Internationale Befragungen, etwa vom World Economic Forum (WEF), zeigen es deutlich: Kompetenzen rund um künstliche Intelligenz (KI) und den Umgang mit Daten werden immer wichtiger; zeitgleich gewinnen analytisches Denken, Urteilsfähigkeit, Technologieverständnis sowie Neugier stark an Bedeutung. Lebenslanges Lernen ist nicht mehr länger Kür, sie wird zur Kernfrage beruflicher Zukunftsfähigkeit – für Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und Rechtsanwälte gleichermaßen.

Prognosen zufolge könnte bis 2030 ein erheblicher Teil ihrer heutigen Arbeitsstunden automatisiert werden – beschleunigt durch generative KI. Das ist keine Bedrohung, aber eine klare Verschiebung: weg von Routinetätigkeiten, hin zu mehr Einordnung und Beratung.

Technologie braucht Kompetenz

Kanzleien stehen dabei unter doppeltem Druck: Der Fachkräftemangel ist Realität, offene Stellen lassen sich vielerorts nur schwer besetzen. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Qualität, Tempo und Dokumentation. Auswertungen der Kammern zeigen, dass Digitalisierung und Fachkräftemangel von den Kanzleien als zusammenhängende Herausforderungen wahrgenommen werden: Technologie wird gebraucht, um zu entlasten. Ohne gezielten Kompetenzaufbau bleibt sie jedoch Stückwerk.

Hinzu kommt die regulatorische Dimension. Der europäische AI Act fordert ein ausreichendes Maß an KI-Kompetenz bei allen, die KI-Systeme nutzen oder verantworten. Damit wird Weiterbildung von der freiwilligen Investition zunehmend zur Pflicht, strukturierte Lernpfade werden wichtiger als punktuelles Wissen.

Dass wir darauf reagieren, zeigt sich bereits in der Ausbildung: Die Neuordnung der Steuerfachangestelltenausbildung seit 2023 stärkt digitale Prozesse, Kommunikation und vernetztes Arbeiten. Das ist richtig. Gleichzeitig gilt: Die Halbwertszeit von Wissen sinkt weiter. Ausbildung kann heute nur ein Fundament legen. Qualifizierung endet nicht mit der Prüfung – sie beginnt dort erst.

Bei DATEV sprechen wir darüber nicht nur, wir handeln. Formate wie ein „KI-Tag in der Kanzlei“ oder Lernangebote zum Aufbau grundlegender KI-Kompetenz, bereitgestellt etwa als Onlineseminar oder Lernvideo auf der DATEV-Lernplattform, senken Einstiegshürden und bringen Lernen in den Arbeitsalltag. Auch in der DATEV KI-Werkstatt können Mitglieder neue Anwendungen testen und mitgestalten – das ist Lernen durch Praxis.

Lernen gehört in den Arbeitsalltag

Eine große Breitenwirkung haben auch Kooperationsformate mit den berufsständischen Kammern und Verbänden sowie deren Akademien. Wenn Ausbildung, Fortbildung und Praxis zusammen gedacht werden, entstehen tragfähige Lernpfade anstelle von Einzelmaßnahmen. Genau hier liegt ein großer Hebel für unseren Berufsstand.

Meine Haltung ist klar: KI macht Wissen verfügbar. Kompetenz entsteht aber erst, wenn Menschen damit verantwortlich umgehen und denkend handeln können. Lernen gehört deshalb in den Arbeitsalltag, nicht ans Ende des Tages. KI entfaltet ihren Nutzen nur eingebettet in Prozesse, Qualitätsroutinen und klare Verantwortlichkeiten. Urteilskraft, kritisches Prüfen und Mandantenorientierung bleiben menschliche Domänen.

Vielleicht sollten wir uns alle gelegentlich ehrlich fragen: Lernen wir noch – oder verlassen wir uns zu sehr auf unsere Erfahrung? Ich bin überzeugt: Die Kanzleien, die lebenslanges Lernen heute als Betriebskern verstehen, werden morgen nicht nur effizienter sein. Sie werden relevanter sein – für ihre Mandantinnen und Mandanten, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und für die Zukunft unseres Berufsstands.