, doch es gibt sie eigentlich nicht im Singular. Vielmehr entsteht eine wachsende Familie intelligenter Systeme mit sehr unterschiedlichen Funktionsprinzipien – von neuronalen Netzen und wissensbasierten Modellen über selbststeuernde digitale Organisationen wie dezentrale autonome Systeme bis zu Verfahren des maschinellen und verstärkenden Lernens, bei denen Algorithmen durch Erfahrung und Rückkopplung immer bessere Entscheidungen treffen.
Zukunftsorientiert und menschlich gleichermaßen
Mit dieser Entwicklung verändert sich nicht nur die Arbeit, sondern auch die Organisation. Neue Schnittstellen entstehen, IT und HR verschmelzen zu einem gemeinsamen Ressort, das Workforce und Techstrategie integriert. Außerdem werden uns humanoide Assistenten unterstützen. Elon Musk plant, bis 2030 jährlich eine Million Optimus-Roboter in seinen Fabriken produzieren zu lassen. Das norwegische Unternehmen 1X Technologies entwickelt humanoide Roboter wie NEO für Aufgaben in Sicherheit, Service, Haushalt und Pflege. Figure AI arbeitet an universell einsetzbaren Robotern für Alltag und Dienstleistung, während Electric Atlas von Boston Dynamics bald in Industrie, Logistik und Rettung zum Einsatz kommen soll. Der Trend lautet: Symbiose statt Konkurrenz – ergänzt um Struktur, Verantwortung und Sinn.
In diesem Umfeld können genossenschaftlich organisierte Unternehmen wie DATEV ihre besonderen Stärken einbringen: Zusammenarbeit, Vertrauen und gemeinsames Lernen. Ihre Struktur bietet einen natürlichen Rahmen, um technologische Innovation mit gemeinschaftlicher Verantwortung zu verbinden – und damit eine Arbeitskultur zu fördern, die Zukunftsorientierung und Menschlichkeit gleichermaßen ernst nimmt.
Bis 2050 soll unser heutiges Wissen nur noch rund ein Prozent der globalen Wissensbasis ausmachen. Daher wird KI nicht zum Herrschaftsinstrument seelenloser Maschinen, sondern zu einem Werkzeug des Wissens – offen, zugänglich und gestaltbar für alle, die daran teilhaben.
Analog dazu werden Genossenschaften wie DATEV zu Wissensvermittlern und zugleich zu menschlichen Ankern in einer zunehmend digitalen Arbeitswelt. Sie verbinden technologische Kompetenz mit Verantwortung und schaffen Vertrauen durch Transparenz. Ihre Zukunftsformel könnte lauten: Werte plus geprüfte Daten plus Governance ergeben vertrauenswürdige Infrastruktur. Eine Genossenschaft ist ein eingebauter Vertrauensanker, Ausdruck von Verantwortung in einer digitalen Welt. Tech & Care in Balance – ein stiller, aber entscheidender Wettbewerbsvorteil.
Aus dieser Perspektive eröffnen sich neue Genossenschaftsmodelle, etwa ein „Human in the Loop“-Ansatz, der sicherstellt, dass KI-Entscheidungen über Daten und Algorithmen stets menschlich kontrolliert und gegebenenfalls korrigiert werden. Oder die Weiterentwicklung der Genossenschaft zu einer digitalen Vertrauensinfrastruktur, die steuerliche, finanzielle und unternehmerische Entscheidungen noch stärker als bisher absichert – gegebenenfalls durch allgemein anerkannte Zertifikate. Und schließlich die Genossenschaft als Gegenmodell zu monopolähnlichen Plattformstrukturen, in denen Netzwerkeffekte nicht zu extremen privaten Gewinnen, sondern zum gemeinsamen Nutzen beitragen.
Bis zu 100 verschiedene Jobs im Leben
Digitalisierung, neue Technologien, Energiewende und Strukturwandel verändern den Arbeitsmarkt so intensiv, dass einige Zukunftsforscher prognostizieren, Kinder, die heute geboren werden, könnten in ihrem Leben 80 bis 100 verschiedene Jobs ausüben. Genossenschaften können in diesen fluiden Arbeitsbiografien stabile Identität und Zugehörigkeit bieten nach dem Prinzip „Community replaces career“. Ein Job wäre dann nicht mehr ein Beruf wie heute, sondern die Ausübung der eigenen individuellen Kernkompetenzen auf verschiedenen Feldern.
Eine andere Zukunftsperspektive betrifft digitale Zwillinge von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern: persönliche KI-Kopien, mit denen sich die eigene Kompetenz und Schaffenskraft vervielfältigen ließe – was natürlich Fragen aufwirft. Nehme ich meine digitalen Zwillinge mit, wenn ich die Firma verlasse? Oder „gehören“ sie der Firma? Müssen sie gelöscht werden, wenn ich gehe? Wir können nur hoffen, dass der Gesetzgeber solche Fragen regeln wird, wenngleich sicher nicht ohne Reibungsverluste.
Menschen müssen Vertrauen neu lernen
Und was ist mit dem sogenannten KI-Inzest und der vererbten Dummheit, also wenn die KI fehlerhafte oder unmoralische Inhalte generiert und sich damit selbst wieder trainiert? Ein Risiko, gewiss, doch kein Schicksal: Neue Ansätze wie Weltmodelle (die KI lernt aus Erfahrung statt nur aus Text), Echtzeitdaten (nicht vergangenheits-, sondern gegenwartsbezogene Daten) und Trusted AI (eine Art Qualitäts- oder Ethik-TÜV für Algorithmen) holen die Intelligenz zurück in die reale Welt der KI. Sie sorgen dafür, dass Maschinen lernen, ihre Umwelt ungefiltert wahrzunehmen, Zusammenhänge zu verstehen und aus Ursachen Wirkungen abzuleiten.
Während die Technik lernt, sich zu erneuern, lernt der Mensch erst wieder zu vertrauen. Millionen erleben heute den sogenannten algorithmischen Aversionseffekt: Sie misstrauen automatisierten Systemen, selbst wenn diese rechnerisch überzeugende Ergebnisse liefern. Doch Beratung ist mehr als Berechnung. Sie stiftet Vertrauen, Kontext und Verantwortung. Menschen suchen sinnstiftende Orientierung, keine bloßen Resultate – und genau darin liegt eine Grenze jeder KI. Umgekehrt gilt: Das Vertrauen in Technologie wächst, wenn der Mensch das letzte Wort behält.
Künstliche Intelligenz hat eine Revolution ausgelöst, sie ist nicht mehr aufzuhalten. Wie jede technologische Wende hebt sie langfristig das Wohlstandsniveau, doch in den Übergangsjahren braucht es Menschen, die den Wandel gestalten und Verantwortung übernehmen. Dazu gehört, jene zu qualifizieren und zu begleiten, deren Aufgaben sich verändern – und die Balance zu finden zwischen technologischer Dynamik und sozialer Stabilität.
Zukunftsfähigkeit bedeutet mehr als Innovation. Sie verlangt nach Verantwortung im Umgang mit Ressourcen, Energie und Wissen. Dass einige Unternehmen künftig eigene Atomkraftwerke bauen wollen, zeigt, wie groß die Spannweite dieser Transformation ist – von digital bis ökologisch, von global bis lokal. Entscheidend wird sein, beide Dimensionen zusammen zu denken, damit Fortschritt nachhaltig bleibt.
Gerade in dieser Phase des Übergangs zählt Vertrauen – in Daten, in Systeme, in Menschen. Ob in Unternehmen, Organisationen oder Genossenschaften: Zukunft entsteht dort, wo Technologie auf Werte trifft. Wenn Zukunft gelingen soll, dann nicht als Zufall, sondern als Zusammenspiel aus Wissen, Verantwortung und Weitblick. Dann macht sie nicht nur Freude, sondern stärkt das, was uns verbindet: den Willen, Zukunft gemeinsam zu denken.