Bundeskanzler Friedrich Merz hat in den vergangenen Wochen mehrfach angemahnt, die Deutschen müssten mehr und früher sparen und selbst für die Rente sorgen. Er will die Anzahl der Aktionäre bis Ende seiner Legislaturperiode verdoppeln, also von jetzt 14 Millionen auf 28 Millionen. Er hat besonders junge Menschen aufgefordert, ganz früh in Aktien und ETFs zu investieren, selbst wenn es nur 50 Euro im Monat sind. Das würde bis zum Rentenalter sechsstellige Summen ergeben.
Finanzredakteure haben dies nachgerechnet, es stimmt wirklich!
Flankierend zur Eigenvorsorge will der deutsche Staat nun mit dem geplanten Altersvorsorgedepot die zweite Säule der Altersvorsorge stärken. Ein Vor-schlag zu einem derartigen Depot lag seit dem Ende der Ampelregierung schlüsselfertig im von Christian Lindner geführten Finanzministerium. Nach dem Bruch der Koalition hat die FDP den Gesetzesentwurf noch eigenständig in den Bundestag eingebracht, dort wurde er aber nicht weiterverfolgt. Dem ging ein jahrelanger politischer Streit voraus, meist darüber, wie ein sinnvolles Alternativangebot zur Riester-Rente aussehen könnte. Dieses Rentenprojekt wurde von Anfang an kritisch gesehen, weil sie letztendlich zu teuer war, mit ihren festen Garantien die Renditen vernichtet und das ganze Modell somit unattraktiv macht.
Altersvorsorge über den Kapitalmarkt
Die stärkere Einbindung des Kapitalmarkts in das deutsche Altersvorsorgesystem ist seit Langem überfällig und wird von vielen Fachleuten seit Jahren gefordert. Eine teilweise Umstellung der gesetzlichen Rentenversicherung auf ein fondsgebundenes Modell – vergleichbar mit dem schwedischen Ansatz – ist leider am fehlenden politischen Konsens gescheitert. Lediglich die FDP zeigte sich dieser Idee gegenüber aufgeschlossen. Union und SPD haben eine solche Reform der ersten Säule konsequent abgelehnt. Damit blieb als realistischer Ansatzpunkt für eine substanzielle Weiterentwicklung nur die zweite Säule – die kapitalgedeckte, private Altersvorsorge.
Der Staat hilft durch Förderung
Wichtig für die Akzeptanz eines Altersvorsorgedepots ist die staatliche Förderung. Denn ohne diesen Anreiz könnten die Sparer ja beispielsweise gleich eigene ETF-Sparpläne abschließen. Leider konterkariert der gegenwärtige Entwurf die geplante Förderung mit einer zu großzügig angelegten Kostenregelung, die mindernd in die langfristige Rendite eingreift. Aber das Positive zuerst: geplant ist eine jährliche Zulage von bis zu 460 Euro als Grundzulage plus 300 Euro pro Kind, sofern der Sparer mindestens 1.800 Euro pro Jahr einlegt. Eine Obergrenze für die Einzahlung gibt es nicht, nur für die Förderung. Jeder kann also so viel einzahlen, wie er möchte. Ein großer Pluspunkt: Innerhalb des Altersvorsorgedepots fällt keine jährliche Vorabpauschale für Gewinne an. Das bedeutet, die Sparer können im Depot frei umschichten oder Gewinne „liegen lassen“, ohne jedes Jahr Steuern zahlen zu müssen – diese werden erst bei der Entnahme fällig. Gerade die Besteuerung auf den Zeitpunkt der Entnahme festzulegen, bringt natürlich sehr viel mehr Kapital am Ende des Arbeitslebens.
Flexibles Depot ohne starre Renditen
Wichtig am Entwurf ist, dass dieses neue Altersvorsorgedepot nicht in Form einer Versicherung angeboten wird, also kein komplizierter Vertrag mit langen Bindungszeiten und hohen Kosten ist. Stattdessen soll es ein Depot sein, wie man es vom klassischen Wertpapierhandel kennt. Damit entfallen auch Renditegarantien, die Riester-Verträge so unattraktiv machen. Neben der Steuerfreiheit in der Ansparphase soll es eine flexible Produktauswahl – voraussichtlich ETFs und Fonds – geben sowie eine eigenverantwortliche Auswahl und Nutzung. Die Sparer sollen selbst entscheiden können, wie sie sparen wol-len, ohne starre Garantien oder Zwangslogiken. Flexibel soll auch sein, wie man später an das Geld kommt. Die bessere Lösung ist der Auszahlplan, bei dem man sich bis zum 85. Lebensjahr die Gesamtsumme auszahlen lassen kann. Vorteil hier: man kann das Restkapital vererben. Alternativ wäre auch die Überführung in eine lebenslange Rente über eine Versicherungslösung. Diese Sofortrente hat aber große Nachteile, beispielsweise sind die Auszahlungen wegen der Gebühren niedriger. Restbeträge sind auch nicht übertragbar oder können den Nachkommen zugutekommen. Insofern raten viele Experten von dieser Variante ab.
Das Kosten-Argument
Das Altersvorsorgedepot ist ein kleiner Paradigmenwechsel und wird das System der deutschen Altersvorsorgesystem bereichern. Es ist aber – verglichen mit dem US-Modell des 401k sowie dessen Offenheit für Arbeitgeber und der Möglichkeit auch in Einzelaktien zu investieren – trotzdem ein Weniger. Auch die Förderung ist vergleichsweise bescheiden. Die meiste Kritik am Entwurf gab es bisher wegen der Kostendeckelung, die bei etwa 1,5 Prozent jährlich liegen soll. Das klingt erst einmal fair, aber viele ETF-Produkte liegen deutlich darunter (0,2–0,5 Prozent). Hohe Kosten schmälern die Rendite natürlich deutlich, das hat auch der Bundesrat moniert.
Fallbeispiel
Ein Berufseinsteiger, der 35 Jahre lang monatlich 500 Euro spart, bekommt am Ende bei sechs Prozent Rendite ohne hohe Kosten etwa 690.000 Euro. Bei Kosten von 1,5 Prozent fällt die Rendite auf 4,5 Prozent, was am Ende der Laufzeit nur noch knapp 500.000 Euro ergibt. Das würde einen Unterschiede von über 190.000 Euro ergeben, nur aufgrund der Kosten! Hier sollte daher noch nachgearbeitet werden.
Fazit und Ausblick
Auf einer Veranstaltung des Deutschen Instituts für Altersvorsorge im Februar in Berlin, bei der ein Vertreter des Finanzministeriums die vorläufigen Eckpunkte des Gesetzes erläuterte, zeigten sich die anwesenden Repräsentanten der Finanzanbieter zufrieden mit den Ideen. Trotzdem wird es noch viele Gespräche und Anhörungen zu dem Thema geben, bis das finale Ergebnis am 1. Januar 2027 in Kraft treten soll. In den kommenden Ausschussberatungen wird es auch darum gehen, ob die Förderung ausgeweitet wird und ob eine Öffnungsoption für die Betriebe kommt, sich am Altersvorsorgedepot zu beteiligen. Das wäre wirklich ein Durchbruch. Finanzausschussmitglieder von SPD und CDU haben bereits angedeutet, hierfür offen zu sein.
Robert Peres
Rechtsanwalt und Vorsitzender der Initiative Minderheitsaktionäre, die sich für die Stärkung der Aktionärsrechte in Deutschland einsetzt.