Stefan Wingert

Stefan Wingert und Christoph Behn sind Steuerberater und beide Prozessverantwortliche bei DATEV. Prozessverantwortliche wurden vom Vertreterrat etabliert, um Mitwirkung und Transparenz in wichtigen Entwicklungsthemen der DATEV strukturiert zu stärken. Sie begleiten zentrale Workstreams fachlich, stehen im regelmäßigen Austausch mit den Produktverantwortlichen der DATEV und sorgen dafür, dass Impulse aus der Anwenderpraxis frühzeitig eingebracht werden. Gleichzeitig stellen sie über Beratungsaufträge, Dokumentation und Berichte in den Vertreterrat sicher, dass Entwicklungen nachvollziehbar bleiben und die Mitglieder des Vertreterrats sich aktiv beteiligen können. Prozessverantwortliche leisten damit einen wichtigen Beitrag, Mitbestimmung imVertreterrat praktisch umzusetzen.

Prozessverantwortliche begleiten ihren jeweiligen Workstream fachlich und kontinuierlich. Zu ihren Aufgaben gehört insbesondere der regelmäßige Austausch mit den Produktverantwortlichen der DATEV, das Einbringen von Impulsen aus der Mitgliedschaft sowie die Vorbereitung und Begleitung von Beratungsaufträgen.

Stefan Wingert berät den Workstream Jahresabschluss & Wirtschaftsprüfung, Christoph Behn die Workstreams Kanzleimanagement und Basis. Im Interview sprechen die beiden über ihre Aufgaben, ihren Invest und darüber, was sie aus ihrer Tätigkeit mitnehmen.

Herr Wingert, Herr Behn, warum haben Sie sich dazu entschieden, Prozessverantwortlicher zu werden?

Stefan Wingert: Durch meine Mitarbeit in verschiedenen Arbeitsaufträgen innerhalb des Gremiums hat sich früh gezeigt, dass mein fachlicher Schwerpunkt im Bereich der Jahresabschlusserstellung liegt. Dieses Themenfeld gehört auch in meiner täglichen Kanzleiarbeit zu den wichtigsten Aufgaben. Die Rolle als Prozessverantwortlicher bietet mir die Möglichkeit, meine praktische Erfahrung gezielt einzubringen und die Weiterentwicklung in einem zentralen Kernprozess unseres Berufsstands aktiv mitzugestalten. 

Christoph Behn: Ich bin noch relativ neu im Vertreterrat und habe mich dennoch sehr bewusst direkt als Prozessverantwortlicher beworben – auch wenn mir zu diesem Zeitpunkt die tieferen Erfahrungen mit den internen Abläufen des Vertreterrats noch fehlten. Ausschlaggebend war für mich die anstehende Cloud-Umstellung, die aus meiner Sicht eine echte Zeitenwende darstellt – nicht nur für die Kanzleien, sondernauch für die DATEV selbst. Gerade dieser Umbruch erschien mir als idealer Einstiegspunkt: Bestehende Strukturen werden hinterfragt, Prozesse neu gedacht und Entscheidungen haben langfristige Wirkung. In einer solchen Phase halte ich es für besonders wichtig, den Blick aus der Kanzleipraxis früh und konsequent einzubringen.

Was sind die Aufgaben, Rechte und Pflichten der Prozessverantwortlichen?

Stefan Wingert: Zu meinen zentralen Aufgaben gehört der regelmäßige Austausch mit den Product Ownern, in denen ich meine fachliche Expertise einbringe und auf Anpassungen sowie Weiterentwicklungen hinwirke. Ich koordiniere das Beratungsteam, plane gemeinsam mit den Verantwortlichen Beratungsaufträge und begleite deren Umsetzung. Darüber hinaus berichte ich über die Aktivitäten im Rahmen der Vertreterversammlungen und sorge so für Transparenz innerhalb des Gremiums. 

Christoph Behn: Die Aufgabe eines Prozessverantwortlichen sehe ich darin, die Brücke zwischen Kanzleipraxis, Strategie und Umsetzung zu schlagen. Dazu gehört, Anforderungen aus der Praxis strukturiert zu formulieren, bestehende Prozesse kritisch zuhinterfragen und Entwicklungen konstruktiv zu begleiten. Gleichzeitig ist es Pflicht, nicht nur die eigene Kanzlei im Blick zu haben, sondern unterschiedliche Kanzleigrößen, Organisationsformen und Reifegrade mitzudenken. Prozessverantwortliche haben das Recht – und aus meiner Sicht auch die Verpflichtung –, Themen klar zu adressieren, Prioritäten einzufordern und Entwicklungen kritisch, aber lösungsorientiert zu begleiten.

Beschreiben Sie bitte, wie Sie die Aufgabe wahrnehmen, wie hoch der Zeitaufwand in etwa ist, welchen Output Sie für sich und Ihre Kanzlei aus dieser Aufgabe mitnehmen?

Stefan Wingert: Die Zusammenarbeit ist durch regelmäßige Jour fixes geprägt. Zusätzlich tausche ich mich intensiv mit Kolleginnen und Kollegen zu Wünschen, Erfahrungen und Best Practices rund um den Jahresabschluss aus und lasse diesen Input in Beratungsaufträge einfließen. Pilotierungen sowie Feedback zu Produkteinführungen gehören ebenfalls dazu. Der Zeitaufwand variiert je nach Anzahl und Umfang der Projekte, die Themen begleiten mich jedoch kontinuierlich im Berufsalltag. Gerade darin liegt für mich ein großer Mehrwert: Die Aufgabe erweitert meine Perspektive, sensibilisiert mich für neue Lösungen und unterstützt eine zukunftsorientierte Weiterentwicklung meiner Kanzlei.

Chrstioph Behn: Ich nehme die Aufgabe sehr aktiv wahr und verstehe sie nicht als formale Rolle, sondern als kontinuierliche Mitwirkung. Der zeitliche Aufwand für die reine Tätigkeit als Prozessverantwortlicher liegt im Schnitt bei mehreren Stunden proMonat, mit klaren Spitzen bei strategisch wichtigen Themen. Darüber hinaus entsteht zusätzlicher Zeitaufwand durch meine Rolle als aktives Mitglied im Vertreterrat durch die Mitwirkung in Beratungsaufträgen und Abstimmungen anderer Workstreams, in die ich punktuell eingebunden bin. Der Output ist für mich sehr hoch: Zum einen erhalte ich einen frühen und tiefen Einblick in Entwicklungen, was mir hilft, meine eigene Kanzlei strategisch vorzubereiten. Zum anderen nehme ich viele Impulse für Prozessdenken, Priorisierung und Change-Management mit, die ich unmittelbar in der Kanzlei nutzen kann.

Wie läuft der Austausch und die Zusammenarbeit mit dem Workstream?

Stefan Wingert: Wir treffen uns regelmäßig zu virtuellen Jour fixes. Für umfangreichere Beratungsaufträge kommen wir häufig persönlich in Nürnberg zusammen, da sich komplexe Themen im direkten Austausch oft effizienter bearbeiten lassen. Kürzere Abstimmungen erfolgen bewusst digital, um Zeit und Ressourcen zu schonen.

Christoph Behn: Ich betreue zwei Workstreams. Im Workstream Kanzleimanagement ist es so geregelt, dass ich direkt an den PO-Meetings teilnehme. Das hat für beide Seiten Vorteile: Für die Product Owner entfällt eine separate Vorbereitung speziell für mich, und ich erhalte eine sehr unmittelbare Perspektive auf Entscheidungen, Diskussionen und Prioritäten – ohne zeitliche Verzögerung oder Filter. Im Workstream Basis findet ein regelmäßiger, strukturierter Austausch statt. Die Anzahl der Themen ist hier für mich geringer, dafür sind sie deutlich größer und grundsätzlicher. Themen wie DATEV-Geschäftsplattform, Cloud-Rechtemanagement oder der Mandantentyp 2 haben eine enorme Tragweite und betreffen alle Kanzleien jeder Größenordnung.

Was waren beispielhaft konkrete Punkte, bei denen Sie als Prozessverantwortlicher eingewirkt haben?

Stefan Wingert: Ein aktueller Schwerpunkt ist die Verankerung klarer Qualitätsmerkmale in der neuen KI-gestützten Buchhaltungs- und Jahresabschlusssoftware. Ziel ist es, die Vorteile technologischer Innovation mit den hohen qualitativen Anforderungen unseres Berufsstands zu verbinden. Dieser Entwicklungsprozess läuft derzeit noch und wird von uns eng begleitet.

Christoph Behn: Ein zentrales Thema war mein starker Einsatz für eine konsequente und klare Lösung beim Mandantentyp 2. Hier war mir wichtig, dass nicht halbe Lösungen entstehen, sondern ein tragfähiges, verständliches Konzept, auf welches sich die Kanzleienvorbereiten können. Ein weiterer Punkt war mein Einsatz für eine schnelle Freigabe der Cloud-Version des Kanzleimanagements, um Kanzleien frühzeitig produktiv mit den neuen Strukturen arbeiten zu lassen. Aktueller Schwerpunkt ist die Beratung hinsichtlich des Cloud-Nachfolgers der Dokumentenablage / DMS. Darüber hinaus habe ich mich wiederholt für die Cloud-Strategie insgesamt starkgemacht und diese auch gegenüber kritischen Stimmen aus der Beraterschaft verteidigt – nicht aus Prinzip, sondern weil ich sie für alternativlos halte, wenn wir zukunftsfähig bleiben wollen.

Durch die Arbeit als Prozessverantwortlicher gewinnen Sie einen anderen Einblick in die DATEV-Welt. Hat sich dadurch auch Ihr Blick auf DATEV verändert?

Stefan Wingert: Die Aufgabe hat mir einen deutlich tieferen Einblick in die Arbeitsweise von DATEV ermöglicht. Ich habe ein großes Verständnis für die Komplexität der Produktentwicklung gewonnen und nehme wahr, mit welchem Engagement dort gearbeitet wird. In Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen werbe ich daher häufig für eine differenzierte Betrachtung. DATEV leistet insgesamt hervorragende Arbeit – auch wenn es, wie bei jeder Organisation, stets Potenzial für weitere Verbesserungen gibt.

Christoph Behn: Ja, deutlich. Durch die Rolle als Prozessverantwortlicher habe ich einen wesentlich tieferen Einblick in Entscheidungsprozesse, Abhängigkeiten und strategische Zwänge erhalten. Viele Entscheidungen werden nachvollziehbarer, auch wenn sieaus Anwendersicht nicht immer sofort begeistern. Gleichzeitig ist mein Anspruch eher gestiegen: Gerade weil ich sehe, wie viel Know-how und Engagement vorhanden ist, wünsche ich mir an manchen Stellen noch mehr Klarheit, Konsequenz und Mut in der Umsetzung.

Wie interagieren Sie als Prozessverantwortlicher mit DATEV und mit dem Vertreterrat?

Stefan Wingert: Die Zusammenarbeit erfolgt sowohl virtuell als auch persönlich vor Ort und ist durchgehend von einem partnerschaftlichen Austausch auf Augenhöhe geprägt. Genau diese Kultur macht die Arbeit für mich besonders wertvoll und effektiv.

Christoph Behn: Ich verstehe meine Rolle als vermittelnd. Gegenüber DATEV bringe ich die Kanzleiperspektive klar, konstruktiv und manchmal auch kritisch ein. Gegenüber dem Vertreterrat ordne ich Entwicklungen ein, nehme Rückmeldungen auf undspiegele diese zurück. Mir ist wichtig, transparent zu kommunizieren, Erwartungen realistisch zu steuern und gleichzeitig sicherzustellen, dass zentrale Themen nicht verwässert oder aufgeschoben werden.

Vielen Dank für das Gespräch!