Die Meistersingerhalle in Nürnberg, ein Konzerthaus nahe der Innenstadt, ist an diesem Tag Ende Juni 2025 gut gefüllt. Mehr als 200 Berufsträgerinnen und Berufsträger aus ganz Deutschland, allesamt DATEV-Mitglieder, sind zur jährlichen Vertreterversammlung zusammengekommen. Für viele Teilnehmer gehört dieses Treffen längst zur Routine, sind sie doch bereits längere Zeit Mitglied der Vertreterversammlung. Für Maurice Schaar war es ein neues und ungewohntes Bild. 

„Wenn man zum ersten Mal in diesem Saal sitzt, merkt man erst, wie groß dieses Netzwerk an Berufskolleginnen und -kollegen eigentlich ist“, erinnert sich der Steuerberater aus Berlin an seine erste Vertreterversammlung, nachdem er bei der Vertreterwahl 2024 in das Gremium gewählt worden war. Seit rund 20 Jahren ist Maurice Schaar im Beruf tätig und führt eine Kanzlei mit 17 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Dass er einmal selbst Teil dieses Gremiums sein würde, war ursprünglich nicht geplant. 

Der Weg ins Gremium

Eigentlich wollte Maurice Schaar sich nur im Online-Wahl-Tool registrieren, um an der Wahl teilnehmen und Berufskollegen wählen zu können. Doch im Verlauf des Nominierungsprozesses wurde ihm klar, dass auch eine eigene Kandidatur möglich wäre. „Ich bin da eher hineingerutscht“, sagt er rückblickend. Erst bei den ersten Informationsveranstaltungen habe er verstanden, welche wichtige Rolle Vertreterversammlung und Vertreterrat innerhalb der Genossenschaft spielen – und welche Möglichkeiten sie den Vertretern bieten. 

Julia Beer aus Würselen kam über einen anderen Weg zur Gremienarbeit. Die Steuerberaterin begann ihre berufliche Laufbahn mit einer Ausbildung zur Steuerfachangestellten, absolvierte anschließend mehrere Weiterbildungen und legte schließlich – parallel zu Familie und Beruf – das Steuerberaterexamen ab. Heute führt sie gemeinsam mit einem Partner eine Kanzlei mit 16 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Der Impuls zur Kandidatur kam bei ihr zum einen durch ihren Kanzleipartner Egbert Dahley, selbst jahrelang in DATEV-Gremien tätig, und aus dem Kollegenkreis. „Mir wurde gesagt: ‚Die Gremien benötigen immer wieder neue Impulse, auch von Mitgliedern, die noch nicht so lange dabei sind‘“, berichtet sie.

Gespräche mit erfahrenen Kolleginnen und Kollegen hätten schließlich ihr Interesse geweckt, sodass sich Julia Beer schnell zur Kandidatur entschloss und nun seit knapp zwei Jahren für den Regierungsbezirk Köln in Vertreterversammlung und Vertreterrat sitzt. 

Ohne Aufwand geht’s nicht

Die Mitarbeit im Vertreterrat bringt zusätzliche Termine mit sich, lässt sich aber gut organisieren. Für Julia Beer war der Faktor Zeit anfangs die größte Sorge. „Vor allem die regelmäßigen Reisen nach Nürnberg schlagen natürlich durch. Im Vorfeld habe ich mit meiner Familie diskutiert, die mir zugeraten hat, weil auch sie die Chancen der Gremienarbeit für die Kanzlei gesehen haben. Außerdem erlauben unsere Kanzleistrukturen, dass ich ab und zu in Nürnberg bin. Wir sind sehr gut aufgestellt, und ich habe ein tolles Team.“ Dass sich auch in den Gremien viele digitale Formate etabliert haben, erleichtert zudem den Austausch. 

Maurice Schaar schätzt den Aufwand auf etwa zwei bis drei Tage im Monat, Kanzleiarbeit hat er wegen seiner Tätigkeit im Vertreterrat aber nicht anderweitig delegieren müssen. Für ihn ist die Gremienarbeit gut integrierbar, schließlich „kann ich ja auch die Fahrten nach Nürnberg nutzen, um zu telefonieren oder einfach mal in Ruhe über Dinge nachzudenken, was im Kanzleialltag meist zu kurz kommt“. Maurice Schaar spricht von einer „guten Zeit“ – vor allem von einer, die sinnvoll investiert ist. 

Nach jeder Wahl findet eine Klausurtagung statt, bei der sich alle Mitglieder des neu gewählten Vertreterrats treffen. Sie erhalten Einblicke in die Entscheidungsprozesse und die wichtigsten Säulen der Gremienarbeit, zudem ist viel Zeit zum Kennenlernen und für den persönlichen Austausch. „Diese Klausurtagung hat mir unwahrscheinlich geholfen, mich schnell in die neue Tätigkeit einzufinden. Danach wusste ich, dass meine Entscheidung richtig war“, blickt Julia Beer zurück. 

Mitreden in Beratungsaufträgen

Ein zentraler Bestandteil der Arbeit im Vertreterrat sind sogenannte Beratungsaufträge. In diesen Arbeitsformaten bringen Mitglieder ihre Erfahrungen aus der Praxis ein und diskutieren gemeinsam mit DATEV-Verantwortlichen über Produkte, Prozesse und zukünftige Entwicklungen. Maurice Schaar beschäftigt sich unter anderem mit Themen rund um Service, Beratungstools und Kommunikation. „Es ist spannend zu sehen, wie Ideen entstehen und weiterentwickelt werden“, sagt er. „Und man kann seine Perspektive aus dem Kanzleialltag einbringen. Zudem haben wir Vertreter natürlich einen kleinen Wissensvorsprung hinsichtlich aktueller und künftiger Entwicklungen, den wir für unsere Mandanten nutzen können.“ 

Julia Beer engagiert sich besonders im Lohn und arbeitet zusätzlich in weiteren Beratungsaufträgen mit. „Anfangs dachte ich, dass wir bei den Beratungsaufträgen Arbeitsstände lediglich präsentiert bekommen, wir vielleicht unsere Meinung dazu sagen können, die pflichtschuldig dokumentiert wird und danach in der Schublade verschwindet.“ Sie war positiv überrascht, wie intensiv der Austausch tatsächlich ist. „Unsere Vorschläge und Anregungen werden diskutiert, weiterentwickelt – und auch umgesetzt. Wir werden von den DATEV-Mitarbeitern regelrecht dazu aufgefordert, konstruktive Kritik und Input einzubringen. Für mich ist das ein wichtiger Aspekt der Zusammenarbeit.“ Auch die gemeinsamen Abendessen am Vorabend von Vor-Ort-Terminen erweitern den Horizont, bringen neue Einblicke und „machen auch viel Spaß“. 

Ein Netzwerk im ganzen Bundesgebiet

Besonders wertvoll ist für beide der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Regionen. „Man merkt schnell, dass Steuerberater überall mit ähnlichen Herausforderungen zu tun haben“, sagt Maurice Schaar. Digitalisierung, Fachkräftemangel oder organisatorische Fragen seien Themen, die viele Kanzleien gleichermaßen beschäftigen – und die sich mit dem neuen Netzwerk, über das er dank seiner Gremienarbeit verfügt, ganz anders betrachten und angehen lassen. Viele Begegnungen wiederholen sich im Laufe der Zeit und lassen ein Netzwerk entstehen, das weit über den eigenen Bezirk hinausreicht – bis hin zu Freundschaften, die aus der Arbeit entstehen. „Wenn Kollegen mal in Berlin sind, rufen sie vorher bei mir an, damit wir uns treffen und austauschen können. Das hat manchmal schon was von einem Klassentreffen“, erzählt Maurice Schaar. 

Auch Julia Beer erlebt diesen Austausch als großen Gewinn. „Man bekommt Einblicke in ganz unterschiedliche Kanzleistrukturen und Arbeitsweisen“, sagt sie. „Das erweitert den eigenen Blick enorm.“ 

Ein neuer Blick auf DATEV

Für beide hat sich auch die Wahrnehmung der Genossenschaft verändert. „Früher habe ich DATEV vor allem als Softwareanbieter wahrgenommen“, sagt Julia Beer. Durch die Gremienarbeit sei ihr stärker bewusst geworden, welche Prozesse und Abstimmungen hinter vielen Entwicklungen stehen. Maurice Schaar beschreibt diese Erfahrung ähnlich. Wer Einblick in Diskussionen und Entscheidungsprozesse bekomme, verstehe viele Entwicklungen besser. 

So ist die Arbeit im Vertreterrat für beide längst mehr als ein zusätzlicher Termin im Kalender. Sie verbindet fachlichen Austausch mit neuen Perspektiven und macht sichtbar, was eine Genossenschaft ausmacht: Die Mitglieder sind nicht nur Kunden und Anwender, sondern auch ein aktiver Teil eines gemeinsamen Entwicklungsprozesses.

Das Herz der Genossenschaft

Vertreterversammlung

Sie ist das Parlament der DATEV-Mitglieder: Die Vertreterversammlung fasst die zentralen Beschlüsse der Genossenschaft und besteht aktuell aus mehr als 200 Delegierten. Sie werden alle vier Jahre von den DATEV-Mitgliedern in regionalen Wahlbezirken gewählt und vertreten deren Interessen. Die Vertreterversammlung entscheidet beispielsweise über die strategische Ausrichtung der Genossenschaft, über Satzungsfragen und genehmigt den Jahresabschluss. Sie bildet damit das demokratische Fundament der genossenschaftlichen Mitbestimmung. Die nächste Nominierungsphase steht Ende 2027 an; die Wahl findet 2028 statt.

Vertreterrat

Zusätzlich zur Vertreterversammlung wird alle vier Jahre auch der Vertreterrat gewählt. Das Gremium bringt die Perspektive der Mitglieder direkt in strategische und fachliche Diskussionen ein. Vertreterinnen und Vertreter aus verschiedenen Regionen Deutschlands beraten den Vorstand und begleiten Entwicklungen aus Sicht der Praxis. Ein zentrales Instrument dafür sind Beratungsaufträge. In diesen Arbeitsformaten diskutieren Mitglieder mit DATEV-Verantwortlichen über Produkte, Services und künftige Entwicklungen.