Sechzig Jahre DATEV sind mehr als nur ein runder Geburtstag. Sie stehen für die Geschichte eines Berufsstands, der sich immer wieder neu erfunden hat und sich dabei ein stabiles Fundament bewahren konnte. Für das DATEV magazin haben sich Brigitte Neumann, Mitgründerin und langjährige Partnerin der Kanzlei HLB Neumann, und Bastian Hösker, Gründer einer Onlinekanzlei, zum digitalen Gespräch verabredet. Mit welchem Selbstverständnis üben sie ihren Beruf aus? Wie stehen sie zum technologischen Wandel? Am Ende steht die Erkenntnis, dass bei allen Unterschieden das Verbindende überwiegt: Menschen zu begleiten.
Frau Neumann, Herr Hösker, was bedeutet das DATEV-Jubiläum für Sie persönlich?
Bastian Hösker: Für mich ist DATEV vor allem Stabilität. Meine Kanzlei ist jung, papierlos, ortsunabhängig. In dieser Flexibilität ist es entscheidend, dass die technische Basis zuverlässig ist. Das Wichtigste an Software ist, dass sie funktioniert.
Brigitte Neumann: Ich kenne die Anfänge und die Entwicklung von DATEV bis zum heutigen Cloudangebot. Meine ersten Begegnungen bestanden aus Buchungslisten, Datenerfassung mittels Klarschriftdrucker sowie Lochstreifen, bei denen fehlerhafte „Dateneingaben“ im Notfall von DATEV-Mitarbeitern in Nürnberg per Schere repariert werden konnten. DATEV gab schon damals unserem Berufsstand den Rahmen, der es uns ermöglichte, die technische Entwicklung sicher und verlässlich zu nutzen. Heute, nach all den technischen Sprüngen, schätze ich diese Verlässlichkeit mehr denn je.
Zwei Generationen, zwei technische Welten. Was eint Sie, was trennt Sie?
Neumann: Wir waren schon früh neugierig. Als Computer bezahlbar wurden, hatten wir für jeden Arbeitsplatz einen; die Verarbeitung der Daten erfolgte sehr frühzeitig auf eigenen Servern im Haus. Seit vielen Jahren sind wir regelmäßig als digitale DATEV-Kanzlei zertifiziert und wenden die DATEV-Lösungen so effizient wie möglich an. Dennoch merke ich heute: Die Transformation in die digitale Welt fordert immer noch jeden heraus. Bei einer manchmal ungewollt notwendigen Auszeit ist es schwierig, den Anschluss an die unglaublich schnelle Entwicklung der Technik nicht zu verlieren.
Hösker: Für uns ist Digitalisierung die Grundvoraussetzung. Alles läuft in der Cloud: Belege, Workflows, Beratung. Aber im Kern ist die Aufgabe dieselbe: Mandanten Orientierung geben. Was uns eint, ist, den Menschen in ihren unterschiedlichen Geschäftsfeldern mit Rat und Tat zur Seite zu stehen und individuell auf ihre Bedürfnisse einzugehen.
Was macht einen guten Steuerberater aus?
Neumann: Die Fähigkeit, den Menschen als Ganzes zu sehen. Mandanten kommen nicht nur mit Zahlen, sondern mit Sorgen, Ideen, Brüchen. Gute Beratung beginnt, wo ich ihre Lebenssituation verstehe. Technik hilft uns dabei – aber sie ersetzt das Gespräch nicht.
Hösker: Viele meiner Mandanten schätzen ausführliche Gespräche, die auch mal über die reinen Zahlen und Fakten hinausgehen. Durch Automatisierung entsteht Raum für echte Beratung. Genau deshalb glaube ich, dass der Beruf nicht an Bedeutung verlieren, sondern gewinnen wird.
Welche Rolle spielt es für Sie, dass DATEV eine Genossenschaft ist?
Hösker: Eine zentrale. Ich habe erlebt, wie mühsam Softwarewechsel sind. Bei DATEV habe ich das Gefühl, dass die Interessen des Berufsstands mitgedacht werden – auch gegenüber der Gesetzgebung und dem Markt.
Neumann: Die Genossenschaft schützt uns vor Abhängigkeiten. Wir haben in den vergangenen Jahren auch Software privatwirtschaftlicher Softwareanbieter eingesetzt, deren Anteile am freien Kapitalmarkt gehandelt wurden. Als Steuerberater tragen wir Verantwortung für den Bestand und den Schutz der Daten unserer Mandanten, deshalb haben wir uns schon vor langer Zeit wieder für den Weg zurück zu DATEV entschieden. Es ist beruhigend, dass DATEV als gemeinschaftlich getragenes System keine Ware auf dem Kapitalmarkt ist.
Wie verändert sich die Beziehung zwischen Steuerberatern und ihren Mandanten im digitalen Zeitalter?
Neumann: Eine Veränderung erkenne ich lediglich bei der Abwicklung der operativen Leistungsprozesse. Früher kamen Mandanten regelmäßig, um ihre Ordner abzugeben oder abzuholen, heute läuft der Belegaustausch weitestgehend digital. Die Belege und Daten stehen schneller zur Verfügung, aber der Beratungsbedarf ist derselbe. Vielleicht ist er sogar größer geworden, weil die Welt komplizierter geworden ist. Der persönliche Draht ist weiter eine Notwendigkeit.
Hösker: Ich erlebe, dass Mandanten digitale Prozesse erwarten, aber menschliche Kommunikation brauchen. Das klingt paradox, ist es aber nicht. Sie wollen schnelle Antworten – aber auch jemanden, der Verantwortung übernimmt. Genau in dieser Kombination besteht die Zukunft der Steuerberatung.
Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit zwischen den Generationen?
Hösker: Eine riesige. Wir Jüngeren profitieren enorm von der Erfahrung von Kolleginnen wie Frau Neumann. Ich kenne viele, die sich bewusst Mentoren suchen. Digitalisierung ist kein Ersatz für Erfahrung, sie verstärkt nur ihren Wert.
Neumann: Umgekehrt profitieren wir Älteren von der Energie der Jungen. Sie denken selbstverständlich vernetzt, digital und prozessorientiert. Das ist für Kanzleien überlebenswichtig. Der Berufsstand braucht beides: Erfahrung, die trägt, und Innovationen, die ziehen.
Wie blicken Sie auf die Zukunft des Berufsstands?
Neumann: Mit Zuversicht, wenn es uns gelingt, den persönlichen Bezug zu allen Beteiligten zu bewahren. Hybrides Arbeiten ist bequem, aber wir dürfen nicht in anonyme Parallelwelten verschwinden. Gegenseitiger Austausch ist für mich ein Teil unseres Berufsethos. Und junge Kolleginnen und Kollegen brauchen Begleitung, denn Erfahrung lässt sich nicht digitalisieren.
Hösker: Gleichzeitig steht uns ein weiterer Paradigmenwechsel bevor. Künstliche Intelligenz wird Prozesse tiefgreifend verändern: Finanzbuchhaltung, Standardabschlüsse, Routinetätigkeiten. Aber sie schafft dadurch Freiräume. Wir Steuerberater werden zu Übersetzern, Sparringspartnern, Krisenlotsen. Und genau darin liegt die Zukunft unseres Berufs.
Was wünschen Sie sich von DATEV für die nächsten 60 Jahre?
Neumann: Ich wünsche mir, dass DATEV ein verlässlicher Partner des Berufsstands bleibt, der dafür sorgt, dass wir unsere Leistungen in der sich rasant verändernden Welt der KI-Revolution weiter auf Augenhöhe mit den übrigen Anbietern erbringen können. Und dabei sollte das Unternehmen die Transformation so gestalten, dass die Menschen auf dem Weg mitgenommen werden und nicht zurückbleiben.
Hösker: Mein Wunsch wäre, dass DATEV mutig ist, schneller wird, agiler, innovationsfreudiger. Ohne dabei das zu verlieren, was die Organisation stark macht: Qualität und Haltung.
Und wie sehen Ihre Erwartungen an den Berufsstand aus?
Hösker: Dass er beides zusammendenkt: den Mut der Jungen und die Erfahrung der Älteren. Vielleicht erzählt die 60-jährige Geschichte von DATEV genau das: dass Fortschritt gelingt, wenn eine Gemeinschaft ihn trägt.
Frau Neumann, Herr Hösker, vielen Dank für das Gespräch.