Operation gelungen, Patient stabil. Cornelius Nickert konnte zufrieden sein mit der Entwicklung seines Mandanten. Vor Kurzem noch war das Unternehmen in akuter Schieflage gewesen, nach einer von Nickert & Nickert begleiteten Sanierung liefen die Geschäfte wieder rund, die Auftragslage besserte sich, die Umsätze stiegen. Was Cornelius Nickert jedoch stutzig machte: Immer wieder kam es in dem Betrieb mit rund 100 Mitarbeitern in der Produktion zu unerwarteten Engpässen, es fehlte Material, oder das Personal war knapp. Die Folgen: Lieferschwierigkeiten, Überstunden, Stress.

Also doch nicht alles in Ordnung? Nickert startete eine datengetriebene Analyse, die sichtbar machte, was im Tagesgeschäft unterging: Die Engpässe folgten einem Muster. „Aus den betriebswirtschaftlichen Auswertungen der vergangenen Jahre haben wir eine Zeitreihenanalyse erzeugt“, sagt der Steuerberater, Rechtsanwalt und Partner, der außerdem auch Fachanwalt für Steuer-, Insolvenz- und Sanierungsrecht ist. Daraus ließ sich erkennen, dass die Auftragsspitzen immer zu denselben Zeiten auftraten. „Wir konnten die Umsatzerlöse für die nächsten sechs Monate mit einer extrem hohen Treffergenauigkeit prognostizieren“, ergänzt Nickert. Mit einer darauf abgestimmten Einkaufs- und Personalplanung ließ sich das Problem in den Griff bekommen. 

Früher blickten sie zurück – künftig führen Steuerberater in die Zukunft

Das Beispiel zeigt, wie sich Digitalisierung nutzen lässt, um Schwachstellen in betriebswirtschaftlichen Abläufen aufzuspüren, die früher unentdeckt geblieben wären. Und es steht für einen Perspektivwechsel: Waren Steuerberater in der analogen Welt vor allem die Erklärer der Vergangenheit, sind sie heute als Berater für die Zukunft gefragt. Ein Jahresabschluss macht sichtbar, was war. Digitales Forecasting zeigt, was kommt. Und das rechtzeitig genug, um steuernd eingreifen zu können. 

In nahezu allen Branchen bilden Daten heute die Grundlage für Prognosen, Risikofrüherkennung und strategische Entscheidungen. Sie gelten als einer der zentralen Wachstumstreiber der Wirtschaft. Das Geschäft mit ihrer Erhebung und Auswertung stand nach Berechnungen der EU-Kommission 2025 für rund 626 Milliarden Euro Wertschöpfung – knapp fünf Prozent des EU-Bruttoinlandsprodukts. 

Trotz ihrer hohen volkswirtschaftlichen Relevanz ist die Datenökonomie bei vielen Mittelständlern jedoch eher ein Zukunftsprojekt als gelebte Praxis. Lediglich sechs Prozent der deutschen Unternehmen schöpfen das Potenzial ihrer verfügbaren Daten vollständig aus, ergab eine Erhebung des Digitalverbands Bitkom 2024. Die große Mehrheit wertet ihre Daten dagegen kaum oder nicht systematisch aus. 

„Gerade einmal ein Drittel der deutschen Unternehmen ist Data Economy Ready.“

Dr. Marc Scheufen, Senior Economist für Künstliche Intelligenz und Datenregulierung, Institut der deutschen Wirtschaft (IW), Köln

Fehlende Data Economy Readiness nennt das Dr. Marc Scheufen, Senior Economist für Künstliche Intelligenz und Datenregulierung am Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Darunter versteht er die Fähigkeit, relevante Daten nicht nur vorzuhalten, sondern sie auch systematisch für wirtschaftliche Entscheidungen zu managen und zu nutzen. „Gerade einmal ein Drittel der deutschen Unternehmen ist Data Economy Ready“, sagt Scheufen. Es sind vor allem die großen Unternehmen, die über die nötige Infrastruktur, die Datenstrategien und Kompetenzen verfügen. Klein- und Kleinstbetrieben fehlt es meist an Ressourcen und Know-how. 

Die Zurückhaltung vieler Unternehmen hat jedoch nicht nur strukturelle Gründe, sie hat auch mit Verantwortung zu tun. Im privaten Alltag ist der freigiebige Umgang mit Daten für viele selbstverständlich: Vom Fitness-Tracker bis zum Smart Meter, der den heimischen Energieverbrauch optimiert, werden persönliche Daten oft relativ bedenkenlos geteilt. Für Unternehmen hingegen gelten andere Anforderungen an den Datenschutz, für Steuerberatungskanzleien erst recht. Datenbasiertes Arbeiten und Entscheiden erfordert hohe strategische, finanzielle und rechtliche Maßstäbe. Wer diese Vorgaben nicht erfüllt, muss unter Umständen mit Konsequenzen für sein Unternehmen rechnen, die existenziell sein können. 

Ohne Datenanalyse sind Unternehmen im Blindflug unterwegs

Wie stark diese Wahrnehmung verbreitet ist, zeigt eine aktuelle Bitkom-Umfrage: Von 603 Unternehmen mit mehr als 20 Beschäftigten gaben 77 Prozent an, dass der Datenschutz die Digitalisierung in Deutschland hemme. 69 Prozent sehen Datenschutz als Hürde für das Training von Künstlicher Intelligenz (KI). 

Wie sich die Zurückhaltung der Unternehmen in der Praxis auswirkt, erleben Nickert & Nickert regelmäßig. „Wir müssen bei vielen Mandanten erst einmal eine Unternehmensplanung oder ein Liquiditätsmonitoring schaffen“, sagt Cornelius Nickert. Ohne diese Grundlagen gleiche unternehmerische Steuerung einem Blindflug. Entwicklungen würden erst sichtbar, wenn der Handlungsspielraum bereits geschrumpft sei. Dabei liegt dort, wo Daten bekannt sind und eingeordnet werden können, die Chance, sowohl Schief‌lagen als auch Chancen frühzeitig zu erkennen. Hier können – und sollten – Steuerberater mit ihrer Beratung ansetzen. 

Zahlreiche Informationen stecken bereits in der betriebswirtschaftlichen Auswertung (BWA) – wenn die Daten systematisch analysiert und ausgewertet werden. Die Liquiditätsentwicklung ist ein Frühindikator für drohende wirtschaftliche Schwierigkeiten, aus Lohnabrechnungen lassen sich strukturelle Ungleichheiten bei der Bezahlung ableiten, Lagerbestände und Fuhrparkkosten können Hinweise auf Optimierungspotenzial liefern. DATEV-Lösungen wie der DATEV Frühwarnservice oder der DATEV Liquiditätsmonitor online helfen, solche Daten richtig zu interpretieren und nutzbar zu machen (siehe Übersicht Beratungsprodukte). 

Vielen Unternehmen fehlt jedoch die praktische Erfahrung im Umgang mit datenbasierten Anwendungen. Auch wenn der Einsatz von KI im Mittelstand steigt, wünscht sich Scheufen den „Weitblick von Unternehmen, dass die KI dabei helfen könnte, diese Herausforderung zu meistern“. Er appelliert, „mit KI zu experimentieren“. Anwendungserfahrung sei der Schlüssel, um Daten nicht nur zu sammeln, sondern auch systematisch nutzbar zu machen. Wie das in der Praxis aussehen kann? „Diese rechtlichen Hemmnisse, wie Datenschutz, unklare Haftungsformen oder zeitliche und territoriale Begrenzungen durch Datenlizenzverträge, sollten in konkrete Handlungsspielräume übersetzt werden“, rät er. 

„Wir müssen bei vielen Mandanten erst einmal eine Unternehmensplanung oder ein Liquiditätsmonitoring schaffen.“

Cornelius Nickert, Steuerberater, Rechtsanwalt und Partner, Fachanwalt für Steuer-, Insolvenz- und Sanierungsrecht, Nickert & Nickert Rechtsanwälte & Steuerberater PartG mbB

Datenbasierte Beratung ermöglicht Handlungsspielräume

Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für Unternehmen haben sich verschärft. Laut Creditreform erreichte die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland 2025 mit rund 23.900 Fällen den höchsten Stand seit mehr als einem Jahrzehnt. Gleichzeitig berichten Unternehmen von schwankenden Auftragseingängen und kürzeren Planungshorizonten. Der DATEV Mittelstandsindex zeigt, dass quer durch den Mittelstand die Umsätze und die Beschäftigung sinken, während die Lohnkosten steigen. Zugleich steigt die Zahl der Insolvenzen, vor allem bei Kleinstunternehmen, aber auch Betriebe mit mehr als 100 Mitarbeitern sind betroffen. 

„Unter solchen Bedingungen helfen Kennzahlen im Rückspiegel nur sehr begrenzt. Vergangenheitswerte sind zwar verlässlich, geprüft und festgeschrieben, und sie erklären, wie ein Unternehmen an den Punkt gekommen ist, an dem es heute steht. Um drohende Risiken frühzeitig zu erkennen oder Handlungsspielräume zu eröffnen, kommen sie jedoch zu spät”, sagt Anne Nickert, Partner, Rechtsanwältin und Fachanwältin für Steuerrecht bei Nickert & Nickert. Datenbasierte Steuerung setzt hier an und blickt auf künftige Wahrscheinlichkeiten. Dabei reicht es nicht, vergangene Entwicklungen einfach in die Zukunft fortzuschreiben. Scheufen rät daher, Analyseverfahren zu nutzen, mit denen sich Zusammenhänge sichtbar machen lassen. 

 

Eine datenbasierte Beratung trägt dabei nicht nur den gestiegenen Erwartungen seitens der Mandanten Rechnung, sondern verschafft auch Sicherheit hinsichtlich der eigenen Haftung. In Insolvenzverfahren wird häufig geprüft, ob die kritische Lage früher hätte erkannt werden müssen. Ob früher hätte gehandelt werden müssen. Im schlimmsten Fall droht dem steuerlichen Berater neben Regressforderungen sogar die strafrechtliche Verfolgung. „Die kritische Distanz ist bei Krisenmandanten besonders wichtig“, sagt Anne Nickert. 

 

Für die Steuerberatung führt diese Entwicklung zu einem Bedeutungsgewinn. Nicht mehr der einzelne Abschluss entscheidet, sondern die Fähigkeit, Entwicklungen im Zeitverlauf zu erkennen und einzuordnen. Wer mit Buchführungs- und Leistungsdaten aus mehreren Jahren arbeitet, Schwankungen nicht isoliert betrachtet und Annahmen regelmäßig überprüft, gewinnt Überblick und Sicherheit. Zeitreihen und wiederkehrende Muster erlauben eine Einordnung – nicht als Prognoseversprechen, sondern als Entscheidungsgrundlage für die künftige Planung. 

Diese wird vom einmaligen Akt zum kontinuierlichen Prozess. „Eine solche Planung ist wie ein Wanderschuh“, sagt Cornelius Nickert. „Am Anfang holt man sich Blasen. Aber wenn der Schuh eingelaufen ist, will man ihn nicht mehr ausziehen.“ Denn eine verlässliche Datengrundlage ist ein Grund, auf dem beide sicher stehen können – Mandant und Steuerberater.  

Isolierte Daten bleiben oft rätselhaft –längere Zeitreihen offenbaren das Bild

Im Fall des Mandanten von Nickert & Nickert zeigten die Daten Schwankungen, die sich nicht erklären ließen, solange man sie isoliert betrachtete. Erst die Betrachtung der Zeitreihe machte sichtbar, was drohte. „Entweder hätte der Mandant Aufträge nicht annehmen können oder sie hätten sich verschoben“, berichtet Cornelius Nickert. Teuer nachgeordertes Material oder kurzfristig angeheuerte Leiharbeiter hätten die Betriebskosten dramatisch erhöht. 

Neben der Analyse unternehmensinterner Daten erweitern das DATEV-Branchenbarometer oder der DATEV Mittelstandsindex den Blick auf das Marktumfeld. Sie ermöglichen Vergleiche der Firmendaten mit der Branche. So entstehen Benchmarks, die die Stellung des Mandanten im Wettbewerb aufzeigen, ohne dass die Daten der einzelnen Vergleichsunternehmen offengelegt werden.  

Eine solche Infrastruktur sorgt dafür, dass Kanzleidaten nicht isoliert und ungenutzt bleiben, sondern in aufbereiteter und veredelter Form in die Beratung zurückfließen. Für Steuerberater entsteht so eine belastbare Arbeitsgrundlage, um individuelle Entwicklungen passend einzuordnen und sie zugleich in einen größeren Kontext zu stellen. 

„Je näher ein Unternehmen an der Krise ist oder es schon mal war, desto offener ist es dafür.“

Anne Nickert, Partner, Rechtsanwältin und Fachanwältin für Steuerrecht, Nickert & Nickert Rechtsanwälte & Steuerberater PartG mbB

Trotzdem entstehen unternehmerische Entscheidungen auch künftig nicht allein aufgrund von Zahlen. Manche Ergebnisse der datenbasierten Analysen lassen sich auch mit Blick auf die Praxis nicht sofort nachvollziehen. Ein Gespräch über Hintergründe hilft, frühere Entscheidungen besser zu verstehen. Zudem hängt es stark vom Mandanten ab, ob er bereit ist, sich auf datenbasierte Prognosen einzulassen. „Je näher ein Unternehmen an der Krise ist oder es schon mal war, desto offener ist es dafür“, so die Erfahrung von Anne Nickert. 

Besonders in erfolgreichen Unternehmen gerate die Möglichkeit einer folgenschweren Krise schnell aus dem Blick. „Dann passieren manchmal schwerwiegende Fehler“, sagt Cornelius Nickert. In der Beratung dient diese Ungewissheit nicht als Gegenargument, sondern ist ein guter Einstieg in ein Gespräch. Wer den Status quo hinterfrage, überzeuge die Mandanten eher und mache sie „ein bisschen demütiger vor der Ungewissheit der Zukunft“. 

Datenbasierte Beratung ist eine Reaktion auf veränderte Rahmenbedingungen. Sie hilft, Entwicklungen einzuordnen, bevor sie zum Problem werden. Der Steuerberater entwickelt sich dabei zur Orientierungshilfe. Der Fall des Mandanten von Nickert & Nickert zeigt, wie dieser Wandel aussehen kann. Die Prognose machte sichtbar, wann Belastungsspitzen zu erwarten waren. Daraufhin wurden Urlaubszeiten verschoben, Material früher disponiert, Abläufe besser aufeinander abgestimmt. Engpässe ließen sich vermeiden, bevor sie entstanden. „Das war ein Volltreffer“, erinnert sich Cornelius Nickert. „Das war extrem gut.“ 

Was Datenqualität bedeutet, wie sie entsteht und wozu sie gut ist

Klare Prozese und hohe Standards verwandeln Daten in ein strategisches Werkzeug für Kanzleien. Sie ermöglichen eine bessere Beratung und helfen, neue Umsatzquellen zu erschließen.

Text: Klaus Meier 

Daten bilden die Grundlage für nahezu alle Tätigkeiten in Steuerberatungskanzleien. Ohne sie geht nichts. Kanzleien, die sich bewusst mit ihnen befassen, schaffen Voraussetzungen für eine gute Beratung. Damit Daten dabei ihren vollen Wert entfalten können, müssen sie qualitativ gut sein. 

Was genau ist Datenqualität?

Daten gelten als hochwertig, wenn sie korrekt, vollständig, aktuell, eindeutig und für ihren Zweck geeignet sind. Im Kanzleialltag muss man ihnen vertrauen können.

Wie entsteht sie?

Qualitativ hochwertige Daten sind das Ergebnis organisatorischer Regeln, guter Prozesse und eines bewussten Umgangs mit Daten. Dazu gehört, Verantwortlichkeiten festzulegen: Wer pflegt welche Daten? Wo werden sie gespeichert? Wer hat Zugriff?  

Womit startet man?

Neben den festgelegten Zuständigkeiten ist es wichtig, Standards zu definieren, Daten regelmäßig zu überprüfen und Mitarbeitende zu sensibilisieren. So lässt sich schon mit einfachen Mitteln ein hoher Nutzen erreichen. 

 

Welche Vorteile hat es, Daten im DATEV-Rechenzentrum zu speichern?

Wer seine Daten bei DATEV speichert, stellt sicher, dass sie konsistent, revisionssicher und geschützt sind. Automatisierte Prüfungen bei der Datenübermittlung helfen, Fehler frühzeitig zu erkennen und zu korrigieren. So stehen für Auswertungen, Beratung und viele weitere Dienstleistungen Daten in hoher Qualität zur Verfügung. Das gilt sowohl für eigene Daten als auch für anonymisierte Daten aus anderen Kanzleien sowie von Behörden und Kreditinstituten.