Sie leben unter einem Dach, fahren in der Freizeit zusammen Ski und arbeiten auch noch in derselben Kanzlei. Was für die meisten ein Zuviel an Gemeinsamkeit wäre, ist für die Kesslers Alltag. Ein Gespräch über Familienzusammenhalt, Generationswechsel und den Mut, loszulassen.
Text: Dietmar Zeilinger Fotos: Florian Generotzky
E s klingt einfach und romantisch zugleich – und ist weder das eine noch das andere. Eine Kanzleiübergabe innerhalb der Familie ist ein anspruchsvoller Changeprozess. Vertrauen, Verantwortung und Mut zur Veränderung sind dafür wichtige Voraussetzungen. Über mehr als vier Jahrzehnte hat der Steuerberater Hans Kessler gemeinsam mit seiner Ehefrau Ruth in Dießen am Ammersee eine Steuerberatungskanzlei aufgebaut und erfolgreich geführt. Vor zehn Jahren übergaben sie die Verantwortung an ihre Kinder Anna und Martin Kessler. Vater und Tochter berichten, wie die Familie den Generationswechsel gemeistert und Emotionen und Strategie in Einklang gebracht hat.
Herr Kessler, erinnern Sie sich an den Moment, in dem klar war: Die Kanzlei bleibt in der Familie?
Hans Kessler: Das weiß ich noch sehr genau. Ich war 58, habe meine drei Kinder zusammengerufen und gesagt: „Wenn in zwei Jahren keiner von euch sagt, er steigt ein, verkaufe ich die Kanzlei.“ Ich hätte überleitend weitergearbeitet und mich auf meine Testamentsvollstreckungen konzentriert. Für mich war klar: Mit 60 ziehe ich die Linie.
Anna Kessler: Für mich war es eher ein Prozess als ein einzelner Moment. Ich war schon lange im Unternehmen, habe die Entwicklung gesehen und miterlebt, wie meine Eltern das aufgebaut haben. Für meinen Vater war es ein Loslassen, für uns war es ein Übernehmen. Mit allem, was dazugehört.
Was war Ihr größter Konfliktpunkt, und wie haben Sie ihn gelöst?
Anna Kessler: Ganz offen? Geschwindigkeit und Struktur. Mein Vater kommt aus einer Generation mit offener Tür. Jeder konnte jederzeit zu ihm rein. Das hat damals auch funktioniert, heute stehen wir vor ganz anderen Herausforderungen: Fachkräftemangel, Komplexität, digitale Prozesse. Ich habe irgendwann gesagt: Wir müssen Themen kanalisieren, Aufgaben bündeln, unser Team schützen. Wir können nicht permanent im Überlastungsmodus arbeiten. Das war ein echter Reibungspunkt.
Hans Kessler: Das stimmt. Ich habe 40 Jahre alles selbst entschieden. Wenn du das so lange machst, dann ist das in dir drin. Und plötzlich sagen dir deine Kinder: „Wir machen das anders.“ Das musst du aushalten. Aber ich habe sehr bewusst entschieden, mich nicht einzumischen. Wir haben das sogar förmlich vereinbart: Strategische Entscheidungen treffe ich nicht mehr. Wenn sie mich fragen, antworte ich. Aber ungefragt mische ich mich nicht ein. Das war mein Beitrag zum Gelingen.
Anna Kessler: Und entscheidend. Es gab ein, zwei wirklich harte Situationen. In der Familie wird emotionaler diskutiert als mit externen Partnern. Aber am Ende hält man zusammen. Irgendwann war klar: Papa macht sein Fachgebiet, das Tagesgeschäft liegt bei uns. Seitdem ist Ruhe drin.
Welche Regeln haben Sie für die Zusammenarbeit als Familie definiert?
Hans Kessler: Am Mittagstisch ist das Büro tabu. Wir leben in einem Mehrgenerationenhaus, essen oft gemeinsam. Wenn die Enkel da sind, wird nicht über Kunden gesprochen. Das ist eine klare Regel.
Anna Kessler: Mit Einschränkungen. Ganz ehrlich: Wenn du mit deinen Eltern arbeitest und auch noch unter einem Dach wohnst, dann lässt sich das nicht komplett trennen. Aber wir besprechen Geschäftliches nur mit Ansage. Nicht zwischen Tür und Angel. Ich glaube, es braucht diese bewussten Rituale. Sonst frisst dich das auf.
Ergänzen Sie sich fachlich und persönlich?
Anna Kessler: Mein Bruder ist der Steuerberater und der Fachmann. Wenn es um steuerliche Detailfragen geht, um Immobilien oder komplexe Sachverhalte, ist er der Ansprechpartner. Ich bin stärker im Strategischen, in der Organisation, in der Digitalisierung und in Teamfragen. Ich spreche mit den Kunden über Verfahrensdokumentation, über Prozesse und digitale Zusammenarbeit.
Hans Kessler: Das ist eine gute Aufteilung. Ich selbst bin inzwischen eine Art Insel mit meinem Spezialgebiet Erbschaft- und Schenkungsteuer. Das ist hochspezialisiert. Das würde man extern so nicht bekommen. Und ich mache das, solange ich kann.
Wo ticken Sie unterschiedlich?
Anna Kessler: Digitalisierung ist sicher ein Punkt. Wir gehören zu den Kanzleien, die sehr früh alles konsequent und flächendeckend umgestellt haben: DATEV Unternehmen online, Meine Steuern, digitale Lohnakte. Wir haben gelernt, dass Ausnahmen der Tod jedes Prozesses sind. Wenn jemand mit einem Pendelordner kommt, dann digitalisieren wir den. Aber wir bearbeiten ihn nicht mehr analog. Punkt.
Hans Kessler: Ich sehe das inzwischen genauso. Aber ich hätte es vielleicht früher nicht so radikal gemacht. Ich komme aus einer Zeit, in der man individueller gearbeitet hat.
Anna Kessler: Heute kannst du dir das nicht mehr leisten. Wir haben 25 Teammitglieder. Die wollen klare Strukturen, sonst verlieren wir sie.
Welche Rolle hat die Technik bei der Nachfolgefrage gespielt?
Anna Kessler: Eine Kanzlei ist nur übergabefähig, wenn sie zukunftsfähig ist. Und Zukunftsfähigkeit heißt ganz klar: digitale Prozesse, klare Plattformstrategie und eine strukturierte Zusammenarbeit. Für uns ist DATEV der zentrale Ausgangspunkt. Wir wollen nicht 15 Plattformen, das macht die Leute wahnsinnig. Aber, und das sage ich auch offen, DATEV ist für uns als Vorreiter manchmal zu langsam. Wir gehören zu den fünf bis zehn Prozent der Kanzleien, die wirklich alles ausschöpfen. Da wünsche ich mir mehr Geschwindigkeit.
Hans Kessler: Wir haben mit DATEV den Mercedes gekauft. Der kostet, ja. Aber du bekommst alles. Und wir haben sogar schon Programmänderungen über die Hotline angestoßen. Das ist Qualität. Wir sind immer super mit DATEV gefahren.
Herr Kessler, was raten Sie anderen Inhabern bei einem innerfamiliären Generationswechsel?
Hans Kessler: Erstens: Machen Sie es frühzeitig. Warten Sie nicht, bis Sie 65 sind und dann in zwei Jahren alles übergeben wollen. Zweitens: Klären Sie die Rollen – und halten Sie sich daran. Wenn Sie die Kanzlei übergeben, dann tun Sie es auch wirklich. Drittens: Lassen Sie Fehler zu. Ich habe viele Entscheidungen allein getroffen, gute und schlechte. Das dürfen die Jungen auch. Und vielleicht das Wichtigste: Mischen Sie sich nicht permanent ein. Ich kenne Kollegen, die jede Woche noch im Laden stehen und alles kommentieren. Das zerstört Vertrauen.
Was würden Sie in der Kanzlei auch in Zukunft gern weiterhin sehen?
Hans Kessler: Was bleiben sollte? Die Haltung. Dass wir sagen: Wir sind ein Team. Keine Hierarchie mit dem Chef oben und dem Rest unten. Das haben wir immer anders gelebt.
Frau Kessler, was ist Ihnen als Kanzleichefin besonders wichtig?
Anna Kessler: Ich mag das Wort „Chefin“ nicht. Da bin ich ganz bei meinem Vater. Ich bin Teil eines Teams. Aber ich bin klarer in Strukturen, durchsetzungsstärker in Prozessen. Ich treffe Entscheidungen, allerdings gemeinsam mit Projektteams. Außerdem liegen mir Mitarbeiterschutz und Prozessklarheit sehr am Herzen. Wir können nur gut arbeiten, wenn wir unsere Leute nicht verheizen. Deshalb gibt es bei uns klare Standards, klare Plattformen, klare Zuständigkeiten. Und ich finde es wichtig, frühzeitig die nächste Generation ranzulassen. Die steht bei uns schon in den Startlöchern. Bis es so weit ist, muss die Kanzlei so aufgestellt sein, dass die Übergabe möglich ist.
Wie definieren Sie Ihren Führungsstil, und wie unterscheidet er sich von dem Ihres Vaters?
Anna Kessler: Mein Vater war stärker Einzelentscheider. Ich bin mehr Moderatorin. Wir haben beispielsweise Verantwortliche für zentrale Themen wie DATEV Meine Steuern oder Digitalisierung. Da sitzen immer eine erfahrene und eine jüngere Person zusammen. Das war am Anfang nicht leicht, aber es funktioniert hervorragend. Diese dezentrale Struktur in der Entscheidungsfindung unterscheidet meinen Vater und mich schon.
Hat sich die Entscheidung gelohnt, die Kanzlei innerhalb der Familie weiterzuführen?
Anna Kessler: Ja. Aber der Weg ist schon auch hart manchmal. Die Familie im Unternehmen zu haben, heißt eben auch eine Menge Emotionen im Changeprozess. Das musst du aushalten können.
Hans Kessler: Natürlich! Für mich hat sich mein Vertrauen gelohnt. Ich weiß, dass sie es gut machen. Und ich weiß, dass ich gebraucht werde, aber nicht mehr als Lenker, sondern als Spezialist.
Anna Kessler: Am Ende ist es vielleicht genau das: Loslassen auf der einen Seite und Verantwortung übernehmen auf der anderen. Wenn das gelingt, kann eine innerfamiliäre Übergabe ein enormer Vorteil sein.
Die Kanzlei
Die Kanzlei Kessler in Dießen am Ammersee hat sich insbesondere mit ihrer Expertise für Erbschaft- und Schenkungsteuer sowie in der Testamentsvollstreckung einen Namen gemacht. Sie beschäftigt rund 25 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und hat ihre Prozesse konsequent digitalisiert, von der Finanzbuchführung bis zur vollständig digitalen Personalakte.